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Wenn Zeit im Alter rastIst schon mit 20 Jahren die gefühlte Lebensmitte erreicht?

07.11.2026, 08:54 Uhr imageVon Kai Stoppel
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In der Kindheit kriecht die Zeit, mit zunehmendem Alter scheint sie zu rasen. Die wahrgenommene Lebensmitte könnte daher schon in jungen Jahren liegen. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Als Kind wirkt ein Jahr endlos lang, später rast die Zeit vorbei. Studien bestätigen diese Art der Zeitwahrnehmung ab dem Teenageralter. Ist die Mitte des wahrgenommenen Lebens deshalb schon mit 20 Jahren erreicht? Ein Psychologe erklärt, ob da etwas dran sein könnte.

Viele kennen das: Als Kind fühlte sich die Zeit ewig an. Aber je älter man wird, desto schneller scheint sie vorbeizuziehen. Diesen verbreiteten Eindruck haben schon mehrere Forscher versucht zu erklären. Es wurden sogar Formeln dazu entwickelt, mit verblüffenden Ergebnissen: Ein 80-Jähriger könnte demnach die Hälfte seiner wahrgenommenen Lebenszeit bereits mit etwa 20 erlebt haben - den Rest in den 60 Jahren danach. Was steckt dahinter?

Ein Video, das auf dem populären X-Account @Rainmaker1973 gepostet wurde, soll die unterschiedliche Zeitwahrnehmung während eines Menschenlebens veranschaulichen. Wenn ein Mensch im Schnitt etwa 81 Jahre alt wird, heißt es dort, liege die Hälfte der wahrgenommenen Lebenszeit bei etwa 18 Jahren.

Das Video geht auf eine Hypothese des französischen Philosophen Paul Janet zurück. Dieser hatte 1877 in einem Aufsatz die Idee einer proportionalen Zeitwahrnehmung formuliert. Der Gedanke: Für ein 10-jähriges Kind entspricht ein Jahr 10 Prozent seines gesamten Lebens, also ein relativ großer Anteil. Für einen 50-Jährigen hingegen ist ein Jahr nur noch 2 Prozent seiner Lebenszeit, weshalb es im Rückblick schneller vorübergegangen ist.

Gefühlte Beschleunigung mehrfach beobachtet

In den 1970er Jahren veröffentlichte der Forscher Robert Lemlich ein weiterentwickeltes Modell: Er ging davon aus, dass die subjektive Länge eines neuen Zeitintervalls umgekehrt proportional zur bereits angesammelten subjektiven Lebenszeit abnimmt. Dies umgeht das Problem von Janets Modell, dass sich die Zeitwahrnehmung im Alter extrem beschleunigt. Aber auch bei Lemlichs Modell liegt die subjektive Lebensmitte für einen 80-Jährigen bei etwa 20 Jahren.

Dass die Zeit im Alter tatsächlich gefühlt schneller vergeht, dafür haben spätere Studien Hinweise gefunden. "Bei der Frage 'Wie schnell sind die letzten zehn Jahre für Sie vergangen?' gibt es diese Zunahme an der gefühlten Geschwindigkeit des Zeitverlaufs", sagt Zeitforscher Marc Wittmann gegenüber ntv.de. Genau das hatte er zusammen mit Sandra Lehnhoff in einer 2005 veröffentlichten Studie herausgefunden - sie hatten dafür fast 500 Menschen zwischen 14 und 94 Jahren untersucht.

Die veränderte Zeitwahrnehmung beginne im Teenageralter und halte ungefähr bis zum Alter von 60 Jahren an, wo sie ein Plateau erreiche, so Wittmann. Dieses Phänomen habe in mehreren Ländern beobachtet werden können: "In der kanadischen Population, in der italienischen, in Neuseeland, in den Niederlanden", so der Experte. "In Deutschland haben wir es zweimal repliziert, und auch in Japan zeigt sich genau dasselbe Bild".

"Woche in neuer Umgebung erscheint unendlich lang"

Aber warum nehmen junge und ältere Menschen die Zeit unterschiedlich wahr? Laut Wittmann könnte es daran liegen, wie viele Erinnerungen ein Mensch beim Rückblick auf eine bestimmte Zeitspanne aktualisiert. Beispiel: "Wenn wir eine Woche ein neues Land, eine neue Umgebung erkunden, erscheint diese Woche unendlich lange. Aber in unserem Arbeitsalltag vergeht eine Woche im Nu", so Wittmann. Weil besonders viele Erinnerungen an den Urlaub aktualisiert würden, komme einem die Zeit rückblickend länger vor.

Bei der wahrgenommenen Lebenszeit könnte es genau so sein: In der Kindheit und Jugend geschehen viele Dinge zum ersten Mal. Auch starke Emotionen können die Zeitwahrnehmung beeinflussen: "Je emotionaler die Dinge sind, desto mehr behalte ich sie auch im Gedächtnis", so Wittmann. Mit dem Älterwerden geschieht das weniger häufig, weil vieles schon bekannt ist. Die Zeit könnte deswegen im Rückblick schneller vergehen.

Doch kann man daraus eine Formel ableiten, nach der die wahrgenommene Lebensmitte im Schnitt mit etwa 20 Jahren erreicht ist? Lemlich stellte sein mathematisches Modell 1975 auf und überprüfte dessen Vorhersagen anschließend anhand der Befragung einer kleinen Gruppe. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sollten sagen, wie viel schneller oder langsamer aus ihrer Sicht die Zeit vergangen war, als sie halb so alt und nur ein Viertel so alt waren wie zum Zeitpunkt der Befragung. Wittmann sieht diese Methode kritisch: "Ich könnte keine rechte Antwort geben über die Geschwindigkeit des Zeitverlaufs jetzt und dann als ich 30 oder 20 war. Wie würde ich das anstellen?"

Rein intuitiv hält Wittmann es dennoch für plausibel, dass eine gefühlte Lebensmitte vor der chronologischen liegen könnte. "Ich halte 20 Jahre aber für zu jung", sagt der Experte. Denn zwischen 20 und 30 Jahren würde in der Regel viel in einem Leben passieren. "Subjektiv gesehen würde ich die Lebensmitte eher auf 30 Jahre schieben."

Quelle: ntv.de

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