Kaum KontrollenSchutzgebiete in den Weltmeeren schützen diese oft nicht

Offiziell stehen mittlerweile fast zehn Prozent der Meere unter Schutz - und es sollen noch mehr werden. Doch nur ein Bruchteil der Flächen schützt Meeresleben tatsächlich, zeigt eine neue Studie. Die Forscher fordern daher ein Umdenken.
Weltweit stehen nach offiziellen Angaben inzwischen knapp zehn Prozent der Meeresfläche unter Schutz. Doch die Meeresökosysteme profitieren davon weit weniger als vielfach angenommen, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS). In höchstens einem Viertel der untersuchten Riff-Ökosysteme würden Erfolge erzielt. Hauptursache seien nicht eingehaltene Fangbeschränkungen. Hochgerechnet auf die Weltmeere seien vermutlich weniger als zwei Prozent der Fläche tatsächlich wirksam geschützt.
Meeresschutzgebiete sollen Lebensräume bewahren, Fischbeständen Erholung ermöglichen und die biologische Vielfalt stärken. Die Ausweisung bedeutet dabei nicht automatisch, dass dort keine schädlichen Aktivitäten mehr stattfinden: In vielen Schutzgebieten ist Fischerei weiterhin eingeschränkt erlaubt, wird nur unzureichend kontrolliert oder trotz Verbots illegal betrieben.
Die Wissenschaftler um Ella Clausius von der University of Tasmania in Hobart in Australien analysierten die Fischbiomasse in Meeresschutzgebieten mit flachen Korallen- und Felsriffen, um die ökologische Wirksamkeit abzuschätzen. Solche Riffe zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Meere.
Schutzfläche nicht gleich Schutzerfolg
Als Maß für den ökologischen Erfolg diente die Biomasse der dort lebenden Fische, also ihr Gesamtgewicht. Als wirksam galt ein Gebiet, wenn anzunehmen war, dass die Fischbiomasse dort mindestens doppelt so hoch ist wie ohne Schutz. Grundlage der Modellrechnungen waren Daten zur Anzahl und Größe von Fischen an mehr als 4500 flachen Riff-Standorten in 51 Ländern und Territorien, darunter 2155 Standorte in 552 Schutzzonen.
Der Schutzerfolg hänge stark davon ab, wie gut Fischereibeschränkungen im jeweiligen Gebiet befolgt werden, so die Forschenden. Sie übertrugen die in flachen Riffen beobachteten Muster auf andere Meeresökosysteme. Demnach wären derzeit höchstens 1,7 Prozent der Weltmeere effektiv geschützt - erheblich weniger als die offiziell gemeldeten 9,8 Prozent.
Die verbreitete Gleichsetzung von ausgewiesener Schutzfläche und tatsächlichem Naturschutzerfolg überschätze den wirksamen Meeresschutz stark, so das Team. Selbst vollständig geschützte Gebiete, in denen Fischerei grundsätzlich verboten ist, schnitten nicht automatisch gut ab.
Zu bedenken geben die Forschenden, dass junge Schutzgebiete nicht gleich als unwirksam gelten sollten, wenn noch keine deutlichen ökologischen Effekte sichtbar seien. Besonders große und langlebige Arten benötigten oft viele Jahre oder Jahrzehnte zur Erholung. Zu den Einschränkungen zählt das Team zudem, dass die tatsächliche Einhaltung der Regeln für viele Schutzgebiete nicht genau bekannt ist. Die Forschenden arbeiteten deshalb mit Szenarien für durchgehend niedrige oder hohe Befolgung der Regeln.
Zudem wurden andere Schutzwirkungen nicht einbezogen: Ein Gebiet kann zentrale Lebensräume für bestimmte Arten oder Wanderkorridore bieten sowie die Widerstandsfähigkeit eines Ökosystems gegenüber Klimaveränderungen stärken, ohne dass sich dies unmittelbar bei der Fischbiomasse zeigt.
Ziel: mindestens 30 Prozent Schutzgebiete
Im Zuge des Kunming-Montreal-Abkommens zum Schutz der biologischen Vielfalt hatten sich die Vertragsstaaten im Jahr 2022 darauf verständigt, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Weltmeere durch ein Netz von Meeresschutzgebieten und andere gebietsbezogene Schutzmaßnahmen zu bewahren. Die Forschenden warnen nun davor, Meeresschutz auf reine Flächenstatistik zu reduzieren. Es müsse künftig besser geprüft werden, ob ein auf dem Papier ausgewiesenes Schutzgebiet tatsächlich überwacht und verwaltet wird. Erst wenn sich Veränderungen durch Messungen nachweisen lassen, könne von wirksamem Schutz gesprochen werden.
Der selbst nicht an der Studie beteiligte Meeresökologe Christian Wild von der Universität Bremen betonte, die wichtigste Botschaft der Studie sei, dass nicht die Quantität, sondern die Qualität des Meeresschutzes entscheidend ist. "Wir könnten also das ehrgeizige Hauptziel, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Fläche des Weltozeans zu schützen, erreichen, aber dennoch keinen wirksamen Schutz gewährleisten."
Auch Sebastian Ferse vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen sagte, die Studie zeige einmal mehr, dass sich Länder und Behörden viel stärker um die tatsächliche Durchsetzung von Regeln und deren Anerkennung kümmern sollten als lediglich um die Ausweisung immer neuer und größerer Schutzgebiete. "Für den Meeresschutz wäre mehr erreicht, wenn die bereits bestehenden Schutzgebiete wirkungsvoll wären und deren Regeln befolgt würden, als wenn das Ziel von 30 Prozent der Meeresfläche in Schutzgebieten formal erreicht würde, diese aber ohne Wirkung blieben."