Baden-WürttembergZeuge hält Mutter von Zug ab - und rettet damit auch Tochter

Eine Mutter steht mit ihrer Vierjährigen an den Gleisen, ein Zug nähert sich. Ein 34-Jähriger erkennt die Absicht, rennt los und hält die Frau fest. Vor Gericht schildert er die dramatischen Sekunden.
Ravensburg (dpa/lsw) - Es waren nur wenige Sekunden. Ein Mann sieht eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter an einem Bahnübergang in Friedrichshafen. Das Mädchen trägt einen gelben Gehörschutz, eine Mütze ist tief über ihr Gesicht gezogen. Die Bahnschranke ist schon geschlossen. "Da waren alle Alarmglocken bei mir an", sagte der 34-jährige Zeuge vor dem Landgericht Ravensburg. Er rennt los.
Es ist ein grauer Sonntagnachmittag im Februar. "Da kommt ein Zug, gehen Sie weg", habe er noch aus dem Auto der Frau zugerufen. Doch sie habe nicht reagiert. Als er ihren "leeren Blick" gesehen habe, sei ihm klar gewesen, dass er eingreifen müsse. "Das wird gleich schiefgehen", habe er gedacht.
"Ein Schritt, dann wäre es vorbei gewesen"
Der erfahrene Kampfsportler erreichte die Frau, zog sie weg von den Gleisen und drückte sie gegen die Schranke. Sie hielt ihre Tochter weiter an der Hand und wehrte sich, wie er berichtet. Kurz darauf kamen weitere Menschen hinzu. Eine Zeugin habe das Kind an sich genommen, während er selbst die Mutter festgehalten habe.
Viel Zeit blieb nicht. "Das waren ein paar Sekunden, maximal 30 Sekunden, dann kam der Zug", sagte der Zeuge. Die Frau habe noch versucht, seitlich in Richtung Gleise auszubrechen. Er habe sie mit seinem Körper an der Schranke fixiert. "Da hätte ein Schritt gereicht, dann wäre es vorbei gewesen."
Dann fuhr der Zug vorbei. Das Kind habe stark geweint. "Ich war auch unter Schock." Als der Zug weg gewesen sei, habe er die Fixierung gelöst. Danach habe er auf die Polizei gewartet. Die Mutter habe nach dem Vorfall gezittert, sie sei ganz bleich und zunächst kaum ansprechbar gewesen.
Richter lobt Zivilcourage
Der Vorsitzende Richter sprach dem Mann im Gericht ein ausdrückliches Lob aus. "Großes Kompliment für ihre Geistesgegenwertigkeit und ihre Zivilcourage." Seine Anwesenheit sei ein Glücksfall gewesen.
Nach der Situation sei es ihrem Partner nicht gut gegangen, sagte die Lebensgefährtin des Zeugen, die damals mit ihm im Auto war. "Es ging ihm sehr nah." Sie beide hätten daran zu knabbern gehabt. Sie hätten sich öfter gefragt: "Was wäre wenn."
Stimmen sollen ihr den Befehl gegeben haben
Die 34 Jahre alte Angeklagte hatte zuvor selbst zu dem Geschehen ausgesagt. Die Ukrainerin sagte, sie habe sich in den Tagen vor dem Vorfall sehr schlecht gefühlt und kaum geschlafen. Seit Jahren höre sie Stimmen, die sie unter anderem aufgefordert hätten, sich das Leben zu nehmen, erklärte sie über einen Dolmetscher. Kurz vor dem Vorfall seien diese Aufforderungen wieder stärker geworden.
Am Tag des Geschehens habe sie eine Bekannte gebeten, ihr Kind zu nehmen. Als diese nicht rechtzeitig gekommen sei, sei sie mit ihrer Tochter in Richtung Bahnübergang gegangen. "Ich war wie im Nebel", schilderte sie. Eine Stimme habe ihr gesagt, sie müsse stehen bleiben. Sie sei unter der Schranke hindurchgegangen und habe sich mit ihrer Tochter an der Hand an die Gleise gestellt.
Warum sie das getan habe, könne sie nicht erklären. Sie habe in diesem Moment nicht darüber nachgedacht, was passieren könne. Eine Zukunft habe sie weder für sich noch für ihre Tochter gesehen. Es sei der erste Suizidversuch gewesen, den sie gemeinsam mit ihrem Kind unternommen habe. Zuvor habe sie schon versucht, sich allein das Leben zu nehmen - den Versuch dann aber wieder gestoppt.
Mutter bedauert die Tat
Die Angeklagte sagte, sie bedauere die Tat sehr. "Wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte, es rückgängig zu machen, hätte ich das getan." Laut Gericht lebt die Tochter in einer Pflegefamilie. Der Vater des Kindes sei noch in der Ukraine.
Kurz nach Kriegsbeginn sei sie mit ihrer Tochter nach Moldawien und dann nach München geflüchtet, sagte die Angeklagte. Eine Bekannte, die wie sie selbst zu den Zeugen Jehovas gehörte, habe sie dann in den Bodenseekreis geführt.
Vor Gericht wird die 34-Jährige versuchter Mord an ihrer Tochter vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau vor, die Wehrlosigkeit der Vierjährigen bewusst ausgenutzt zu haben. Neben versuchtem Mord geht die Anklagebehörde auch von einem versuchten gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr aus. Bei einer Notbremsung hätten zahlreiche Fahrgäste stürzen können. Dazu kam es nicht, weil die Zeugen Mutter und Tochter rechtzeitig von den Gleisen holten.
Vorwurf auch wegen Angriffs auf Nachbarn
Außerdem muss sich die Frau wegen eines Vorfalls aus dem Oktober 2025 verantworten. Sie soll damals in Friedrichshafen einen Mann und dessen Tochter angegriffen haben. Nach dem Eintreffen der Polizei habe sie sich heftig gewehrt, versucht, sich loszureißen, und nach den Beamten getreten.
Die Angeklagte ist derzeit in der Psychiatrie untergebracht. Neben einer möglichen Verurteilung steht auch eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus im Raum. Ein Urteil könnte in der kommenden Woche fallen.