Sefe gehörte russischem GazpromDeutscher Staatskonzern setzt Gasversorgung aufs Spiel
Von Christina Lohner
Nach Russlands Vollinvasion in der Ukraine übernimmt Deutschland die hiesige Gazprom-Tochter. Heute heißt das Gasunternehmen Securing Energy for Europe (Sefe). Doch statt die Versorgung zu sichern, riskiert es ebendiese.
Das staatliche deutsche Gasunternehmen Sefe kauft Gas ein. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist in diesen Tagen eine bedeutsame Nachricht. Denn die hiesigen Gasspeicher sind so leer, dass zumindest in unerwarteten Krisenfällen wie dem Ausfall einer norwegischen Pipeline, extremer Kälte oder ausbleibenden Flüssiggaslieferungen aus den USA ein Gasmangel droht. Extrem teuer würde es dann in jedem Fall.
Ausgerechnet der Speicher von Sefe im niedersächsischen Rehden - der größte in Deutschland - belegt bei den Füllständen bundesweit den drittletzten Platz. Zu weniger als zehn Prozent ist der Speicher befüllt. Dabei wurde die ehemalige Tochter des russischen Gazprom-Konzerns mit der Begründung verstaatlicht, Deutschlands Versorgung mit Gas sicherzustellen.
Einen politischen Eingriff angesichts der niedrigen Füllstände lehnte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bisher vehement ab, sie will den Markt entscheiden lassen. Auch wenn dieser die staatlichen Speichervorgaben nicht erfüllt. Im Fall von Sefe wollte sich aber offenbar sogar Reiche nicht länger mit ansehen, dass die Füllstandsvorgaben ignoriert werden - und sprach ein Machtwort. Das Unternehmen ist nicht nur staatlich, sondern hat eine Vorgeschichte: Es gehörte dem russischen Staatskonzern Gazprom.
Vor gut vier Jahren, nach Russlands Vollinvasion in der Ukraine, übernahm die Bundesnetzagentur die deutsche Gazprom-Tochter treuhänderisch. Gazprom Germania heißt seitdem Sefe. Nur Monate später folgte die Verstaatlichung durch das Bundeswirtschaftsministerium. Damit sollte die damals drohende Insolvenz verhindert werden. Denn diese hätte die Versorgungssicherheit in Deutschland gefährdet.
Gazprom Germania war zuvor auf Umwegen aus dem russischen Staatskonzern herausgelöst worden. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass durch die Übertragung der deutschen Tochter an ein Moskauer Unternehmen und die anschließend geplante Liquidierung die Gasversorgung in Deutschland bewusst sabotiert werden sollte.
Mit der Verstaatlichung von Sefe sollte die Gasversorgung gesichert werden. Das sagt schon der neue Name, er steht kurz für Securing Energy for Europe. Heute hält der Name allerdings nicht, was er verspricht, wie der Blick auf den Füllstand in Rehden zeigt. Genauso ironisch klingt in diesen Tagen die Eigendarstellung des Unternehmens. In Rehden handelt es sich demnach um einen der größten Porenspeicher Westeuropas. "Er verfügt über rund ein Fünftel der gesamten in Deutschland vorhandenen Speicherkapazität und leistet damit einen nachhaltigen Beitrag zur Versorgungssicherheit des Landes", heißt es auf der Internetseite von Sefe.
Insgesamt sind die deutschen Speicher derzeit zu rund 56 Prozent gefüllt. Die meisten müssten bis zum 1. November zu 80 Prozent gefüllt sein, Porenspeicher außerhalb Süddeutschlands, wie der in Rehden, zu 45 Prozent. Der Gasspeicher-Verband Ines schlug Alarm, bis Anfang November seien insgesamt höchstens noch 77 Prozent zu erreichen und dies würde bei extremer Kälte nicht reichen. Die Speicherbetreiber verdienen ihr Geld damit, ihre Speicherkapazitäten Gashändlern, Energieversorgern und Industriekunden zur Verfügung zu stellen.
Doch für diese lohnt sich das Einspeichern nicht mehr. Früher war Gas im Sommer günstiger als im Winter, derzeit hingegen ist Gas infolge des Iran-Kriegs so teuer, dass der Einkauf für den Weiterverkauf im Winter ein Verlustgeschäft bedeutet.
Das entbindet die Händler nicht von ihrer Pflicht, die Füllstandsvorgaben zu erfüllen. Durch seine Handelssparte ist der Sefe-Konzern nicht nur als Speicherbetreiber, sondern auch als Gashändler aktiv, wie Energie-Experte Georg Zachmann von der Denkfabrik Bruegel gegenüber ntv.de klarstellt. Wie kann es dann sein, dass ausgerechnet der verstaatlichte Speicher so lange so leer blieb?
"Auch Staatsunternehmen agiert nach marktwirtschaftlichen Prinzipien"
Trotz Verstaatlichung agiere Sefe als Händler nach marktwirtschaftlichen Prinzipien, betont Zachmann. "Auch ein Staatsunternehmen darf nicht ohne expliziten Auftrag eigenmächtig riskieren, Hunderte Millionen Euro zu verbrennen, um unwirtschaftlich Gas zu bunkern", sagt Zachmann. "Wenn wie aktuell der 'Sommer-Winter-Spread' am Markt zu gering ist, deckt er die Speichergebühren und Kapitalkosten nicht ab - das Einspeichern wird zum Verlustgeschäft."
Energieökonom Andreas Schröder dagegen sieht die Branche nicht nur in der Pflicht, ihre Speichervorgaben zu erfüllen, sondern kritisiert diese scharf. Der Vorwurf der Erpressung sei nicht von der Hand zu weisen, sagte er im Interview mit ntv.de. "Dem Betreiber Sefe und den Haltern der Kapazitäten in Rehden kann man vorwerfen, dass sie auf staatliches Eingreifen spekuliert haben, um den Speicher zu befüllen", meint der Chefanalyst für die Gas- und LNG-Märkte beim Analysehaus Independent Commodity Intelligence Services.
Würde der Staat offiziell eingreifen, indem er selbst Gas kaufen lässt, dürften die Preise allerdings noch weiter steigen. Bisher lehnt Ministerin Reiche einen staatlichen Einkauf wie 2022 ab und setzt stattdessen auf Anreize für Händler, im Gegenzug für eine Vergütung zusätzlich Gas verfügbar zu halten. Falls im Winter mehr Gas benötigt wird, als eingespeichert ist, vertraut die Bundesregierung zudem auf Flüssigerdgas (LNG), das sich kurzfristig einkaufen ließe. Durch die LNG-Infrastruktur, die Deutschland in den vergangenen Jahren als Konsequenz aus Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine aufgebaut hat, haben die Gasspeicher an Bedeutung verloren.
Dass sich der Staat in einem unvorhergesehenen Krisenfall nicht allein auf LNG und Pipeline-Lieferungen verlassen könnte, zeigt die Planung einer strategischen Reserve. Deren Aufbau ist allerdings erst für das nächste Jahr vorgesehen.
Einfacher als eine strategische Reserve wären Konsequenzen für die Gasbranche, wenn sie sich nicht an die staatlichen Füllstandsvorgaben hält. Sanktionen sind für diesen Fall nicht vorgesehen. In Italien dagegen schon, wie Andreas Goldthau, Direktor der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt, erläutert. In den Niederlanden werde die Einspeicherung subventioniert, wenn die Preisdifferenz zwischen Sommer und Winter nicht als Anreiz ausreicht. "In anderen Ländern sehen wir funktionierende Modelle zur Vorsorge."
