Expertenkommission listet 17 aufDie größten Gefahren für die Menschheit
Von Kai Stoppel
KI und Atomkrieg könnten die Menschheit theoretisch auslöschen. Doch eine Lancet-Kommission sieht ganz andere Bedrohungen als noch folgenschwerer an. Das Entscheidende bei der Liste der Gefahren: Wie schlimm es wirklich wird, hat die Menschheit selbst in der Hand.
Was sind die größten Gefahren für die Menschheit? Oft denkt man an Atomkrieg oder in letzter Zeit auch an KI, die außer Kontrolle gerät. Doch es gibt auch gesundheitliche Risiken wie Übergewicht, Alkohol oder Rauchen, welche bereits heute Menschen gesunde Lebensjahre kosten. Eine von der Fachzeitschrift "Lancet" einberufene Expertenkommission hat in ihrem aktuellen Bericht eine Liste der 17 größten Bedrohungen bis zum Jahr 2100 erstellt.
Der Ansatz der Forscher: Jede der 17 gelisteten Bedrohungen kostet die Menschheit mehr als eine Milliarde gesunder Lebensjahre bis 2100. Ein gesundes Lebensjahr geht durch Tod oder anteilig durch Krankheit verloren. Zum Vergleich: Die Corona-Pandemie hat die Menschheit etwa 500 Millionen gesunde Lebensjahre gekostet. Darin eingeschlossen sind laut dem Bericht geschätzt 18,1 Millionen Corona-Tote.
Als die schwerwiegendsten Risiken, die sogar das Aussterben der Menschheit zur Folge haben könnten, sieht die "Lancet"-Kommission einen Atomkrieg und den böswilligen Einsatz von KI. Sie werden daher als Bedrohung mit "Auslöschungspotenzial" geführt. Allerdings schätzen die Experten die Wahrscheinlichkeit, dass sie wirklich eintreten, als eher gering ein.
Gefahr durch KI-erzeugte Biowaffen
Bei KI sieht die Kommission drei Gefahrenwege: Kriminelle könnten mit ihrer Hilfe neuartige, hochtödliche Krankheitserreger entwerfen. Auch könnte KI, die in kritischer Infrastruktur eingebaut ist, versagen oder missbraucht werden - etwa in Kliniken oder autonomen Waffen. Auch beschreiben die Experten die Gefahr einer Superintelligenz, die Ziele verfolgt, die auf die Entmachtung oder Beseitigung der Menschheit hinauslaufen.
Ein Atomkrieg hingegen würde zunächst durch die Druckwellen, Hitze und Strahlung der Bomben viele Menschen töten und verletzen, heißt es in dem Bericht. Lieferketten, Landwirtschaft und staatliche Ordnung würden zusammenbrechen. Am schwersten wöge ein "nuklearer Hunger": Ruß in der oberen Atmosphäre würde das Klima über Jahre abkühlen und Ernten weltweit vernichten, auch fernab der Kriegsschauplätze.
Die Kommission listet daneben noch 15 weitere große Gefahren auf. Darunter Übergewicht, Rauchen, Alkohol sowie geringe Bildung und Einkommensungleichheit. Die Experten errechnen zudem, wie viel positiven Einfluss die Politik auf die Abschwächung der Folgen haben könnte. Beispiel Rauchen: Durch gute Politik und Gesundheitsvorsorge sterben und erkranken weniger Menschen infolge des Rauchens als durch schlechte Politik.
Für jedes der größten Risiken haben die Experten daher errechnet, wie viele gesunde Lebensjahre eine gute Politik im Vergleich zu einer schlechten retten könnte. Wenn man danach geht, steht Übergewicht ganz oben. Die Expertenkommission kommt mit ihrer Berechnung zu dem Schluss, dass bis zum Jahr 2100 rund 23 Milliarden verlorene Lebensjahre vermieden werden könnten, wenn die Menschheit sich besser ernähren und mehr bewegen würde. Das entspricht in etwa 46 Corona-Pandemien.
An zweiter Stelle steht ein geringer Bildungsstand. Die Experten sehen das Potenzial, durch die richtigen Maßnahmen rund 16 Milliarden gesunde Lebensjahre zu retten. Die Autoren des Berichts verweisen auf einen Zusammenhang, der in der Forschung gut belegt ist: Wer eine bessere Bildung genießt, lebt im Schnitt gesünder und länger.
Afrika am stärksten betroffen
Ähnlich argumentiert die Kommission bei der Einkommensungleichheit. Bis 2100 könnten den Berechnungen zufolge 13,8 Milliarden verlorene gesunde Lebensjahre vermieden werden. Der Grund: Wie viel Geld ein Haushalt zur Verfügung hat, beeinflusst die Ernährung, die medizinische Versorgung und vor allem das Überleben von Müttern und Neugeborenen.
Die Bedrohungen treffen die Welt allerdings sehr unterschiedlich. Den größten Teil der Last trägt Afrika südlich der Sahara. Zwei Drittel der Lebensjahre, die von besserer Bildung abhängen, entfallen auf diese Region, denn dort ist der Bildungsstand am niedrigsten und die Bevölkerung wächst am schnellsten. Bei den vermeidbaren Kriegstoten, ebenfalls eine der großen Gefahren bis 2100, sind es sogar fast 80 Prozent.
Und was ist mit dem Klimawandel? Auch er taucht in der Liste auf. Jedoch ist die Zahl der vermeidbaren verlorenen gesunden Lebensjahre mit 1,9 Milliarden vergleichsweise niedrig. Das liegt auch an der Rechenmethode: Die Forscher haben nur Gesundheitsfolgen einbezogen, für die es belastbare Daten gibt. Die Kommission hält es aber für möglich, dass der Wert in künftigen Analysen steigt. Auf lange Sicht, über das Jahr 2100 hinaus, könnte der Klimawandel sogar selbst zu einer Gefahr mit "Auslöschungspotenzial" werden, heißt es in dem Bericht.
"Menschheit kann noch handeln"
Aber nicht nur die Gesundheit, sondern auch Wohlstand, Sicherheit und Stabilität seien durch die 17 katastrophalen Bedrohungen gefährdet, heißt es in einer Mitteilung zu dem Bericht. Doch da es sich um einen vermeidbaren Verlust von Lebensjahren handelt, gibt es Handlungsspielraum. Die Autoren geben daher drei Empfehlungen an Entscheidungsträger:
den Aufbau von bedrohungsresistenten Gesundheitssystemen
Beschleunigung von Investitionen in bahnbrechende Innovationen
Ausbau der Überwachung neu auftretender Risiken
"Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur das Ausmaß dieser Bedrohungen, sondern auch, dass die Menschheit noch immer die Möglichkeit hat, zu handeln", sagte der Co-Vorsitzende der Kommission, Christopher Murray von der University of Washington, laut Mitteilung. "Bei allen 17 katastrophalen Bedrohungen werden die Entscheidungen, die die Verantwortlichen heute treffen, die Gesundheit und das Wohlergehen der nächsten Generation prägen."