Uralte Lehrmeinung nur Quatsch?Berühmte optische Täuschung an Athener Tempel soll gar keine sein

Seit Jahrhunderten gilt die leichte Wölbung des Parthenon als raffinierter Kniff gegen optische Täuschungen. Ein Mathematiker widerspricht nun dieser Deutung. Die wahre Ursache könnte deutlich profaner sein als gedacht.
Seit langer Zeit galt, dass der berühmte Tempel in Athen, das Parthenon, eine geniale optische Täuschung ist. Dadurch hätten die griechischen Architekten bei der Erbauung vor 2500 Jahren erreicht, dass die Säulenreihe des Tempels für den Betrachter schön gerade erscheint. Doch eine neue Studie stellt die These von der beabsichtigten Illusion infrage - und sagt, dass es gar keine gibt.
Aber was genau steckt hinter der angeblichen optischen Täuschung? Bereits der römische Architekt Vitruv hatte im 1. Jahrhundert behauptet, die Griechen hätten ihre Tempel mit einer leichten Wölbung errichtet, um sie für das Auge schöner wirken zu lassen. Der britische Architekt und Archäologe Francis Penrose konnte im 19. Jahrhundert durch Messungen bestätigen, dass die Linien des Tempels tatsächlich leicht gekrümmt sind. Der Sockel - auch Stylobat genannt - auf dem die Säulen stehen, ist an seiner Längsseite in der Mitte um bis zu sechs Zentimeter höher als an den Enden.
Penrose ging ebenfalls davon aus, dass dies deshalb gemacht wurde, um das Gebäude für das menschliche Auge perfekt harmonisch wirken zu lassen. Eine mögliche Erklärung ist die Hering-Täuschung: Bei ihr erscheinen horizontale Linien leicht gekrümmt, wenn sie von schräg verlaufenden Linien gekreuzt werden (s. Bild). Grund ist, dass das menschliche Auge die Winkel der Geraden zu den horizontalen Linien falsch einschätzt, was den Effekt der Krümmung hervorruft. Und genau das wollten die Griechen vermeiden, so war lange Zeit die Ansicht.
Doch eine neue Forschungsarbeit sät Zweifel an dieser Darstellung. Der Mathematiker Alain Goriely von der University of Oxford schreibt in seiner Studie, die bei "Royal Society Open Science" erschienen ist, dass es gar keine optische Illusion geben könnte - auch wenn die Wölbungen am Tempel real sind.
Eigentlich nur ein Schutz vor Wasser?
Das Argument von Goriely: Anders als bei der Hering-Täuschung gebe es am Parthenon keine schiefen Winkel zu den horizontalen Linien. "Die Säulen stehen nahezu senkrecht auf dem horizontalen Element", sagte er in einem Video-Interview. Der Betrachter sehe daher keinen schiefen Winkel, sondern einen fast perfekten rechten Winkel. "Und das liegt daran, dass unser Sehsystem besonders gut darin ist, rechtwinklige Winkel sowie horizontale und vertikale Elemente zu erkennen", so Goriely. Daher könne diese Illusion im Parthenon selbst nicht auftreten.
Aber warum ist der Sockel dann eigentlich gewölbt? Goriely vermutet, dass die Architekten des Parthenon andere Gründe dafür hatten. Die Wölbung des Sockels könnte die Bildung von Regenpfützen verhindert haben: "Wenn der Stylobat gewölbt ist, würde dies natürlich dazu beitragen, dass das Regenwasser von der Plattform abfließen kann", heißt es in der Studie. Unklar bleibt, warum sich dieser Mythos so lange gehalten hat. Goriely vermutet, dass dies zum Teil auf die Vorstellung zurückzuführen ist, das antike Griechenland sei eine äußerst gelehrte und geniale Zivilisation gewesen.