Wirtschaft

Deutschlands neue AbhängigkeitNach Putin sitzt nun Trump am Gas-Erpressungshebel

22.09.2026, 11:09 Uhr imageVon Christina Lohner
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Ein Tanker entlädt bei Athen LNG aus den USA. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Statt russischem Gas importiert Deutschland heute eine entscheidende Menge Flüssiggas aus den USA. Kritiker sehen ein erhebliches Risiko für die Preise, aber auch die Versorgungssicherheit. Gezielt Europa könnte Donald Trump allerdings nicht so einfach unter Druck setzen. 

Die deutschen Gasspeicher sind so leer wie noch nie um diese Jahreszeit. Die niedrigen Füllstände sind zwar nicht direkt mit den vergangenen Jahren vergleichbar, weil sich über die inzwischen aufgebaute LNG-Infrastruktur bei Bedarf kurzfristig Flüssigerdgas einkaufen lässt. Unter anderem dadurch hat sich Deutschland aus der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen befreit. Doch auf der anderen Seite sind dadurch neue Abhängigkeiten entstanden - etwa von den Launen des unberechenbaren US-Präsidenten.

Würde Donald Trump die Exporte von Flüssiggas (LNG) aus seinem Land stoppen, droht Deutschland im schlimmsten Fall ein Gasmangel. Wahrscheinlicher ist, dass die Gaspreise in einem solchen Fall in die Höhe schießen. "Allein die Ankündigung der US-Regierung, Exportgenehmigungen möglicherweise zu widerrufen, würde den Preis in Europa scharf nach oben treiben", sagt etwa Andreas Goldthau, Direktor der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt.

Der Iran-Krieg hat die Lage zusätzlich verschärft, durch die stark beschädigte katarische LNG-Exportinfrastruktur bleibt das Flüssiggas-Angebot auf dem Weltmarkt auch mittelfristig eingeschränkt. Umso größer ist inzwischen die Bedeutung von US-amerikanischem Erdgas.

Deutschland kauft heute etwa zwölf Prozent aller Gasimporte als Flüssiggas über die eigenen Terminals, wie Gasmarkt-Experte Sebastian Gulbis im Gespräch mit ntv.de erklärt. "Mehr als 90 Prozent davon kommen aus den USA", erläutert der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Enervis. Dadurch deckt Deutschland etwa zehn Prozent seines gesamten Gasverbrauchs mit LNG aus den USA.

Da auch Deutschlands andere zentrale Gaslieferanten Belgien und Niederlande LNG aus den USA importieren und weiterleiten, stammt laut Gulbis unterm Strich sogar etwa ein Fünftel aller deutschen Gasimporte aus den USA. Auch die EU insgesamt bezieht demnach in dieser Größenordnung US-amerikanisches Erdgas. Die USA sind der größte LNG-Exporteur der Welt.

Deutschlands Abhängigkeit von etwa norwegischem Gas ist mit 42 Prozent aller Gasimporte deutlich größer, wie Gulbis klarstellt. Allerdings ist Norwegen ein weit zuverlässigerer Partner als die USA unter Trump.

"Die USA haben durch ihre LNG-Lieferungen nach Europa einen mächtigen Erpressungshebel", sagte etwa Politologe Goldthau dem "Handelsblatt". Loyle Campbell von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) ging noch einen Schritt weiter: Es bestehe "absolute Gewissheit, dass die USA Energieexporte als Hebel zur Durchsetzung politischer Ziele nutzen werden".

Würde der US-Präsident einen weiteren politischen Erpressungsversuch wie beispielsweise mit seinen Zöllen starten und die gesamten LNG-Ausfuhren aus den USA stoppen, würden alle Länder, die Flüssiggas importieren, um die auf dem Weltmarkt verbleibenden Mengen konkurrieren. Ein Preisschock wäre die Folge. "Dann fließt das LNG dorthin, wo die Zahlungsbereitschaft am größten ist", sagt Gulbis. Das müsste nicht zu einem Mangel in Europa führen, das Risiko besteht jedoch.

Alternative Quellen - zu einem hohen Preis

Gulbis geht eher davon aus, dass europäische Länder anderen Abnehmern wie beispielsweise asiatischen Staaten das LNG wegkaufen würden - zu einem sehr hohen Preis. Alternative Quellen zu den USA wären Kanada und afrikanische Länder.

Gezielt Europa könnte Trump schwer mit einem LNG-Entzug erpressen, wie Gulbis erklärt. "Würden die USA nur nicht mehr nach Europa exportieren, würde das zu einer Verschiebung auf dem Weltmarkt führen: Wir würden dann Flüssiggas aus anderen Ländern kaufen und andere Länder LNG aus den USA." Doch was wäre, wenn Trump andere Länder unter Druck setzen würde, ihre Lieferungen nach Europa ebenfalls zu drosseln?

Deutschland und Europa sind folglich mittelbar von amerikanischem Flüssiggas abhängig, der Weltmarkt ganz unmittelbar. Gulbis sieht auch das globale Erpressungspotenzial dennoch relativ gelassen, der Marktexperte hält das Bedrohungsszenario für unwahrscheinlich. So wäre ein Exportstopp durch Trump nicht nur ein harter Eingriff in die Geschäftstätigkeit von US-Unternehmen. "Der Export dieser Energiemengen ist auch ein großer Wirtschaftszweig."

Eine Diversifizierung von Deutschlands LNG-Bezugsquellen drängt in Gulbis' Augen daher nicht. "Wir kaufen ohnehin große Mengen kurzfristig ein, sind also nicht durch langfristige Verträge gebunden." Auch seien die Schiffslaufzeiten aus den USA nach Europa günstig. "Es ist naheliegend, dass wir erstmal von dort importieren. Wenn so eine Drohkulisse entstehen würde, gäbe es, wie gesagt, auch andere Importquellen."

Die allerdings würden teuer, besonders in diesem Winter. Angesichts der niedrigen Speicherfüllstände hat Deutschland LNG als Gasquelle fest eingeplant.

Quelle: ntv.de

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