Aufholjagd bei E-Autos läuftDeutsche Autobauer können chinesische Konkurrenten überholen
Von Christina Lohner
Bei Elektroautos ist die deutsche Autoindustrie von China abgehängt. Das muss nicht so bleiben. In Bezug auf Innovationen stoßen chinesische Hersteller an ihre Grenzen. Die deutschen Autobauer holen dabei auf.
Massive Gewinneinbrüche, gekappte Prognosen, Tausende Stellenstreichungen - derzeit kommt eine Hiobsbotschaft nach der anderen aus der deutschen Autoindustrie. Wie nun schon seit Jahren. Doch es besteht Hoffnung. Wenn die deutschen Hersteller bei ihren Anstrengungen nicht nachlassen, könnten sie in absehbarer Zeit technisch wieder ganz vorn mitfahren.
Nachdem die hiesigen Autobauer bei Innovationen im Bereich Elektromobilität jahrelang schwächelten, ist die Talsohle nach Einschätzung des Branchenexperten Stefan Bratzel inzwischen durchschritten. "Seit ein, zwei Jahren wird es wieder besser", sagt er im Gespräch mit ntv.de. "Chinesische Hersteller sind immer noch besser, aber bei ihnen geht es jetzt nicht mehr bergauf." Bratzels Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach wertet regelmäßig die Innovationsstärke der wichtigsten Autobauer aus. Berücksichtigt werden dabei Neuerungen, die auf mindestens einem relevanten Pkw-Markt wie Europa, USA oder China für Endkunden bestellbar sind.
Die deutschen Hersteller holen dabei auf. Größter Gewinner ist in diesem Jahr Mercedes-Benz, der Konzern verbesserte sich im Ranking um drei Plätze auf Rang vier. Platz eins belegt weiterhin Geely aus China. Innovationsstärkster deutscher E-Autobauer ist der Studie zufolge der VW-Konzern auf Platz zwei. Mit 24 Serien-Innovationen brachten die Wolfsburger im ersten Halbjahr mit Abstand die meisten Neuerungen auf den Markt.
Mercedes erreichte seine hohe Innovationsstärke mit nur 14, dafür sehr hochwertigen Einzelinnovationen. "Mercedes punktet unter anderem mit hohen Reichweiten seiner Modelle in verschiedenen Segmenten (EQS, VLE) und ermöglicht bidirektionale Ladefunktionen, ähnlich wie BMW", erklärt das Forschungsinstitut. BMW belegt Platz fünf. Größter Verlierer ist aktuell Tesla, der einstige E-Autopionier rutschte vom sechsten auf den elften Rang.
Die Innovationen der Hersteller setzten zuletzt vor allem bei Reichweite, Ladeleistung und Verbrauch sowie beim Elektro-Ökosystem an. Vorreiter beim Schnellladen ist BYD, der Branchenprimus aus China schafft mit seinem Denza Z9GT eine Ladeleistung von bis zu 1500 kW über einen einzigen Ladeanschluss. "Die europäische Version lädt in rund neun Minuten von 10 auf 97 Prozent, selbst bei minus 30 Grad Celsius", führen die Forscher aus.
Beim Verbrauch dagegen punktete beispielsweise der VW ID.3 Neo. "Die drei deutschen Hersteller sind technologisch mittlerweile ganz gut unterwegs", sagt Bratzel. In China erwartet der Branchenexperte für die kommenden zwei Jahre die lang erwartete Konsolidierung, schließlich müssten auch die chinesischen Hersteller irgendwann Geld verdienen. Das Problem der deutschen Autobauer seien nun noch die hohen Standortkosten, außerdem müssten sie schneller werden.
Nur dann können die Deutschen ihre Innovationsstärke stärker in Verkäufe übersetzen. "Die chinesischen Hersteller zeigen zunehmend, dass sie ihre technologische Stärke auch in Marktanteile übersetzen können, inzwischen auch in Deutschland", mahnt Bratzel. "Eine Verdopplung ihrer E-Auto-Neuzulassungen ist ein deutliches Warnsignal für die etablierten Hersteller."
Bei den weltweiten Verkäufen von Elektroautos dominierten im ersten Halbjahr laut der Analyse weiterhin chinesische Hersteller, allen voran BYD mit 867.000 Neuwagen, gefolgt von Tesla (838.000), Geely (571.000) und SAIC (540.000). Der VW-Konzern belegte mit 438.0000 reinen Elektroautos Platz fünf, BMW mit 204.000 Stromern den siebten Platz.
Mercedes verkaufte zwar mit 113.000 E-Fahrzeugen deutlich weniger, steigerte seinen Absatz aber um fast die Hälfte. Das zeigt, dass die Innovationen ein Frühindikator für die Gesamtentwicklung sind, wie Bratzel sagt. "Bei Mercedes-Benz, dem Spitzenreiter der Halbjahres-Innovationsstärke, geht der Innovationsschub auch mit deutlich steigenden Verkäufen einher."
Gelingt es den deutschen Herstellern nun auch noch, ihre Kosten zu senken und das Tempo zu erhöhen, sieht der Branchenexperte langfristig sogar die Chance, die chinesischen Konkurrenten technisch wieder zu überholen.
