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Widerstand ist erlernbarWarum die Welt von einem "Nein" nicht untergeht

20.09.2026, 15:39 Uhr imageVon Torsten Landsberg
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Neinsagen kann erholsam sein. (Foto: imago/blickwinkel)

Gleichgültigkeit, Angst oder sozialer Druck: Häufig stimmen wir Maßnahmen oder Aussagen zu, obwohl wir anderer Meinung sind. Dabei sei Trotz ein wichtiger Ausdruck der eigenen Werte, sagt die US-Wirtschaftspsychologin Sunita Sah.

Es kann im Familienkreis ebenso vorkommen wie in der morgendlichen Besprechung im Konferenzraum. Eine Aussage steht im Raum, die inhaltlich falsch oder mindestens diskutabel ist; für das weitere Vorgehen werden Maßnahmen festgelegt, deren Nutzen fraglich ist. Trotzdem erhebt niemand das Wort, um zu widersprechen - bloß nicht unangenehm auffallen, nur keine Konfrontation.

Im Privaten mag man darüber hinwegsehen, weil Widerspruch den Streit erfahrungsgemäß nicht wert ist. Im beruflichen Kontext ist mittlerweile bekannt, dass unterschiedliche Meinungen häufig zu konstruktiven Diskussionen und damit besseren Ergebnissen führen. Nur kann Widerspruch dort, wo "flache Hierarchien" nur eine Phrase sind, schnell ins Abseits führen. Erziehung, Gruppenzwang, Angst vor Konsequenzen: Warum fällt es uns so schwer, unseren Überzeugungen zu folgen?

"Trotz ist eine Fähigkeit"

"Von Kindheit an wird uns beigebracht, dass Gehorsam gut ist - höflich sein, gehorchen, Autoritäten nicht hinterfragen - und dass Ungehorsam schlecht ist", sagt Sunita Sah, Autorin von "Standhaft. Warum es sich lohnt, Nein zu sagen", im Gespräch mit ntv.de. Dadurch sei Gehorsam schon früh damit verknüpft, ein guter Mensch zu sein. "Wenn wir also den Drang verspüren, uns zu wehren, kämpfen wir gegen eine tief verwurzelte Identität, die wir als 'gut' gelernt haben."

In vielen Situationen komme sozialer Druck hinzu, dessen Einfluss die meisten Menschen unterschätzen würden. "Wir befürchten, dass wir durch Hinterfragen oder Ablehnen misstrauisch oder schwierig wirken könnten." Das soziale Unbehagen, "Nein" zu sagen, erscheine dann schwerwiegender als die Zustimmung - selbst, wenn sich diese gegen unsere Überzeugung richte. "Trotz ist eine Fähigkeit, kein Charakterzug", sagt die Psychologin.

Zustimmung kann durch bewusste Einwilligung und aus Überzeugung erfolgen - oder aufgrund bloßer Anpassung. Wo liegen die Unterschiede? "Ein bewusstes 'Ja' erfordert Entscheidungsfähigkeit, Wissen, Verständnis, Freiheit und die Einwilligung selbst", sagt die Wirtschaftspsychologin, die am Cornell SC Johnson College of Business im US-Bundesstaat New York zu Interessenkonflikten und Verhaltensethik forscht. Wenn alle fünf Punkte erfüllt seien, stehe die Zustimmung im Einklang mit den eigenen Werten. Sobald eines oder mehrere dieser Elemente fehlten, spreche man von Fügsamkeit.

"Sie geht in der Regel auf einen Anstoß von außen zurück: einen Befehl, einen Vorschlag oder eine Erwartung, der man nachkommt." Der Unterschied zwischen Fügsamkeit und Einwilligung liege darin, ob ein Ja aus Überzeugung entstehe oder erzwungen sei. "Die meisten Menschen nehmen sich gar nicht die Zeit, um sich zu fragen, welche Art der Zustimmung sie gerade geben."

Von Mehrheitsmeinung beeinflusst

Für das "Richtige" einzustehen, kann überraschend schwierig sein. Der US-Sozialpsychologe Solomon Asch führte in den 1950er-Jahren das Konformitätsexperiment durch. Darin setzte er eine Versuchsperson mit eingeweihten Mitarbeitenden an einen Tisch und legte ihnen Linien unterschiedlicher Länge vor. Sie sollten beantworten, welche genau so lang war wie eine Referenzlinie. Die Eingeweihten antworteten absichtlich falsch. Drei von vier Testpersonen passten ihre Antwort in mehreren Durchgängen mindestens einmal der falschen Mehrheit an. In einem weiteren Experiment widersprach eine eingeweihte Person der Mehrheit - und schon sank auch die Konformität der Versuchspersonen.

"Zunächst muss man seine Werte kennen und sich darüber im Klaren sein, dass man im Einklang mit ihnen handeln möchte", sagt Sah. Widerstand könne ansteckend sein. "Wenn eine Person ihre Stimme erhebt, ermutigt das häufig andere, ihr zu folgen. Das ist der Dominoeffekt des Widerstands." Moralische Belehrungen, jemand müsse doch "richtig" handeln, seien dagegen nicht zielführend. "Man muss die Gleichgültigen nicht bekehren, sondern diese eine Person im Raum stärken, deren Handeln die Norm für alle anderen verändert." Wenn Menschen sehen würden, dass von einem "Nein" nicht die Welt untergehe, ändere sich die Abwägung selbst für diejenigen, die zuvor eher zu den Ja-Sagern gehörten.

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Nun gibt es auch Mitmenschen, die aus Prinzip gegen so ziemlich alles sind, was schnell destruktiv und ermüdend wirkt und ein Fortkommen behindert. Die Linie zwischen gesunder Selbstbehauptung und Trotz ist dünn. "Trotz ist zu negativ behaftet, mit Rebellion, Ungehorsam, Ärger. Ich definiere Trotz als das Handeln im Einklang mit den eigenen Werten, wenn Druck ausgeübt wird, anders zu handeln", sagt Sah. Es gehe nicht um reflexartige Rebellion, ein ernsthaftes "Nein" müsse ebenso gut überlegt sein wie ein aufrichtiges "Ja". Ein Contra um seiner selbst willen sei stets reaktiv, gesunder Widerstand orientiere sich dagegen immer an Werten.

Den Widerstandsmuskel stärken

Um sich die Fähigkeit anzueignen, für die eigene Haltung einzustehen, empfiehlt die Psychologin kleine Schritte im Alltag. "Üben Sie in Situationen, in denen nicht viel auf dem Spiel steht: ein Restaurant ablehnen, einem Freund in einer Nebensache widersprechen. Diese Momente stärken den 'Widerstandsmuskel'." Wir müssten das innere Unbehagen, das durch Widerspruch entstehen kann, anerkennen, statt es zu verdrängen. Widerstand könne zwar riskant und mit echten persönlichen Kosten verbunden sein. Allerdings würden wir die Kosten der Anpassung häufig übersehen: "Manchmal können Menschen mit den Folgen ihres Schweigens nicht leben." Dann drohten Ängste, Depressionen, Stress und Unzufriedenheit.

In den sozialen Medien fallen Widerspruch und Konfrontation offenbar weniger schwer als im persönlichen Gespräch. Kann das Einfluss darauf haben, ob und wie wir unsere Ablehnung in der analogen Welt zum Ausdruck bringen? "Soziale Medien haben einen 'falschen Widerstand' geschaffen", sagt Sah. Widerstand diene nicht der Selbstdarstellung, dem Sammeln von Likes oder dem Hochgefühl beim anonymen Posten von Kritik im Internet. "Die Gefahr der sozialen Medien besteht darin, dass sie zu einem Ersatz für konkretes Handeln werden. Menschen können online ihre Empörung zum Ausdruck bringen und sich dann in persönlichen Interaktionen fügen - also in Momenten, auf die es wirklich ankommt." 

Quelle: ntv.de

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