Wirtschaft

Wohnungskrise löst Neuwahlen ausWie ein Bauboom Spanien Jahrzehnte später einholt

06.10.2026, 17:40 Uhr imageVon Lukas Wessling
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In vielen Teilen Spaniens macht sich die geplatzte Immobilienblase noch Jahrzehnte später bemerkbar. (Foto: picture alliance / Goldmann)

Der spanische Bauboom der Nullerjahre und seine Folgen prägen das Land noch immer. Was das mit den anstehenden Neuwahlen zu tun hat.

Zehntausende trieb die Wohnungskrise in den vergangenen Tagen auf die Straßen Madrids, ein Generalstreik wurde vorbereitet. Aufgebracht hatte die Menschen die Zwangsräumung einer 87-Jährigen, nicht einmal zwei Wochen später ruft der spanische Ministerpräsident Neuwahlen aus. Im Mittelpunkt der Krise steht die Wohnungsnot im Land.

Die Ausgangslage: Seit 2015 sind die spanischen Angebotsmieten um rund 80 Prozent gestiegen - mehr als dreimal so stark wie die Verbraucherpreise insgesamt. Eine eigene Wohnung ist für viele Menschen kaum noch erschwinglich. In den 2000er Jahren lebten in Deutschland wie in Spanien rund die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen bei ihren Eltern. In der Zwischenzeit hat sich ein Graben aufgetan: In Deutschland ist es nicht einmal ein Drittel der jungen Erwachsenen, in Spanien sind es inzwischen mehr als doppelt so viele.

Ironischerweise liegt einer der Gründe der heutigen Knappheit am Wohnungsmarkt in einer Schwemme an Immobilien, die vor knapp 20 Jahren den Markt überforderte: Mehr als vier Millionen Wohnungen entstanden zwischen der Jahrtausendwende und der Finanzkrise von 2007. Behörden hatten großzügig Bauvorhaben genehmigt, Sparkassen verschuldeten sich hoch. Als die Immobilienblase platzte, gingen Baufirmen bankrott, Investoren zogen sich zurück. Übrig blieben Betongerippe, halbfertige Siedlungen und eine am Boden liegende Baubranche.

Baubranche überalterte nach Boom

Vor dem Platzen der Blase arbeitete etwa jeder siebte Erwerbstätige des Landes im Bausektor. Seitdem hat sich dieser Anteil einer Analyse der Großbank BBVA zufolge halbiert. Beschäftigte schulten um, wurden arbeitslos oder gingen vorzeitig in Rente. Mit ihnen verlor der Bausektor Erfahrung und Arbeitskraft. Heute leidet die Branche der Bank zufolge an Personalmangel und überalterten Belegschaften. Nur etwa ein Zehntel der Beschäftigten ist jünger als 30 Jahre. Zuwanderung hat zwar neue Arbeitskräfte beschert, doch selbst die steigenden Löhne reichen nicht aus, um die Löcher in den Belegschaften zu füllen.

Hinzu komme laut BBVA die kleinteilige Unternehmensstruktur. Nur ein halbes Prozent der Betriebe habe mehr als 250 Beschäftigte. Auch die Rentabilität falle vergleichsweise gering aus: Die Eigenkapitalrendite beträgt der Analyse zufolge lediglich ein Drittel des Niveaus in Deutschland oder Frankreich. Die hohe Nachfrage nach Wohnungen lässt sich unter diesen Bedingungen nicht ohne Weiteres in zusätzliche Baustellen übersetzen. Wurden vor dem Platzen der Blase in Spanien mehr als 600.000 Wohnungen im Jahr gebaut, war es nach der Krise nur noch ein Bruchteil davon.

Während das Angebot also nur zaghaft wuchs, nahm die Nachfrage zuletzt deutlich an Fahrt auf. Spanien gehörte in den vergangenen Jahren zu den wirtschaftlichen Spitzenreitern Europas. Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum verstärkten sich dabei gegenseitig - und erhöhten den Bedarf an Wohnraum.

Nach Angaben des spanischen Statistikamtes INE ist die Bevölkerung seit 2015 um rund drei Millionen Menschen gewachsen. Besonders stark fiel der Zuwachs in den ohnehin dicht besiedelten Regionen aus. In der Provinz Barcelona etwa kam im Mittel für alle zehn Menschen, die dort bereits wohnten, in den vergangenen Jahren eine weitere Person hinzu.

Weiterhin "Aufwärtsdruck"

Gerade in den spanischen Großstädten erhöht eine weitere Gruppe den Druck auf den Wohnungsmarkt und sorgt so für Ärger: die der Urlauber. Seit 2018 hat sich laut Eurostat die Zahl der online gebuchten Übernachtungen in Spanien verdoppelt.

Auch auf dem Kaufmarkt kommt ein beachtlicher Teil der Nachfrage aus dem Ausland. Mehr als ein Sechstel der Wohnungskäufe entfällt mittlerweile auf ausländische Käufer. Weil sie Immobilien als Feriendomizil oder als Kapitalanlage sehen, zahlten nicht in Spanien lebende Käufer sehr viel höhere Preise, schreibt die spanische Caixa-Bank. Sie nennt für diese Käufergruppe Quadratmeterpreise von durchschnittlich 3063 Euro. Im Vergleich: Ausländische Käufer mit Wohnsitz in Spanien zahlten durchschnittlich 1795 Euro, spanische Staatsangehörige 1713 Euro.

Eine "starke Nachfrage in Verbindung mit einem verhalteneren Angebotswachstum" übt laut Europäischem Hypothekenverband weiterhin "Aufwärtsdruck" auf den Markt aus. Dass der Markt die starke Nachfrage heute nicht befriedigen kann, liegt nicht zuletzt daran, dass er vor fast 20 Jahren überhitzte und kollabierte.

Quelle: ntv.de

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