Wirtschaft

Globale Krise bis 2027?Kein Ende der Dieselknappheit in Sicht

15.10.2026, 18:46 Uhr IMG_4708Von Juliane Kipper
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Vorigen Monat kündigte Präsident Donald Trump eine Vereinbarung über russische Diesellieferungen an. (Foto: IMAGO/SNA)

Der Motor der Weltwirtschaft stockt: Durch den Konflikt im Nahen Osten und fehlende Raffinerie-Kapazitäten bleibt Diesel knapp. Eine Entlastung ist trotz Not-Freigaben durch die G7 vorerst nicht in Sicht.

Die Versorgungsengpässe bei dem zentralen Treibstoff der Weltwirtschaft dauern voraussichtlich bis weit ins Jahr 2027 an. Das prognostiziert die Internationale Energieagentur (IEA). Besonders Diesel war in den vergangenen Monaten knapp. Ob sich diese Befürchtung bewahrheitet, hängt nach Ansicht anderer Marktexperten jedoch von entscheidenden Einflussfaktoren ab.

Der Rohstoffexperte Carsten Fritsch von der Commerzbank etwa teilt den Zeithorizont der IEA nur unter Vorbehalt: Ob die Versorgungsengpässe tatsächlich bis weit ins Jahr 2027 anhalten, hänge maßgeblich davon ab, wie lange die Exporte aus Russland und dem Mittleren Osten gedrosselt bleiben, sagt er ntv.de.

Diese Einschätzung teilt auch Cyrus de la Rubia. Der Chefökonom der Hamburger Commercial Bank (HCOB) verweist auf Anfrage außerdem auf strukturelle Probleme: Beschädigte Raffinerien ließen sich nicht in wenigen Monaten reparieren und nicht jede Anlage könne jede Rohölsorte effizient verarbeiten. Sollte sich der Rohölmarkt entspannen und die Raffineriemargen steigen, würde der Dieselpreis zwar nachgeben. De la Rubia rechnet aber weiterhin mit einer überdurchschnittlich hohen Spanne zwischen Rohöl- und Dieselpreisen.

Hinzu kommt laut IEA, dass stark gestiegene Tankerfrachtraten die Margen der Raffinerien in Europa und Asien belasten. Die Energieagentur erwartet, dass die europäischen Anlagen ihre Produktion drosseln werden, was den Engpass noch verschärfen dürfte.

Laut dem jüngsten Ölmarktbericht der Agentur sind die Nettoexporte aus dem Nahen Osten und Russland massiv eingebrochen. Im Vergleich zum Vorjahr gingen die Ausfuhren der beiden wichtigen Förderregionen im vergangenen Monat um mehr als 60 Prozent zurück.

Preis speist sich aus vier Komponenten

Der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus treiben die Rohölpreise und verteuern damit auch den Diesel. Dieser Preis speist sich laut der US-Energieinformationsbehörde EIA im Wesentlichen aus vier Komponenten: Rohöleinkauf, Raffineriebetrieb, Vertrieb und Marketing sowie Steuern.

US-Verbraucher müssen momentan besonders tief in die Tasche greifen. In den USA kostet eine Gallone Diesel im landesweiten Durchschnitt aktuell etwa 6,20 bis 6,30 Dollar. Eine Gallone umfasst 3,78541 Liter.

Laut de la Rubia ist die Verknappung an den Terminmärkten nur zum Teil eingepreist. Er geht davon aus, dass sich der Konflikt im Nahen Osten länger hinziehen dürfte als allgemein erwartet. Für 2027 rechnen die EIA-Experten zwar mit einem Preisabfall auf 4,40 Dollar pro Gallone. Das wären allerdings immer noch 8,2 Prozent mehr als bislang angenommen. Zum Vergleich: 2025 lag der Durchschnittspreis bei 3,66 Dollar.

Am stärksten schlagen die hohen Dieselpreise im Transportsektor durch. "Die gestiegenen Spritpreise schmälern die Margen der Logistiker direkt, da sie sich meist nicht komplett an die Kunden weiterreichen lassen", sagt de la Rubia. Auch in der Landwirtschaft und im Bergbau steigen die Kosten spürbar. "Selbst die Luftfahrt leidet, denn Diesel und Kerosin stehen in den Raffinerien in direkter Konkurrenz, was beide Treibstoffe verteuert", so der HCOB-Ökonom.

"Freigabe sollte für Marktentlastung sprechen"

Um die hohen Dieselpreise einzudämmen, laufen erste Gegenmaßnahmen. Die G7-Gruppe verständigte sich Anfang des Monats darauf, 100 Millionen Barrel aus den staatlichen Öl- und Kraftstoffreserven freizugeben - allen voran Diesel. "Die anstehende Freigabe von strategischen Dieselreserven sollte für eine Marktentlastung sorgen", sagt Fritsch. Noch sei allerdings nicht klar, wie sich die Menge aufteile. "Sollte die Hälfte davon auf Diesel entfallen, würde das schon eine beträchtliche Entlastung bringen. Denn das würde den Importbedarf Europas von fast zwei Monaten abdecken."

Auch de la Rubia betont den Effekt zügiger Reservefreigaben: Im besten Fall lasse sich so eine kritische Phase überbrücken. Fehlt jedoch dieses Glück, halte die Erleichterung nur kurz an. "Sobald die Knappheit zurückkehrt, klettern die Preise durch den geschrumpften Reservepuffer umso steiler nach oben."

Wichtiger ist Fritsch zufolge allerdings, dass das Dieselangebot aus der Golfregion und Russland wieder steige. "Erste Anzeichen gibt es dafür bereits." Vorigen Monat kündigte Präsident Donald Trump eine Vereinbarung über russische Diesellieferungen an. Die bislang im Raum stehende Menge von 300.000 Tonnen sind Fritsch zufolge zu gering.

Auch de la Rubia bleibt skeptisch. Die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien haben die Dieselproduktion des Landes spürbar geschmälert. Zugleich lasse der Krieg den russischen Dieselbedarf steigen. Russland ist somit kaum in der Lage, den Weltmarkt dauerhaft mit nennenswerten Dieselmengen zu versorgen.

Eine rasche Abkehr vom Kraftstoff ist vorerst nicht in Sicht. Fritsch betont: "Diesel wird auf absehbare Zeit unverzichtbar bleiben." De la Rubia verweist hingegen auf erste Transformationsansätze: Der Wandel im Güterverkehr brauche Zeit. Am schnellsten vollziehe sich der Umstieg bei Pkw. "Der verstärkte Wechsel zu E-Fahrzeugen sorgt für eine direkte und indirekte Entlastung des Dieselmarktes."

Quelle: ntv.de

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