Wo das Schnitzel 6 Euro kostetPolens Milchbars sollen als Kiezkantinen nach Berlin kommen

Schnitzel für sechs Euro, Rentner neben Bankern: In Polens Milchbars zahlt der Staat beim Mittagessen mit. Die Berliner Linke nennt sie als Vorbild für ihre Kiezkantinen, Grüne und SPD ziehen mit. Ein Besuch in Warschau.
23 Euro. So viel steht auf dem Kassenzettel der vierköpfigen Familie, die in der Warschauer Milchbar Sztuka Mleka gerade bestellt hat: Schnitzel mit Püree und Krautsalat, Kartoffelpuffer mit Gulasch, Schweinefleischbällchen mit Reis, Spinatlasagne und vier Fruchtgetränke. In Berlin reicht das nicht einmal für vier Döner.
Es ist kurz nach zwölf im Stadtteil Wola. Ein Student holt sich eine Tomatensuppe, ein Büroangestellter mit Firmenausweis um den Hals bestellt Pierogi mit Käse. Ein Schnitzel mit Beilagen kostet weniger als sechs Euro, im Restaurant zahlt man schnell das Doppelte. Draußen ragen die Glastürme des neuen Warschau in den Himmel, drinnen lebt eine Institution weiter, die viele Polen mit der alten Volksrepublik verbinden.
Dabei sind die Milchbars älter als der Sozialismus. Schon vor mehr als 100 Jahren boten sie warme Mahlzeiten für wenig Geld an. In der Volksrepublik gehörten sie zum Alltag und entlasteten berufstätige Frauen vom Kochen. Heute bewahrten sie eine traditionelle Küche, sagt Magdalena Tomaszewska-Bolałek, Leiterin der Food Studies an der Warschauer SWPS-Universität. Gerichte wie Pierogi oder Kartoffelpuffer seien zwar preiswert, aber aufwendig zuzubereiten. Auch Touristen kämen, um polnische Hausmannskost kennenzulernen.
Nun soll die polnische Milchbar der deutschen Hauptstadt als Vorbild dienen. Die Linke, Siegerin der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September, will in jedem Bezirk geförderte Kiezkantinen eröffnen, langfristig rund 20 mit bis zu 14.000 Mahlzeiten am Tag. Das günstigste Gericht soll drei Euro kosten. In ihrem Antrag verweist die Partei ausdrücklich auf Polens Milchbars. Im Sondierungspapier von Linken, Grünen und SPD heißt es: "Wir wollen zeitnah mit einer ersten Kiezkantine starten." Seit dem 2. November verhandeln die drei Parteien über eine Koalition.
Saskia Richartz vom Ernährungsrat Berlin, einem Bürgerbündnis für gutes Essen, hat die Linke beraten und sich die Milchbars in Warschau selbst angesehen. Das Ziel sei dasselbe: eine günstige warme Mahlzeit in der Nachbarschaft. "Die Umsetzung für Berlin ist ja noch nicht in Stein gemeißelt."
Der Staat bezahlt nur die Zutaten
Zur Mittagszeit sitzt Ola Fritz in der Sztuka Mleka in Warschau. Die 50-Jährige kennt Milchbars noch aus ihrer Kindheit. "Sie waren dreckig, sie haben gestunken", sagt sie. Heute betreibt sie mit ihren Geschäftspartnerinnen drei Filialen, die eher an Großstadtbistros erinnern.
Wie die Förderung funktioniert, erklärt sie am Kartoffelpuffer. "Wir bekommen 70 Prozent Zuschuss auf den Wert der Kartoffeln, die wir für das Produkt verwenden." Gefördert werden nur Zutaten für Milch- und vegetarische Gerichte, Fleisch und Fisch nicht, Fertigprodukte auch nicht. Deshalb schält ihr Team morgens selbst Kartoffeln. Einen Festpreis gibt es nicht, nur einen Höchstaufschlag von 45 Prozent auf die Rohstoffe. Ohne Förderung müsste Fritz ihre Preise nach eigener Schätzung um 20 bis 30 Prozent erhöhen.
Für 2026 sind dafür landesweit 70,7 Millionen Złoty eingeplant, etwa 16 Millionen Euro. Die Linke will in Berlin deutlich mehr übernehmen, neben dem Essen auch Personal- und Fixkosten. Die Betreiber sollen Tariflöhne zahlen. Dafür veranschlagt die Partei 19 Millionen Euro im Jahr, mehr als Polen für das ganze Land ausgibt. In der Anfangsphase rechnet der Linken-Abgeordnete Niklas Schenker mit durchschnittlich vier Euro öffentlichem Zuschuss pro Mahlzeit, bei einem Verkaufspreis von drei Euro. Tariflöhne und regionaler Einkauf seien darin berücksichtigt. Mit zunehmender Größe des Programms sollen die Kosten sinken.
Die Miete entscheidet mit
Wie wichtig der Standort ist, zeigt das Prasowy an der Marszałkowska-Straße. Die Milchbar liegt in einem Zuckerbäckerbau wie an der Berliner Karl-Marx-Allee. Ende 2011 schloss sie, die Betreiberin ging in Rente, der Bezirk wollte neu vermieten. Aktivisten besetzten das Lokal. "Sie fingen an, aus Protest Pierogi zu kochen", erzählt Betreiber Kamil Hagemajer. Nach wenigen Stunden kam die Polizei. Der Protest wirkte trotzdem. Der Bezirk schrieb die Räume ausdrücklich für eine Milchbar aus, mit einer Mindestmiete von 12 Złoty pro Quadratmeter statt der sonst geforderten 60.
Heute führt Hagemajer das Prasowy. Der frühere Finanzanalyst betreibt 25 Milchbars, 22 davon in Warschau. Rund 40 Prozent der Einnahmen stammen nach seinen Angaben aus der staatlichen Förderung. Der Staat zahlt die Zutaten, die Stadt sichert den Standort.
In Berlin wären Ladenlokale zu Marktmieten kaum zu finanzieren, sagt Richartz. Sie setzt auf Räume, die der öffentlichen Hand schon gehören, etwa Kantinen in Gerichten oder Polizeigebäuden, die sich für die Nachbarschaft öffnen könnten. Oder auf Ladenflächen von Wohnungsunternehmen in den Großsiedlungen der Sechzigerjahre.
Rentner neben Bankern
Früher hätten Milchbars als Orte für Arme gegolten, sagt Hagemajer. Dann kamen junge Leute mit Laptops, und plötzlich war es schick, dort zu essen. Bedürftigkeit muss niemand nachweisen, der Rentner zahlt für die Tomatensuppe so viel wie der Manager. Anders als bei Essensgutscheinen müsse sich so keiner für seine finanzielle Lage rechtfertigen, sagt er.
Genau das fehlt in Berlin, sagt Richartz. Günstiges Essen gebe es hier fast nur in karitativen Einrichtungen, etwa bei Mittagstischen für Senioren oder für Kinder bei der Arche. Ein Tourist oder jemand, der nebenan arbeitet, gehe dort nicht hin.
"Es fehlen Orte, an denen Nachbarinnen und Nachbarn, sei es der Student oder die Seniorin, einfach mal zusammenkommen können", sagte Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp im Februar. Gerade Älteren helfe eine Kantine, "dass man rauskommt aus dem Haus und nicht die x-te Brotscheibe mit Käse alleine daheim isst", sagt Richartz. Nach einer Umfrage im Auftrag des Ernährungsrats lässt etwa jeder zehnte Berliner Mahlzeiten aus, wenn das Geld nicht reicht.
Berlin fehlen Milliarden
Entscheidend ist das Geld, und das ist in Berlin knapp. Für 2026 rechnet der Senat mit einem Finanzierungsdefizit von rund 4,6 Milliarden Euro. "Die Haushaltslage bleibt ernst", sagte Stefan Evers, Finanzsenator und CDU-Spitzenkandidat zur Abgeordnetenhauswahl, im September. Auch Linke, Grüne und SPD räumen im Sondierungspapier eine "Schieflage" ein. Zusätzliche Ausgaben, die sich die Koalition wünscht, seien "durch Umschichtungen zu finanzieren" - also mit Geld, das dann an anderer Stelle fehlt.
Gemessen an Ausgaben von rund 44 Milliarden Euro wären 19 Millionen wenig, die Linke spricht von 0,05 Prozent. Richartz argumentiert, das Geld spare man vor allem im Gesundheitssystem wieder ein. Wer gut isst, wird seltener krank. "Die Budgetverhandlungen, die sind dann der Knackpunkt", sagt sie. "Wenn man sich günstiges Essen auf die Fahnen schreibt, dann muss man es sich auch leisten."
Die Grünen wollten sich auf Anfrage von ntv.de mit Verweis auf die laufenden Verhandlungen nicht äußern. Im Sondierungspapier stehen bisher weder die 19 Millionen noch ein Standort oder der Drei-Euro-Preis. Mehr als 70 Organisationen und Fachleute forderten Ende Oktober in einem offenen Brief, die Kantinen im Koalitionsvertrag und im Haushalt festzuschreiben.
Spielraum gäbe es beim Preis. An den drei Euro hängt der Ernährungsrat nicht, auch vier Euro wären für Richartz kein Scheitern. Denkbar seien Preise, die Gäste nach ihren Möglichkeiten selbst wählen, oder ein Baukasten wie in den Milchbars, wo man alles einzeln bestellt. Doch nicht alles lässt sich übertragen. Die Milchbars hätten über Jahrzehnte einen festen Platz in der polnischen Alltagskultur gefunden, sagt Tomaszewska-Bolałek. Gerade die Prägung durch die Volksrepublik lasse sich nicht kopieren.
Hagemajer hat sich schon mit dem Ernährungsrat ausgetauscht und in Berlin Gewerberäume angesehen. Eine eigene Milchbar dort kann er sich vorstellen, wenn Miete und Bedingungen stimmen. Vielleicht kommt die erste Milchbar nach polnischem Vorbild nicht vom Senat, sondern aus Warschau.