Politik

"Gefahr für Polen"Wie die AfD Polens Rechte spaltet

26.09.2026, 07:31 Uhr
imageVon Tomasz Kurianowicz
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Die KKP des Rechtsextremisten und Antisemiten Grzegorz Braun sieht die AfD als Partner. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Polens Rechte und die AfD haben vieles gemeinsam. Trotzdem sorgt der Aufstieg der deutschen Partei dort für Streit. Denn bei Russland und Reparationen endet die Freundschaft.

"Deutschland wacht auf", schrieb der polnische Politiker Jacek Wilk nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt in den sozialen Medien. Wilk gehört zur Konfederacja Korony Polskiej, kurz KKP, der Partei des Rechtsextremisten und Antisemiten Grzegorz Braun. An anderer Stelle legte Wilk nach: Sollte die AfD eines Tages die Bundestagswahl gewinnen, sei die EU endlich "erledigt".

Ganz anders klingt Mateusz Morawiecki, der zwischen 2017 und 2023 Ministerpräsident der PiS-Regierung war. "Die AfD ist eine Gefahr für Polen", sagt der frühere Regierungschef. PiS-Chef Jarosław Kaczyński geht noch weiter. Eine Zusammenarbeit sei so gut wie ausgeschlossen, erklärte er am vergangenen Wochenende auf einem Kongress seiner Partei. Im AfD-Programm gebe es Positionen, die im "zivilisierten Teil Europas" nicht akzeptabel seien. Welche er meinte, sagte Kaczyński nicht. Die Konfliktfelder zwischen AfD und Polens Nationalkonservativen liegen jedoch auf der Hand: Dazu gehören insbesondere die Russlandpolitik und die ablehnende Haltung der AfD gegenüber polnischen Reparationsforderungen an Deutschland.

Der Aufstieg der Alternative für Deutschland legt einen Konflikt innerhalb der polnischen Rechten offen. Wie viel verbindet Nationalisten über Grenzen hinweg, wenn ihre nationalen Interessen aufeinanderprallen?

Braun rückt aus der Nische

Noch vor vier Jahren standen Politiker mit russlandfreundlichen Positionen in Polen weitgehend am politischen Rand. Doch die politische Rechte hat sich verändert. Besonders deutlich zeigt sich das am Aufstieg von Grzegorz Braun. Lange war der ehemalige Filmregisseur vor allem für Provokationen bekannt. Im Dezember 2023 löschte er im polnischen Parlament mit einem Feuerlöscher die Kerzen eines Chanukka-Leuchters. Im Präsidentschaftswahlkampf 2025 warb er für einen Austritt Polens aus der EU und fiel wiederholt mit antisemitischen Äußerungen auf. Im Juli 2025 bestritt er in einem Radiointerview die Existenz von Gaskammern in Auschwitz und bezeichnete die historischen Tatsachen um den Holocaust als "Fake". Das Auschwitz-Museum ging anschließend juristisch gegen ihn vor.

Seine Partei bezeichnet sich selbst als Gruppierung "konservativer Traditionalisten". Auf ihrer Internetseite finden sich Schriften über die angeblich "übermäßige Rolle der Juden" in Polen sowie eine Kampagne unter dem Titel "Stoppt die Ukrainisierung Polens". Politisch ist Braun inzwischen erfolgreich. Bei der Präsidentschaftswahl 2025 holte er 6,34 Prozent. In einer aktuellen Umfrage von United Surveys/IBRiS kommt seine KKP auf 10,9 Prozent. Braun ist damit nicht mehr nur ein Provokateur am Rand des Parteiensystems.

Das verschärft den Konkurrenzkampf auf der polnischen Rechten. PiS, Brauns KKP und die Rechtspartei Konfederacja Wolność i Niepodległość (die Konföderation der Freiheit und Unabhängigkeit) werben teilweise um dieselben Wähler. Zusammen kommen sie auf 41 Prozent - und trotzdem reicht es in der Mandatssimulation nicht zur Mehrheit. Gleichzeitig schließt Kaczyński Braun als Koalitionspartner aus - selbst um den Preis, nicht regieren zu können. Und auch Polens wichtigster Verbündeter hat sich bereits eingemischt: US-Botschafter Thomas Rose erklärte, eine polnische Regierung unter Beteiligung Brauns wäre für Washington nur schwer zu akzeptieren. Brauns Aufstieg könnte damit auch die Suche nach parlamentarischen Mehrheiten nach der Wahl 2027 komplizierter machen.

Direkte Kontakte zur AfD

Während PiS und Washington zu Braun auf Distanz gehen, findet dessen Partei ausgerechnet in Deutschland politische Partner. Politiker der AfD pflegen seit Jahren Kontakte zu Braun und seinem Umfeld. Im Mai luden die KKP-Abgeordneten Roman Fritz und Włodzimierz Skalik drei AfD-Politiker zu einer Pressekonferenz in den polnischen Sejm ein. Unter ihnen war der Bundestagsabgeordnete Steffen Kotré, der für seine russlandfreundlichen Positionen bekannt ist. Schon 2020 wurde eine von Braun angeführte Delegation in Berlin von AfD-Abgeordneten empfangen. Ebenfalls mit dabei: Kotré.

Die politische Schnittmenge ist beträchtlich. Braun fordert einen Austritt Polens aus der EU, lehnt Klimapolitik ab und wendet sich gegen eine weitere Verwicklung Polens in den Krieg in der Ukraine. Auch seine antisemitischen Ausfälle haben die Kontakte zu Teilen der AfD offenbar nicht verhindert. Doch was Braun und Teile der AfD verbindet, trennt beide von der größten Partei der polnischen Rechten: der PiS.

Bei Russland endet die Freundschaft

PiS ist ebenfalls EU-skeptisch, gesellschaftspolitisch konservativ und vertritt eine harte Migrationspolitik. An Gemeinsamkeiten mit der AfD mangelt es also nicht. Doch bei Russland verläuft eine rote Linie. Für PiS und das Umfeld von Präsident Karol Nawrocki gehört die Bedrohung durch Moskau zu den Konstanten ihres politischen Weltbildes. Nawrockis Kabinettschef Paweł Szefernaker bezeichnet die prorussische Agenda der AfD deshalb als für Polen "gefährlich und nicht akzeptabel". Als Beispiel nannte er die Forderung der Partei, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben.

Ein zweiter Konflikt betrifft die Vergangenheit. Nawrocki und PiS halten an Reparationsforderungen für die deutschen Verbrechen und Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs fest. Die AfD-Bundestagsfraktion lehnt dagegen "jegliche Reparationsforderungen aus Polen" ausdrücklich ab. Deutscher und polnischer Nationalismus mögen bei Migration und EU ähnliche Gegner sehen, dieselben nationalen Interessen haben sie deshalb noch lange nicht.

Die Konfederacja sitzt dazwischen

Sławomir Mentzen, einer der führenden Politiker der rechtsgerichteten Konfederacja Wolność i Niepodległość, ist gegenüber der AfD deutlich offener. Zwei Europaabgeordnete aus seinem Lager, Stanisław Tyszka und Marcin Sypniewski, sitzen mit der AfD in der Fraktion Europa der Souveränen Nationen. Mentzen bezeichnete die AfD im Präsidentschaftswahlkampf sogar als die derzeit "polenfreundlichste Partei Deutschlands". Seine Begründung: Die AfD habe sich in Brüssel gegen das Einfrieren polnischer EU-Gelder, gegen die europäische Klimapolitik und gegen eine weitere Verlagerung nationaler Kompetenzen auf die EU gestellt.

Wie weit diese Annäherung reicht, zeigte sich im vergangenen Jahr in Stettin. Mentzen holte den AfD-Europaabgeordneten Tomasz Froelich als Sondergast auf die Bühne. Auf die Frage, wo deutsche und polnische Interessen auseinandergehen, antwortete Froelich: "Reparationen trennen uns am meisten." Er sei ein deutscher Politiker und vertrete die Interessen des deutschen Volkes.

Gerade darin zeigt sich das Dilemma. Bei Migration, EU und gesellschaftspolitischen Fragen finden Mentzens Leute und die AfD schnell eine gemeinsame Sprache. Sobald es aber um konkrete nationale Interessen geht, werden aus Verbündeten wieder Deutsche und Polen. Dass solche Bündnisse fragil sein können, zeigt auch der jüngste Bruch zwischen Donald Trump und Italiens rechter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni: Politische Nähe schützt nicht vor Interessenkonflikten.

Ausgerechnet der Erfolg der AfD zeigt damit, warum eine Internationale der Nationalisten schwierig bleibt: Spätestens, wenn es um Russland, Geschichte und nationale Interessen geht, endet die Gemeinsamkeit dort, wo die Nation des anderen beginnt.

Quelle: ntv.de

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