Fachkraftschmiede für Elektriker"Am Zählerschrank müssen Handwerker Künstler sein"
Interview: Christian Herrmann
Ein Fitnessstudio für Elektriker - so beschreibt Paul Hauer die Enpal-Akademie im brandenburgischen Dahlewitz. Hanteln und Laufbänder finden angehende Elektrikerinnen und Elektriker in zwei großen Trainingshallen allerdings nicht. Auf sie warten Zählerschränke, Wärmepumpen, Kabelschächte und sogar ein nachgebautes Dach. "Die Leute lernen jedes Gewerk der erneuerbaren Energien, zuerst aber die handwerklichen Grundlagen", sagt Akademie-Leiter Hauer im Podcast "Das Klima-Labor von ntv". Ihm zufolge wissen selbst ausgebildete Elektriker nicht immer, was "der richtige Dübel für den richtigen Untergrund" ist. Das Ziel ist offensichtlich: Enpal möchte möglichst schnell möglichst viele Solaranlagen und Batteriespeicher installieren können - nicht nur mit Nachwuchs und Quereinsteigern aus Deutschland. Das Unternehmen holt gezielt ausgebildete Elektrikerinnen und Elektriker aus Kolumbien ins Land. Durch einen historischen Zufall sind die dortigen Lehrpläne für deutsche Behörden und die IHK nachvollziehbar.
ntv.de: Sind Sie derzeit der begehrteste Ausbilder Deutschlands?
Paul Hauer: Puh. Gute Frage. Wir sind auf jeden Fall eines der größten Trainingszentren in Europa für erneuerbare Energien und dezentrale Energielösungen - das sage ich bewusst anstelle von "Schulungszentrum". Das Konzept sind praktische Übungen und Zirkeltraining.
Wie im Fitnessstudio?
So ungefähr. Ein Fitnessstudio für Elektrikerinnen, Elektriker und andere Gewerke. Wir bilden praktisch aus, gehen ans Material, machen Dinge im wahrsten Sinne des Wortes begreiflich, indem man sie anfasst und umsetzt.
Warum bindet sich Enpal diese Last ans Bein? Ein eigenes Trainingszentrum kostet Zeit und Geld und es hat nichts mit dem Kerngeschäft zu tun: Solaranlagen, Wärmepumpen und Batteriespeicher verkaufen.
Ja, Qualifizierung ist aufwendig, aber für uns Teil der Lösung. Allein heute betreuen die Ausbilder 124 Teilnehmende, nur hier in Dahlewitz. Im Unternehmen sind etwa 100 Leute mit diesen Themen beschäftigt. Das tun wir, weil der Markt die benötigen Lösungen bisher nicht in ausreichendem Maße bereitstellt - sowohl bei der Hardware als auch bei den Fachkräften.
Externe Handwerksbetriebe installieren die Geräte nicht so, wie sich Enpal das vorstellt, oder haben keine Kapazitäten dafür?
Wir haben anfangs mit Handwerkspartnern zusammengearbeitet, mussten aber feststellen, dass das nicht ausreicht, um den Anforderungen und der hohen Nachfrage gerecht zu werden. Deshalb haben wir begonnen, Installation und Qualifizierung neu zu denken. Wir haben eigene Hardware entwickelt, die man einfacher installieren kann. Daran angepasst haben wir neue Rollen definiert und dafür Ausbildungs- oder Trainingsgänge aufgebaut.
Das Kernproblem ist aber, dass es mehr Aufträge als Installateure gibt. Stichwort: Fachkräftemangel.
Das ist nach wie vor ein Thema, aber wir sind extrem gut darin geworden, diese Lücken zu schließen.
Tatsächlich?
Diese Akademie gibt es in rudimentärer Form seit 2021. Bereits in der ersten Niederlassung für die erste Baustellensteuerung stand ein nachgebauter Dachstuhl, um die Installation zu proben. Damals gab es für viele Anwendungen der Energiewende keine etablierten Standards. Viele Prozesse mussten wir selbst entwickeln. Wenig später ist die Akademie als Zwischenstufe in eine eigene Halle neben der Niederlassung gezogen. Dann wurde durch den Ukraine-Krieg die Energiekrise ausgelöst. Die Nachfrage nach Solaranlagen und Energieunabhängigkeit war extrem. Deshalb haben wir im November 2022 diese große Halle eröffnet und überwiegend Hilfskräfte für den PV-Bereich ausgebildet.
Was genau lernen die Leute hier?
Jedes Gewerk der erneuerbaren Energien: Wir vermitteln zunächst handwerkliche Grundlagen und trainieren anschließend reale Situationen der Installation. Unter anderem gibt es eine Dübelwand. Selbst Elektriker mit dreieinhalbjähriger Ausbildung wissen nicht immer, was der richtige Dübel für den richtigen Untergrund ist, weil sie das nicht oft gemacht haben. Aber die Kunden erwarten natürlich, dass alle Geräte sicher und auch ästhetisch ansprechend befestigt werden. Deswegen haben wir komplette Wände aufgebaut, an denen geübt wird, Kabelwege zu legen und zu verschachteln.
Die Installation einer Wallbox oder einer Wärmepumpe aber auch?
Ja. Es gibt auch einen großen Bereich für die Elektroinstallation. Dort können Elektriker und Elektrikerinnen üben, wie im Zählerschrank verdrahtet wird. Das mag für Außenstehende banal klingen, aber der Zählerschrank ist für Handwerker die Kreativarbeit. Da kommen die Künstlerinnen und Künstler zum Tragen.
Künstler?
In unseren Installations-Ecken für Speicher, Wechselrichter und Wallboxen merkt man schnell, dass die Technologie unglaublich weiterentwickelt wurde. Viele Arbeitsschritte der Installation sind inzwischen standardisiert. Das können qualifizierte Hilfskräfte. Das ist beim Zählerschrank anders. Den macht man das erste Mal auf und muss ihn verstehen. Das ist Arbeit für Fachkräfte. Dieses Verständnis schulen wir hier.
Man weiß nie, was einen vor Ort beim Kunden erwartet?
Die deutsche Bausubstanz ist überall anders. In Brandenburg haben sich in den Häusern der Gründerzeit Generationen von Handwerken verewigt. Jedes steckt voller Überraschungen. Das macht auch Arbeitssicherheit zu einer großen Herausforderung. Wir haben unter anderem eine Wendeltreppe gebaut. Dort lernen unsere Teilnehmenden, wie man mit einer elektrischen Sackkarre umgeht. Batteriespeicher und Wärmepumpe sind schwere Geräte. Und uns liegt sehr am Herzen, dass die Installateurinnen und Installateure lernen, wie man sich auf der Baustelle richtig und sicher bewegt.
Es dauert nicht lange, bis man im Internet auf Berichte oder auch Fotos von Enpal-Monteuren stößt, die auf den Dächern ohne Sicherungsseil Solaranlagen installieren.
Wir sind wegen unserer Größe auf vielen Baustellen vertreten und werden dort regelmäßig von der Berufsgenossenschaft besucht. Zusätzlichen kontrollieren wir unsere Baustellen selbst. Unser Netzwerk von mobilen Ausbildern hat allein im letzten Jahr 1000 Baustellen überprüft. Wir pfeifen unsere Teams auch zurück, wenn sie sich nicht an unsere Vorschriften für Arbeitssicherheit halten - sei es beim Arbeiten mit Strom oder auf dem Dach. Dort können verschiedenartige Gefahrensituationen auftreten, auch wetterbedingt. Im Sommer kann es zu heiß sein, im Herbst zu nass. Im Winter kann es schneien, dann müssen wir Baustellen gelegentlich abbrechen oder umgestalten. Dächer sind schwierig. Deswegen haben wir in der Academy ein Außendach nachgebaut, auf dem unsere Leute trainieren können. Gemeinsam mit Würth und der Berufsgenossenschaft haben wir kürzlich außerdem ein eigenes Arbeitssicherheitssystem entwickelt: Rast.
Nutzen das die Installateure auch?
Ja. Zusätzlich zu unseren Kontrollen müssen sie bei jeder Baustelle per App nachweisen, dass Arbeitssicherheit hergestellt wurde, sprich: Sie müssen Bilder des abgesicherten Dachs hochladen und eine Art Selfie von sich selbst, auf dem sie gesichert sind.
Und nach dem Foto wird die Leine wieder entfernt, um bei der Arbeit Zeit zu sparen …
Es gibt keine totale Überwachung. Es wäre auch merkwürdig, wenn ununterbrochen eine Überwachungsdrohne über dem Dach kreisen würde. Letztlich müssen die Monteure vor Ort selbst entscheiden, ob sie die Sicherheitsvorschriften befolgen.
Im Trainingszentrum gibt es viele Hinweisschilder. Die erklären zum Beispiel, wie man sich bei Kunden verhält oder einfach, dass man am Ende des Arbeitstages seinen Müll wegräumen soll. Erstaunlich viele sind auf Spanisch.
In der Akademie sind heute 124 Menschen anwesend. Davon stammen 99 aus Kolumbien. Sie haben dort eine Ausbildung als Elektriker oder Elektrikerin absolviert und möchten in Deutschland Fuß fassen. Wir helfen ihnen bei der kontrollierten Migration und Integration in den Arbeitsmarkt und bilden gleichzeitig Fachkräfte aus.
Warum Kolumbien und nicht Argentinien oder Mexiko?
Das hat zwei Gründe: Erstens haben die kolumbianische und die deutsche Regierung ein beschleunigtes Fachkräfteabkommen geschlossen. Das erleichtert die Einreise. Der zweite Grund ist ein glücklicher Zufall der Geschichte: In Kolumbien gab es in den 1950er-Jahren ebenfalls einen Fachkräftemangel. Ein gewisser Rodolfo Martínez Tono ist damals nach Europa gereist und hat in Deutschland das duale Ausbildungssystem kennengelernt. Zurück in seiner Heimat hat er eine Akademie wie diese hier gegründet, das Sena-Institut. Das hat die gesamte kolumbianische Berufsausbildung standardisiert. Für die Ausbildung zum Elektriker gibt es einen festen Lehrplan. Diesen Lehrplan können unsere Behörden und die IHK verstehen und nachvollziehen.
Ohne Lehrplan wird eine ausländische Berufsausbildung nicht anerkannt?
Ohne Zertifikat und ohne nachvollziehbaren Lehrplan mit Stempel wird das leider nichts. Ohne Sprachkurs auch nicht. Jeder, der hier ist, hat bereits in Kolumbien einen absolviert. Das ist Voraussetzung, um herkommen zu dürfen. Wir arbeiten mit dem Goethe-Institut zusammen. Es gibt auch eine Art Casting, um zu prüfen, ob die Leute tatsächlich geeignet sind. Insgesamt haben wir inzwischen mehr als 600 Leute nach Deutschland geholt. 250 davon befinden sich in Ausbildung. Die anderen sind bereits in unterschiedlichen Stufen in den Arbeitsmarkt integriert - nicht nur bei Enpal. Die können auch in einen anderen Betrieb gehen. Wir sind stolz darauf, dem deutschen Arbeitsmarkt so viele Kräfte zur Verfügung gestellt zu haben.
Wie lange dauert das Training?
Wenn ein kolumbianischer Elektriker nach Deutschland kommt, erhält er von der IHK einen Defizitbescheid. Dort steht drin, was fehlt, um hier anerkannt zu werden. Das Training kann drei Monate, sechs Monate oder auch ein Jahr dauern. Wenn die Leute in unserer Akademie fertig sind, begleiten wir sie auf Baustellen. Danach absolvieren sie ein Praktikum in einem Betrieb und sammeln so lange Erfahrung, wie es die IHK vorgibt. Am Ende reichen sie alles bei der IHK ein und erhalten den Gesellenbrief oder eine Gleichwertigkeitsbescheinigung. Dann ist ihr Abschluss kombiniert mit unserer Weiterbildung gleichwertig zum Gesellenbrief der Elektroniker für Betriebstechnik.
In der Akademie wird aber keine klassische Ausbildung absolviert.
Nein. Das sind einzelne Säulen, die man sich selbst für die Zukunft zusammenstellen kann. Zu uns kommen Elektriker und Elektrikerinnen, die im Bereich der erneuerbaren Energien trainiert werden wollen. Andere kommen von externen Handwerksbetrieben und absolvieren bei uns einen Kurs für den Kälteschein. Wenn sie den bestehen, dürfen sie mit den Chemikalien von Kühl- und Klimaanlagen arbeiten.
Das bieten die externen Betriebe ihren Mitarbeitern als Fort- und Weiterbildung an?
Genau. Das ist eine Kooperation mit der Innung für Kälte- und Klimatechnik Berlin-Brandenburg. In anderen Kursen bilden wir unter anderem Menschen aus, die von der Bundesagentur für Arbeit für eine Umschulung zu uns kommen.
Sind das nur Männer oder auch Frauen?
Der Handwerksberuf ist nach wie vor eine Männerdomäne. Das muss man leider so sagen. Wir konnten aus Kolumbien bisher zwei Elektrikerinnen bei uns begrüßen. Aber: Eine arbeitet mittlerweile als Projektleiterin bei uns, die andere als mobile Ausbilderin. Beide haben also Karriere gemacht. Wir freuen uns, wenn es mehr Frauen werden.
Mit Paul Hauer sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.

