Das Sicherheitsnetz ist wegWarum die Energiekrise plötzlich so bedrohlich ist wie seit Kriegsbeginn nicht

Noch liegen die Ölpreise unter ihren Höchstständen vom Mai, doch die Gefahr einer schweren Energiekrise ist so groß wie nie zuvor seit Beginn des Iran-Kriegs. Vier Faktoren, die bislang einen Absturz der Weltwirtschaft verhindert haben, sind inzwischen stark geschwächt oder ganz entfallen.
Es ist nicht das erste Mal seit Beginn des Iran-Kriegs, dass an den Energiemärkten Alarm herrscht. Trotz des jüngst Anstiegs liegen die globalen Leitpreise für den Ölmarkt mit gut 107 Dollar pro Fass für die Nordseesorte Brent und etwa 103 Dollar für das amerikanische WTI noch unterhalb ihrer Höchststände von Anfang Mai dieses Jahres. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gefahr einer schweren Energiekrise größer ist, als sie es seit Beginn des Iran-Kriegs je war. Vier Faktoren, die seit Monaten wie ein Sicherheitsnetz den befürchteten Absturz der Weltwirtschaft in eine Krise verhindert hatten, sind inzwischen stark geschwächt oder ganz entfallen.
Saudi-Arabiens Notausgang ist nun blockiert
Mit der Blockade der Straße von Hormus Ende Februar wurde schlagartig rund ein Viertel des globalen Ölhandels auf dem Seeweg unterbrochen. Ein Teil dieses für die Weltwirtschaft unerlässlichen Rohstoffs konnte jedoch auf Alternativrouten umgeleitet werden. Die wichtigste dieser Routen war die saudische Ost-West-Pipeline, die vom Persischen Golf zur Westküste des Landes am Roten Meer führt.
Nicht nur ist diese Pipeline nun durch einen Angriff schwer beschädigt worden, wodurch das Rohölangebot auf dem Weltmarkt, um weitere vier bis fünf Millionen Barrel pro Tag reduziert wird. Gleichzeitig hat die mit dem Iran verbündete Huthi-Miliz nach Geländegewinnen im Jemen den südlichen Ausgang des Roten Meeres faktisch blockiert. Selbst wenn die Ost-West-Pipeline wieder repariert sein sollte, steht für die saudischen Exporte derzeit nur der Weg durch den Suezkanal oder über die ägyptische Sumed-Pipeline vom Roten Meer ins Mittelmeer zur Verfügung. Die Kapazität dieses Transportwegs ist begrenzt. Für die dringend benötigten Lieferungen Saudi-Arabiens in asiatische Länder stellt er außerdem einen wochenlangen Umweg dar.
Zusätzlich verschärft wird die Lage dadurch, dass der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus auf den niedrigsten Stand seit Mai gefallen ist. Nach mehreren Angriffen auf Frachter passierten zuletzt im Schnitt nur noch rund zehn Schiffe pro Tag die Meerenge.
Notreserven leeren sich
Damit es in den ersten Kriegsmonaten nicht zu einem globalen Ölpreisschock kam, haben viele Länder auf ihre Reserven zurückgegriffen. So konnten sie die Importe reduzieren und gleichzeitig die Wirtschaft am Laufen halten. Vor allem China hat seit März fast ein Viertel weniger Rohöl auf dem Weltmarkt gekauft. Die Industriestaaten der OECD haben in einer koordinierten Aktion rund 400 Millionen Barrel Öl aus ihren strategischen Reserven freigegeben. Inzwischen liegen die OECD-Reserven auf einem historischen Tiefststand. Die Petroleumreserve der USA ist auf dem niedrigsten Stand seit den 1980er Jahren. Leer sind diese Notbestände zwar noch lange nicht. Doch die Fähigkeit der Ölverbraucher, fehlende Lieferungen aus dem Nahen Osten auszugleichen und damit die Preissteigerungen in Schach zu halten, hat deutlich abgenommen.
Ukraine trifft Russlands Raffinerien
Neben dem Iran-Krieg wirkt sich Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine zuletzt verschärft auf die Energiemärkte aus, genauer: die ukrainischen Gegenschläge auf russische Raffinerien. Schätzungen zufolge sind inzwischen fast 40 Prozent der Kapazitäten für die Weiterverarbeitung von Öl in Russland ausgefallen. Um den Kraftstoffmangel im Land in den Griff zu bekommen, hat der Kreml ein Ausfuhrverbot unter anderem für Diesel erlassen. Das Angebot auf dem Weltmarkt ist dadurch geschätzt um bis zu 1,3 Millionen Barrel Diesel pro Tag zurückgegangen. Gleichzeitig sind auch mehrere große Raffinerien am Golf durch die Blockade der Straße von Hormus praktisch seit mehreren Monaten lahmgelegt. Das führt dazu, dass die Kraftstoffpreise noch stärker steigen als die Rohölpreise, insbesondere der Dieselpreis. Während die Ölpreise noch unter ihren Höchstständen der ersten Kriegsmonate notieren, liegt der Leitkontrakt für das Dieselvorprodukt Gasöl an der europäischen Terminbörse ICE inzwischen 50 Prozent über dem Niveau vom Mai dieses Jahres.
Zwar importiert Deutschland seit mehreren Jahren keinen Diesel mehr direkt aus Russland, konkurriert aber nun auf dem internationalen Markt um ein geringeres Angebot, um den hiesigen Bedarf zu decken.
Gaskrise vor dem europäischen Winter
Der Iran-Krieg hatte von Beginn an dramatische Auswirkungen auf den Weltmarkt für Flüssiges Erdgas (LNG). Das Golfemirat Katar, mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent der mit Abstand wichtigste LNG-Lieferant weltweit, fiel nahezu komplett aus. Mit dem Ende des Winters auf der Nordhalbkugel ging jedoch bald nach Kriegsbeginn auch der Gasverbrauch zurück. In der Hoffnung, dass der Krieg nicht lange dauern werde, wurden die Erdgasspeicher in vielen Ländern kaum befüllt. Das sorgte, neben erhöhten Exporten aus den USA, zunächst für Entspannung auf dem Markt. Nun allerdings steht der nächste Winter vor der Tür, die Gasspeicher sind vielerorts so leer wie seit Jahren nicht und ein Ende des Kriegs am Golf ist nicht in Sicht. Der europäische Großhandelspreis hat sich in den vergangenen zwei Monaten noch einmal fast verdoppelt und liegt inzwischen mehr als dreimal so hoch wie vor Kriegsbeginn.