Panorama

Wie die Polizei gefahndet hat"Der Strom-Saboteur wollte erkannt und gefunden werden"

10.09.2026, 09:49 Uhr
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Am Kraftwerk Weisweiler bei Aachen fand die Polizei plötzlich neue Abschussvorrichtungen. (Foto: picture alliance/dpa)

Tagelang hält die Fahndung nach einem Strom-Saboteur die Polizei in Atem. 1700 Einsatzkräfte fahnden nach dem Mann. Letztlich haben zwei junge, unbeteiligte Autobahnpolizisten den richtigen Riecher. Inzwischen scheint klar: Der Täter wollte die Aufmerksamkeit.

Es war nur etwas niedergetretenes Gras an einem Feldweg, aber das reichte, um zwei junge Polizisten misstrauisch zu machen. Die Autobahnpolizisten waren nicht an der großangelegten Fahndung beteiligt. Dennoch fanden sie die entscheidende Spur, die zum Versteck des mutmaßlichen Strom-Saboteurs führte, und verhafteten den 48-Jährigen. Einer der beiden Beamten hatte sogar seine Bodycam eingeschaltet. Die Deutsche Presse-Agentur konnte die Aufnahmen anschauen.

Sie zeigen, wie die beiden jungen Beamten der Spur im Gras folgen und im Gebüsch rund 200 Meter neben dem Weg auf einen Mann stoßen. Ein Polizist zieht seine Pistole, fordert den Mann auf, sich auf den Boden zu legen. Dieser leistet keinen Widerstand und folgt allen Anweisungen. Sofort habe er zugegeben, der Gesuchte zu sein, berichten die Beamten später.

Tagelang hatten die Angriffe auf das Stromnetz in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen für Schlagzeilen und einen Großeinsatz der Polizei gesorgt. In einem Gebüsch etwa 800 Meter neben dem Kraftwerk Weisweiler bei Aachen endet die Fahndung nun.

Die Aufnahme der Bodycam schwenkt zur Seite. Man sieht ein Zelt, das der 48-Jährige getarnt in einem Gebüsch aufgebaut hat. Die Polizei hatte das Gelände mit Hubschraubern und Drohnen abgeflogen. Durch die gute Tarnung sei das Zelt aus der Luft nicht zu sehen gewesen, sagt Einsatzleiter Frank Wißbaum. Obwohl der 48-Jährige sein Aussehen stark verändert habe, seien die Polizisten schnell sicher gewesen, dass es sich um den tagelang gesuchten Tatverdächtigen handele.

"Die beiden jungen Kollegen haben das kriminalistisch richtig gut gemacht", lobt Einsatzleiter Wißbaum. Bis zu 1700 Einsatzkräfte waren mehrere Tage lang an der Fahndung nach dem 48-Jährigen beteiligt. Letztlich seien es die Aufmerksamkeit und der Spürsinn der beiden jungen Beamten gewesen, die zur Festnahme geführt hätten.

Wißbaum hat den Großeinsatz aus dem Kölner Polizeipräsidium gesteuert. Immer wieder hätten er und seine Kollegen im Führungsstab überlegt, mit was für einem Täter sie es zu tun haben und wie sie ihm auf die Spur kommen können. Vieles habe nicht zueinander gepasst, erzählt der Einsatzleiter - etwa die Tatorte, an denen der 48-Jährige mit Hilfe selbst gebauter Raketen dünne Drähte über Hochspannungsleitungen geschossen haben soll, um sie kurzzuschließen: Sie lagen in Brandenburg, Sachsen und im Rheinischen Braunkohlerevier. Dazwischen liegen mehr als 700 Kilometer Strecke. Das sei eher untypisch für einen Einzeltäter.

Hinzu kamen die Bekennerschreiben, die der mutmaßliche Täter mit Klarnamen unterschrieben an mehrere Medien verschickt hatte. "Ein solches Vorgehen ist sehr selten", sagt Wißbaum. "Uns war klar: Der Täter wollte erkannt und gefunden werden. Aber warum?"

Spur in den Hambacher Forst

Die Polizisten entwickelten Täterprofile und stellten verschiedene Hypothesen auf, was der 48-Jährige als Nächstes vorhaben könnte. Eine dieser Thesen war, dass sich der Mann der Szene der Klimaschützer im Hambacher Forst anschließen könnte. In dem Wald, der vor Jahren von Klima-Aktivisten im Kampf gegen die Braunkohle-Verstromung besetzt worden war, leben bis heute einige Personen in Baumhäusern.

Dazu passte, dass die Beamten am Freitag ganz in der Nähe den auffälligen Camping-Lastwagen fanden, mit dem der 48-Jährige zuvor unterwegs war. "Er hat das Auto nicht versteckt, er hat es regelrecht dort auf dem Parkplatz drapiert", sagt Wißbaum. "Auch das hat uns wieder gezeigt: Er will die Aufmerksamkeit auf sich ziehen."

Das war der Grund, weshalb am vergangenen Wochenende mehrere Hundertschaften den Hambacher Forst durchkämmten. Doch den 48-Jährigen fanden sie dort nicht.

"Wurden auf Schritt und Tritt verfolgt"

Den nächsten konkreten Hinweis auf den Gesuchten habe es am vergangenen Montag gegeben, als neue Abschussvorrichtungen am Kraftwerk Weisweiler bei Aachen auftauchten - zusammen mit einem dritten Bekennerbrief. Darin habe der 48-Jährige auf mehrere aktuelle Entwicklungen, auf Medienberichte und die Ermittlungen Bezug genommen. "Da war klar: Er hat alles mitgelesen. Wir wurden von ihm quasi auf Schritt und Tritt verfolgt."

Weil die Beamten davon ausgingen, dass der 48-Jährige nun nicht mehr motorisiert unterwegs war, konzentrierte sich die Fahndung von Montag an auf den Bereich rund um das Kraftwerk Weisweiler.

Am Montagabend gegen 21 Uhr, noch während des laufenden Polizeieinsatzes, habe plötzlich eine weitere Rakete gezündet. Sie habe die Hochspannungsleitung, auf die sie gerichtet war, aber nicht erreicht und keinen Schaden verursacht.

Am Dienstag bei Tagesanbruch setzten mehrere Hundertschaften die Suche rund um das Kraftwerk fort. Doch die entscheidende Beobachtung machten schließlich die beiden Autobahnpolizisten. Neben der A4 entdeckten sie das niedergetretene Gras, das zum Verdächtigen führte.

Der Einsatz sei für die Polizei nervenzehrend gewesen, sagt Kölns Polizeipräsident Johannes Hermanns. Vor allem, weil in der Domstadt gerade ein Großeinsatz den nächsten jage. "Die Leute sind nicht mehr aus den Stiefeln gekommen, da kam schon der nächste Einsatz."

Am Ende sei aus Sicht der Polizei alles sehr gut abgelaufen, resümiert Einsatzleiter Wißbaum. "Mein Auftrag war: Fang den Täter. Das ist uns in einer hervorragenden Gemeinschaftsleistung gelungen."

Quelle: ntv.de, Marc Herwig, dpa

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