Forschende entschlüsseln ErbgutFledertiere stammen wohl aus Europa

Fledertiere gelten als eines der größten Experimente der Evolution: Sie fliegen, orten per Echo und trotzen tödlichen Krankheitserregern. Eine internationale Studie rekonstruiert nun ihre Herkunft.
Fledertiere - also Fledermäuse und Flughunde - sind in vielerlei Hinsicht einzigartig: Sie sind die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können. Sie orientieren sich per Echoortung. Sie können - gemessen an ihrer Größe - äußerst alt werden und sind immun gegen viele Krankheiten. Nun hat ein wissenschaftliches Mammutprojekt die Herkunft und Evolution dieser Gruppe rekonstruiert.
Demnach entstanden Fledertiere (Chiroptera) wohl schon vor grob 65 Millionen Jahren - also kurz nach jenem Massensterben, dem unter anderem die Dinosaurier zum Opfer fielen. Ursprungsregion war überraschenderweise wahrscheinlich Europa, nicht wie bisher gedacht in Afrika, Asien oder Nordamerika. Von dort verbreiteten sich die Tiere dann über Afrika nach Asien, Amerika und Australien. Die Flugfähigkeit und die Echoortung entstanden schon in der frühen Evolutionsphase der Tiergruppe, also bereits vor der Auffächerung in die Vorläufer der heute noch existierenden verschiedenen Gruppen.
Aktuell stellen Fledertiere mit weltweit etwa 1500 Arten mehr als ein Fünftel aller Säugetier-Spezies weltweit, wie das Team von 137 Forschenden aus 44 Ländern im Fachjournal "Nature" berichtet. Es ist damit die zweitgrößte Säugetierordnung nach den Nagetieren (Rodentia). Auffällig ist auch, dass sie mit durchschnittlich nur etwa zwei Milliarden Basenpaaren die kleinsten Genome aller Säugetiere haben. Zum Vergleich: Der Mensch hat mehr als drei Milliarden Basenpaare.
"Eine logistische Herausforderung"
Für die Studie untersuchten die Forschenden insgesamt 103 Arten aus sämtlichen 21 Familien sowie 44 Fossilien ausgestorbener Arten. "Zum ersten Mal haben wir qualitativ hochwertige Genome von allen Fledermaus-Familien erstellt", sagte Michael Hiller vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, einer der Studienleiter. "Das war eine logistische Herausforderung und hat viele Jahre gedauert."
Dazu zählt etwa die winzige Schweinsnasenfledermaus (Craseonycteris thonglongyai), auch Hummelfledermaus genannt. Diese in Thailand und Myanmar heimische Art ist der einzige Vertreter der Familie der Craseonycteridae. Aus der Analyse von Genomen, Physiognomie und Lebensräumen erstellte das Team dann einen Stammbaum der Fledertiere.
Sehr nahe an deren Ursprung steht demnach der fossile Fund einer Gruppe von mindestens 23 Vielasia-Tieren, die vor rund 50 Millionen Jahren auf dem Gebiet des heutigen Südwestfrankreich in Höhlen lebten. Schon diese frühen Urfledermäuse (Eochiroptera) konnten fliegen und hatten Strukturen in Kehlkopf und Innenohr, die auch bei heutigen Arten verbreitet sind und die der Echoortung dienen, wie bereits zuvor Forschende im Fachjournal "Current Biology" berichtet hatten.
Pflanzenbestäuber, Samenverteiler und Krankheitsüberträger
Die Analyse zeigt laut Hiller, wie extrem vielfältig die Gruppe der Fledertiere ist. "Fledertiere verblüffen uns ständig", sagte auch eine weitere Studienleiterin, Sonja Vernes von der University of St Andrews. "Sie zählen zu den größten Experimenten der Evolution." Zudem gelten sie als wichtig für die jeweiligen Ökosysteme: Sie bestäuben Pflanzen, verteilen Samen über große Flächen und vertilgen Insekten.
Gleichzeitig sind diese Tiere, die oft in großen Kolonien leben, Träger einer Vielzahl von Krankheitserregern - von Coronaviren über Tollwut bis hin zu Ebola -, gegen die die Tiere selbst offenbar immun sind. Auffällig ist auch, dass Fledermäuse mitunter 20 bis 30 Jahre leben können. Manche Arten lebten acht bis zehn Mal länger als für ihre Körpergröße erwartbar wäre, schreibt das Team.