Übergriffe auf PersonalGewalt in der Notaufnahme gehört offenbar zum Berufsalltag

Eine internationale Umfrage unter Rettungskräften und Personal in Notaufnahmen zeichnet ein bedrückendes Bild: Verbale Anfeindungen, Schläge und sogar Schusswaffen gehören offenbar zum Alltag. Fast die Hälfte der Befragten spürt zudem eine deutliche Verschärfung.
Immer wieder sorgen Berichte über Gewalt gegen Personal von Notaufnahmen und Rettungsdiensten in Deutschland für Aufsehen. Nun zeigt eine internationale Umfrage, wie häufig solche Vorkommnisse auch in anderen Ländern sind. Im vergangenen Jahr hätten demnach gut drei Viertel der Beschäftigten in diesem Bereich Gewalt erlebt, schreiben Mediziner im "European Journal of Emergency Medicine" ("EJEM"). Frauen seien stärker als Männer von psychischer Gewalt betroffen, etwa von verbalen Anfeindungen und sexueller Belästigung.
Derartige Übergriffe schädigten die Betroffenen nicht nur seelisch und körperlich, sondern beeinträchtigten auch die medizinische Versorgung, schreibt die Gruppe um Roberta Petrino vom Regionalen Spital in Lugano. "Gewalt am Arbeitsplatz gefährdet nicht nur die körperliche und seelische Gesundheit von medizinischem Personal, sondern auch die Qualität seiner Arbeit", betont der Notfallmediziner und Co-Autor Luis Garcia Castrillo aus dem nordspanischen Santander, der die Studie auf einem Kongress für Notfallmedizin vorstellen soll.
Studie: Gewalt ist zweitgrößtes Berufsrisiko
Das Team hatte medizinisches Personal von Notfallambulanzen und Rettungsdiensten nach seinen Erfahrungen gefragt und Antworten von gut 1300 Menschen aus 81 Ländern ausgewertet. Dabei waren Deutschland, Frankreich, die Schweiz und die Ukraine besonders stark vertreten.
Am häufigsten berichteten die Teilnehmer von verbalen Aggressionen (88 Prozent), gefolgt von körperlicher Gewalt (42 Prozent), Gewalt gegen Einrichtungsobjekte (26 Prozent) und sexueller Belästigung (15 Prozent). 4,5 Prozent der Antwortenden hatten Erfahrungen mit Waffen gemacht, knapp 3 Prozent sogar mit Schusswaffen. Fast drei Viertel der Frauen (72 Prozent) berichteten von psychischer Schikane, bei den Männern waren es gut 40 Prozent. Generell wurde Gewalt als zweitgrößte berufsbedingte Gefahr nach dem Infektionsrisiko betrachtet.
Meist ging die Gewalt demnach von Patienten selbst aus (knapp 68 Prozent), oft jedoch auch von deren Freunden oder Angehörigen (44 Prozent). Häufig standen die betroffenen Patienten, deren Freunde oder Angehörige unter dem Einfluss von Alkohol und anderen Drogen, wie es weiter heißt. Zudem bedenklich: Fast die Hälfte der Teilnehmer (gut 48 Prozent) gab an, dass sich die Gewalt an ihrem Arbeitsplatz in den vergangenen fünf Jahren verschlimmert habe.
Strukturelles Problem in Krankenhäusern
Die Analyse nennt auch einen strukturellen Grund: Demnach tragen die Überfüllung von Notfallambulanzen und schlechte personelle Ausstattung zu Aggressionen bei. "Lange Wartezeiten, begrenzte Ressourcen und großer emotionaler Stress lassen die Spannungen bei Patienten, Angehörigen und medizinischem Personal eskalieren", erläuterte Erstautorin Petrino. "Das muss durch organisatorische Maßnahmen angegangen werden.
Klinkmanager sollten die interne Organisation des Krankenhauses verbessern, um Überfüllung zu reduzieren, etwa indem sie für gut gestaltete Räume mit ausreichend Personalausstattung sorgen." Zudem sollte der Patientenfluss von den Notfallambulanzen auf andere Stationen verbessert werden.
Ein weiteres Manko: Nur etwa die Hälfte der Teilnehmer hatte ein Training zu Gewaltprävention erhalten. Nach Gewalterfahrungen hatte nur gut die Hälfte der Betroffenen (57 Prozent) psychosoziale Unterstützung erhalten.
Das Team räumt eine Schwäche der Analyse ein: Die Daten basierten auf einer Erhebung mit freiwilliger Teilnahme, seien also wohl nicht repräsentativ. Zudem wurden sehr viele der eingegangenen Fragebögen wegen fehlender Daten nicht für die Resultate berücksichtigt.
