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Handlungsdruck durch Klimawandel"Die nächsten zwei Jahrzehnte sind für unsere Welt entscheidend"

08.11.2026, 09:14 Uhr 596b41f0-5bc5-4b19-82ad-446905276154Interview: Tomma Schröder
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Photovoltaik-Farmen im Nordwesten Chinas. Nicholas Stern: "Wer hätte gedacht, dass die Kosten für ein Solarpanel heute nur noch drei oder vier Prozent von dem sind, was wir vor 20 Jahren bezahlen mussten?" (Foto: picture alliance / Sipa USA)

Der Klimawandel ist eines der größten Marktversagen in der Geschichte der Menschheit - so lautete eine der Kernbotschaften des Stern-Reports, der vor 20 Jahren am 30. Oktober 2006 veröffentlicht wurde. Geschrieben hatte das über 600 Seiten lange Werk der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, im Auftrag der britischen Regierung. Damals löste der Report viele Diskussionen aus und prägte einen neuen ökonomisch unterfütterten Blick auf den Klimaschutz. Und heute?

Herr Stern, der deutsche Ökonom Ottmar Edenhofer schrieb vor 20 Jahren über Ihren Report, er werde "als kopernikanische Wende in die Geschichte der Klimapolitik eingehen". Was ist von dieser Wende übrig geblieben?

Nicholas Stern: Wenn man auf die letzten 20 Jahre zurückblickt, sieht man: Die wissenschaftlichen Befunde werden mit jedem Jahr besorgniserregender. Die Temperatur ist schneller gestiegen und die Auswirkungen treten stärker und früher auf, als wir dachten. Andererseits hat sich auch die Technologie schneller entwickelt, als wir erwartet hatten. Die Kosten für erneuerbare Energien, insbesondere für Solarenergie, aber auch für Windenergie und Batterien, sind extrem gesunken, sodass sauberer Strom in vielen Teilen der Welt günstiger ist als schmutziger.

Was damals schon stimmte, stimmt also jetzt noch mehr. Die Kosten des Nichtstuns sind gestiegen und die Kosten des Handelns sind gesunken. Es ist wirtschaftlich attraktiv geworden, in das Neue zu investieren. In meinem aktuellen Buch argumentiere ich, dass dies prägend für das Wirtschaftswachstum des 21. Jahrhunderts sein wird.

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Nicholas Stern wurde 1946 in London geboren und gehört seit seinem Klimareport von 2006 zu den bekanntesten Klimaökonomen der Welt. Im Auftrag der britischen Regierung rechnete er darin vor, dass ungebremster Klimawandel die Weltwirtschaft deutlich teurer zu stehen kommt als frühes Handeln. Von 2000 bis 2003 war er Chefökonom der Weltbank. Heute lehrt er als IG Patel Professor of Economics and Government an der London School of Economics (LSE). (Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa)

Das bedeutet aber wahrscheinlich nicht, dass Sie mit der Klimapolitik der letzten beiden Jahrzehnte zufrieden sind.

Absolut nicht! Aber wir haben uns schon nach vorn bewegt. Vor dem Klimaabkommen von Paris ging man davon aus, dass sich der Planet bis zum Ende des Jahrhunderts um vier Grad erwärmen könnte, wenn wir die Trends der Vergangenheit fortschreiben. Und das ist erst etwas mehr als zehn Jahre her! Wenn man heute die Trends fortschreibt, dann könnten es bis zum Ende des Jahrhunderts 2,5 bis 3 Grad Erwärmung werden. Das zeigt, dass es wirklich Fortschritte gegeben hat.

Wir haben uns also bewegt, aber bei Weitem nicht schnell genug. Dabei könnten wir heute sehr schnell das Ruder herumreißen, wenn Regierungen diese Veränderung vorantreiben würden. Leider geht es derzeit - insbesondere in den Vereinigten Staaten - nicht in die richtige Richtung.

Und im Rest der Welt?

Auch in Europa ist der Fortschritt in Richtung Klimaneutralität nicht so stark, wie er sein sollte. In China verändert sich vieles sehr schnell. Chinas Emissionen werden wahrscheinlich jetzt stagnieren und anschließend sinken. Wie schnell sie fallen, wird für die Welt von großer Bedeutung sein. Gleichzeitig ist China bei den relevanten Technologien führend. Indien wächst derzeit deutlich schneller als die meisten anderen Länder. Was dort geschieht, wird deshalb ebenfalls sehr wichtig sein. Das Land bewegt sich in Richtung sauberer Energie. Aber auch die Art und Weise, wie beispielsweise Städte in Indien gebaut werden, wird für uns alle erhebliche Auswirkungen auf das Klima haben. Insgesamt kommt die Menschheit bei Weitem nicht so schnell voran, wie wir sollten.

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Also, politisch ist die Wende noch nicht da, aber technologisch schon.

Wer hätte gedacht, dass die Kosten für ein Solarpanel heute nur noch drei oder vier Prozent von dem sind, was wir vor 20 Jahren bezahlen mussten? Wer hätte erwartet, wie überlegen Elektrofahrzeuge Autos mit Verbrennungsmotor sein werden - günstiger in der Herstellung, günstiger zu warten, besser zu fahren, günstiger im Betrieb.

Wo hinkt der technische Fortschritt hinter dem Nötigen zurück?

Wir sind zum Beispiel noch weit davon entfernt, nachhaltigen Flugkraftstoff zu vernünftigen Preisen anbieten zu können.

Insgesamt kosten diese Transformationen erst mal viel Geld. Und die Kosten für den Klimaschutz fallen vor Ort an, den Nutzen haben aber alle - auch jene Staaten, die sich überhaupt nicht mehr ums Klima scheren. Was hilft gegen das sogenannte Trittbrettfahrerproblem?

Diese Idee des Trittbrettfahrens beruht auf der Vorstellung, dass Klimaschutz eine wirtschaftliche Belastung bedeutet. Aber tatsächlich ist vieles, was wir tun müssen, in unserem eigenen Interesse als Nation - egal, ob es Deutschland oder Großbritannien oder Indien oder wer auch immer ist.

Warum?

Weil in vielen Bereichen das Saubere günstiger ist als das Schmutzige. Hier gibt es große Skaleneffekte. Vieles davon dreht sich um Effizienz. Effizienz ist Produktivität, ist Wachstum. Städte, in denen man sich ohne Angst vor Luftverschmutzung frei bewegen und atmen kann, sind produktiver als Städte, in denen das nicht möglich ist. Wenn man sich anschaut, wie unsere Städte, unsere Energie, unser Verkehr, unser Wasser, insbesondere unsere Ökosysteme, funktionieren, dann sind Investitionen in Klimaschutz tatsächlich Gewinne.

Was steht dem wirtschaftlichen Wandel trotzdem entgegen?

Die Vorteile fallen uns nicht wie reife Äpfel in den Schoß. Wir müssen investieren, um dorthin zu gelangen. Wir müssen zum Beispiel Metrosysteme und viel bessere Stromnetze bauen. Da geht es auch darum, was Mario Draghi in seinem Bericht "Die Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit" von 2024 gesagt hat: Die Energiesysteme und Finanzsysteme müssen in Europa vereinheitlicht und die Regulierung vereinfacht werden. Draghi erzählte eine Geschichte von grünem und intelligentem Wachstum. Und es ist an uns, das umzusetzen. Man muss sich für den Klimaschutz nicht geißeln oder opfern. Wenn wir unsere Arbeitsweise ändern und viel investieren, dann haben wir eine Lebensweise, die viel attraktiver ist als die schmutzigen, zerstörerischen Modelle der Vergangenheit. Und genau dorthin muss die Diskussion gehen. Dafür brauchen wir politische Führung. Aber wir werden weiter Gegenwehr bekommen. Die Eigeninteressen in der fossilen Brennstoffindustrie sind stark.

In der letzten Zeit konnten Politiker Wähler nicht wirklich vom grünen und intelligenten Wachstum überzeugen.

Investitionen bedeuten Veränderung. Manche Menschen wollen nicht unbedingt, dass Handwerker in ihr Haus kommen und es besser isolieren. Das wird als Eingriff wahrgenommen. Die Herausforderung ist also, die richtigen Anreize zu finden und praktische Unterstützung zu bieten. Aber das ist Sache der Politik. Ich denke, was wir brauchen, ist internationale Zusammenarbeit, bei der wir mehr das Zuckerbrot und weniger die Peitsche in den Vordergrund stellen.

Gibt es dafür gute Beispiele?

Die Europäische Investitionsbank hilft beim Bau der Metropolen in vielen indischen Städten. Sie verliert dabei kein Geld, weil sie ihre Expertise und ihre Fähigkeit nutzt, zu niedrigen Zinssätzen auf den Weltmärkten Geld zu leihen und es in Metropolregionen in Indien zu investieren. Das kommt natürlich dem indischen Volk zugute, aber auch uns, weil das bedeutet, dass die Emissionen aus Indien nicht so schnell steigen und früher sinken als sonst.

Welche Rolle spielen CO2-Preise?

Sie sind sehr wichtig und es ist gut, wenn international faire Bedingungen geschaffen werden. Der europäische Grenzausgleich für CO2 (um CO2-Emissionen von importierten Waren ebenfalls zu bepreisen, Anm. d. Red.), ist etwas, das meiner Meinung nach sehr sinnvoll ist. Stahlhersteller in der Türkei oder China reagieren bereits auf diese Politiken und sagen: "Wir sollten unsere Emissionen senken, wenn wir in Europa verkaufen wollen." Sie passen sich vielleicht nicht sofort an und beschweren sich, aber sie passen sich an.

Ein weiteres Beispiel: Die Welt kann auch Brasilien, die Demokratischen Republik Kongo und Indonesien dabei unterstützen, ihre großen Wälder zu erhalten. Das ist etwas, wovon wir alle profitieren. Es geht also darum, einen Geist konstruktiver Zusammenarbeit zu entwickeln.

Dieser Geist ist gerade allerdings schwerlich auszumachen.

Wir leben in einer Welt, in der die Gesamtwachstumsrate im kommenden Jahrzehnt vielleicht näher bei zwei als bei jenen drei Prozent liegt, an die wir uns in den letzten 50 Jahren gewöhnt haben. Das wird schwierig sein, weil es bedeutet, dass viele Gebiete gar nicht wachsen. Das wird Reibungen geben.

Was die Sache mit der Zusammenarbeit und der Transformation nicht unbedingt leichter machen wird.

Die Risiken nehmen zu: durch Pandemien, durch den Klimawandel und den Verlust der Biodiversität. Auch das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt ist sehr hoch, und es gibt große makroökonomische Risiken, die damit verbunden sind. Hinzu kommen die Risiken durch KI.

Ich fürchte, dass die Konflikte zunehmen und die Kooperation zurückgehen wird. Aber auch hier könnte und sollte Europa eine führende Rolle spielen, jetzt, da sich die Vereinigten Staaten zurückgezogen haben. Dies könnte der Moment für Europa sein, voranzuschreiten und dadurch grünes Wachstum - mit Indien, China, Brasilien, Südafrika - neu zu entfachen und neu zu gestalten.

Die Risiken des Klimawandels und des Verlustes der Biodiversität werden in vielen Wirtschaftszweigen immer spürbarer. Wächst dadurch auch der Handlungsdruck auf die Politik?

Ja, aber noch nicht genug. Die nächsten zwei Jahrzehnte sind für unsere Welt entscheidend. Als wir den Stern-Report gemacht haben, dachten wir, dass die Kipppunkte noch weit entfernt sind. Wir gingen davon aus, dass es 3,5 oder vier Grad Erwärmung braucht, bevor das Amazonas-Waldsystem zusammenbricht, Permafrost auftaut, das Eis der Arktis und der Antarktis verloren geht.

Jetzt sieht es so aus, als wenn diese Kipppunkte eher bei 2,5 Grad Celsius Erwärmung liegen. Und wir sind ja bereits bei 1,4 Grad! Wenn wir also 0,3 Grad Celsius pro Jahrzehnt hinzufügen, dann könnten wir diese Kipppunkte schon in vier Jahrzehnten erreichen. Und natürlich könnten sie sogar noch näher liegen, als wir denken!

Warum werden diese Risiken noch immer nicht richtig wahrgenommen?

Ich glaube, die Entscheidungsträger nehmen diese Risiken wahr - aber nicht in ihrem ganzen Ausmaß und der Dringlichkeit. Das sind Risiken, die für viele Menschen auf dem Planeten existenziell sind, weil der Ort, an dem sie leben, unbewohnbar werden würde. Und all das, was wir in der Vergangenheit gesehen haben und was wirklich schrecklich war - nehmen Sie die Ereignisse in Nepal und Tibet -, das ist alles noch sehr klein im Vergleich zu dem, was auf uns zukommt, wenn wir nicht schnell handeln.

Wie erklären Sie sich dann den aktuellen Gegenwind für Klimaschutz?

Es ist paradox: Je größer die Risiken werden und je näher sie kommen, desto lockerer sagen die Leute: "Nun, ja, okay, wir reduzieren die Emissionen nicht so schnell, wie wir dachten, aber egal, das kriegen wir schon irgendwie hin." Das ist ignorant und rücksichtslos. Da brauchen wir endlich eine Diskussion unter Erwachsenen über die enormen Risiken, denen wir ausgesetzt sind.

Ich hoffe, dass die politischen Führer Europas hier eine noch stärkere Rolle spielen werden, als sie es derzeit tun. Ich meine, wer sollte gegen gesunde Ökosysteme sein ohne vergiftete Flüsse, abgeholzte Wälder und kranke Meere? Das sind die Dinge, die mit der Emissionsreduktion einhergehen.

Der deutsche Bundeskanzler, Friedrich Merz, hat nach der Dürre und Hitzewelle in diesem Sommer gesagt: "Wir allein in Deutschland können den Klimawandel auf der Welt nicht zurückdrängen." Was würden Sie darauf antworten?

Deutschland ist ein großes Land, eine große Volkswirtschaft. Wenn jede Volkswirtschaft, die nur ein Prozent der Emissionen ausmacht, sagen würde, dass wir das nicht allein schaffen können, dann liege die Folgen auf der Hand. Wenn man alle Länder nimmt, die ein oder zwei Prozent der Emissionen ausmachen, bekommt man wahrscheinlich die Hälfte der Emissionen. Ich würde also zu unseren deutschen Freunden sagen: "Sie haben durch Ihre Förderung von Solarpanels wirklich geholfen, sie weltweit billiger zu machen, und viele andere gute Dinge getan. Es gibt noch viel mehr, das Sie tun können, und Sie werden davon profitieren."

Quelle: ntv.de

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