"Investments sind Frühindikator"Welche Ziele verfolgt der CIA-Fonds IQT in Europa?
Interview: Juliane Kipper
In Anlehnung an den legendären Tüftler "Q" aus den James-Bond-Filmen sichert der von US-Geheimdienstlern gegründete Risikokapitalgeber In-Q-Tel (IQT) den USA den Zugriff auf zukunftsweisende Technologien. Obwohl die Investitionen mit oft unter drei Millionen Dollar vergleichsweise klein ausfallen, bringt der Fonds ein mächtiges Pfund ein: den direkten Zugang zum US-Sicherheitsapparat und den dortigen Rüstungskäufern. Nach Erfolgsgeschichten wie Palantir und Anduril investiert IQT auch zunehmend in Europa – etwa beim Münchner Drohnenspezialisten Quantum Systems oder dem Berliner Kampfdrohnen-Startup Stark. Droht Europa damit der schleichende Abfluss strategischer Schlüsseltechnologien nach Washington? Im Interview ordnet Investor Thomas Oehl ein, welche Interessen der CIA-Fonds mit seiner Europa-Strategie verfolgt, wie viel Einfluss IQT durch Minibeteiligungen gewinnt und wo europäische Wagniskapitalgeber dringend nachbessern müssen.
ntv.de: IQT steigt oft mit kleinen Summen ein. Geht es dem CIA-Fonds bei Investments wie Quantum Systems um Finanzrendite oder primär um den Zugriff auf europäisches Know-how?
Thomas Oehl: Der Auftrag von IQT ist es, weltweit die besten Technologien früh zu identifizieren, sie zu verstehen und für das US-Ökosystem zugänglich zu machen. Gleichzeitig öffnet IQT den Unternehmen den Zugang zum US-Ökosystem, zu relevanten Institutionen und potenziellen Kunden. Dabei ist IQT durchaus renditeorientiert. Ein Investment ist deshalb auch ein Frühindikator dafür, welche Technologien die amerikanischen Sicherheitsbehörden für relevant halten. Wir sind als Vsquared nicht in Quantum Systems investiert, daher können wir nicht über die finalen Details der Investition von IQT in Quantum Systems sprechen.
Wie viel Einfluss gewinnt IQT über solche Minderheitsbeteiligungen auf die strategische Ausrichtung europäischer Start-ups?
Eine kleine Minderheitsbeteiligung von IQT reicht nicht aus, um einem europäischen Start-up die strategische Richtung vorzugeben. Aber wenn ein gut vernetzter Investor sein Netzwerk öffnet und direkten Zugang zu relevanten Kunden und Institutionen schafft, beeinflusst das natürlich die Geschäftsentwicklung. Das ist ein Unterschied zwischen Einfluss durch Chancen und tatsächlicher Kontrolle. Gerade bei sehr kleinen Minderheitsbeteiligungen ist der Einfluss eines Investors jedoch beschränkt.
Führt ein solches Investment schrittweise dazu, dass Standorte oder Entwicklung in die USA verlagert werden?
Ein Investment von IQT führt nicht automatisch dazu, dass europäische Start-ups Entwicklung oder Hauptsitz in die USA verlagern. Ein Investor kann Kontakte, Wissen und konkrete Geschäftsmöglichkeiten im US-Markt schaffen. Ob und wie ein Unternehmen diese Chancen nutzt und wo es seine Standorte aufbaut, bleibt aber eine unternehmerische Entscheidung.
Wo liegt aus Ihrer Sicht der größte Mehrwert von IQT für die Beteiligungen?
Die besondere Stärke von IQT liegt weniger in der Größe der Investition als in der Schnittstellenfunktion des Fonds. IQT verbindet Technologieunternehmen mit denjenigen Stellen innerhalb der US-Regierung, für die ihre Produkte relevant sein können. Für ein Start-up kann dieser Zugang deutlich wertvoller sein als das reine Kapital.
Warum schafft es das europäische Wagniskapital-Ökosystem nicht, Start-ups in dieser kritischen Phase mit ähnlich schnellem und agilem Risikokapital zu versorgen?
Europa hat durchaus Investoren, die Start-ups auch in frühen und risikoreichen Phasen finanzieren können. IQT sollte man allerdings nicht mit einem klassischen Lead-Investor vergleichen: IQT investiert häufig vergleichsweise kleine Summen und verbindet diese mit strategischem Zugang zu relevanten Institutionen und Kunden in den USA. Was in Europa bislang weniger ausgeprägt ist, ist diese Kombination aus Kapital, Technologieverständnis und institutionellem Zugang aus einer staatlich angebundenen Organisation heraus.
Viele europäische Fonds schließen Rüstungsinvestitionen aus ethischen Gründen aus. Das sogenannte ESG-Regelwek etwa misst, wie nachhaltig und sozial verantwortlich Unternehmen wirtschaften. Müssen diese Kriterien angesichts der neuen Geopolitik reformiert werden, um den Anschluss an die USA nicht zu verlieren?
Die Haltung Europas zu Investitionen im Verteidigungssektor hat sich deutlich verändert. Verteidigungsfähigkeit ist heute eine europäische Priorität. ESG-Vorgaben gebieten Einhalt bei Investitionen im Bereich von Waffensystemen. Für mich beinhaltet ESG aber klar auch den Schutz von Frieden, Freiheit und demokratischen Gesellschaften. Investitionen in Dual-Use-Technologien oder Technologien, die es uns erlauben, unsere Souveränität und Sicherheit zu schützen, können deshalb sehr wohl ESG-konform sein. Bei offensiven Waffensystemen braucht es weiterhin eine differenzierte Betrachtung.
Wo besteht der größte Handlungsbedarf bei der Finanzierung europäischer Defence-Startups?
Die Finanzierung europäischer Defence-Startups scheitert aktuell nicht grundsätzlich an fehlendem Kapital oder fehlenden staatlichen Anreizen. Wir sehen vielmehr einen starken Kapitalzufluss in diesem Bereich. Was für Europa durchaus attraktiv sein kann, ist eine Schnittstelle nach dem Vorbild von IQT, die Start-ups systematisch mit Ministerien und Streitkräften verbindet und so den Transfer von Technologie in die Anwendung beschleunigt.
Führt der frühe Einstieg von US-Investoren zwangsläufig zum Abwandern europäischer Einhörner in die USA?
Die Beteiligung eines US-Investors bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein europäisches Technologieunternehmen später in den USA an die Börse geht oder von einem US-Konzern übernommen wird. Der US-Markt ist für schnell wachsende Technologieunternehmen aber häufig kommerziell attraktiver, durch tiefere Kapitalmärkte, große Kunden und eine ausgeprägte Kultur, externe Innovation einzukaufen. Europa sollte deshalb nicht US-Investoren fernhalten, sondern selbst attraktive Kapitalmärkte, Kunden und industrielle Partner schaffen. Die Kooperation von Rheinmetall mit dem Münchner Start-up ERC System zeigt, dass sich auch in Europa etablierte Defence-Unternehmen zunehmend für Innovation von außen öffnen.
Warum gibt es in Europa bis heute kein echtes Pendant zu IQT?
IQT ist aus einem amerikanischen Ökosystem entstanden, in dem Nachrichtendienste, Militär, Technologieunternehmen und Risikokapital seit Jahrzehnten eng miteinander arbeiten. Europa kommt aus einer anderen historischen Situation: Nach vielen Jahren des Friedens müssen wir uns gesellschaftlich und institutionell erst wieder daran gewöhnen, dass starke Sicherheitsstrukturen und technologische Souveränität notwendig sind. Gleichzeitig ist auch das europäische Venture-Capital-Ökosystem jünger.
Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund Ansätze wie den Nato Innovation Fund?
In den USA gibt es ein stärker ausgeprägtes Verständnis dafür, früh in aussichtsreiche, aber riskante Technologien zu investieren, bevor ihr Wachstum bewiesen ist. Es gibt dort auch deutlich mehr erfolgreiche Beispiele, die zeigen, dass sich dieses Risiko auszahlen kann. Der Nato Innovation Fund ist ein wichtiger Schritt, aber noch jung. Solche Netzwerke, Kompetenzen und Beschaffungswege entstehen nicht über Nacht, sie müssen wachsen.
Mit Thomas Oehl sprach Juliane Kipper