Rheinland-Pfalz & SaarlandAnonym und sicher – Schutz für Mädchen vor Gewalt und Zwang

Das neue Schutzhaus im Raum Koblenz bietet Platz für acht gefährdete Mädchen. Sie müssen dafür ihr vertrautes Umfeld weitgehend zurücklassen – denn jeder Fall ist ein Notfall.
Koblenz (dpa/lrs) - An jeder weißen Zimmertür hängt das Bild einer Pflanze. Die Birke etwa steht für Leichtigkeit und Neubeginn, heißt es auf dem Schild. Dahinter liegen helle, schlicht eingerichtete Zimmer mit Bett, Schreibtisch, Sessel und Kleiderschrank. Auf den Schreibtischen der noch freien Zimmer stehen kleine Tüten mit Shampoo, Zahnbürste und Creme – kleine Notwendigkeiten für Mädchen, die ansonsten so gut wie alles hinter sich gelassen haben.
Es ist das neue Schutzhaus des Vereins Solwodi im Großraum Koblenz. Solwodi steht für "Solidarity with Women in Distress" (Solidarität mit Frauen in Not). Am 1. September hat es eröffnet, drei der acht Plätze sind inzwischen belegt.
"Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist kein Randphänomen", sagt die Gesamtleiterin des Solwodi-Standorts in Koblenz. Sie und ihre Kolleginnen sollen aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. "Der anonyme Schutzort ist entscheidend, weil die Bekanntgabe des Aufenthaltsorts meist zu einer erneuten Gefährdung führt."
Ehezwang, Gewalt, Menschenhandel
Das Haus richtet sich an Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren, die besonderen Schutz brauchen. Ein Schwerpunkt liegt auf Mädchen mit Migrationshintergrund. Sie kommen unter anderem aus Situationen, in denen sie von Menschenhandel, sexueller Ausbeutung, Gewalt im Namen der Ehre oder drohender Zwangsverheiratung betroffen sind. Dahinter steckt teilweise ein ganzer Täterkreis, wie die Gesamtleiterin erklärt.
Der Weg ins Schutzhaus führt über das Jugendamt, das auch die Plätze finanziert. Manche Mädchen wenden sich selbst an Polizei oder Jugendamt, andere werden beispielsweise bei einem Polizeieinsatz aus Menschenhandelsnetzwerken herausgeholt.
Abstand und Anonymität
"Wir nehmen bewusst keine Mädchen aus der Region über das Jugendamt Koblenz auf", erklärt die 55 Jahre alte Hausleiterin. "Es geht auch darum, Anonymität und möglichst viele Kilometer Abstand zu schaffen, damit die Mädchen nicht gefunden werden." Vor der Aufnahme wird auch geprüft, ob ein Mädchen möglicherweise über ihr Handy oder soziale Netzwerke überwacht oder geortet werden kann.
Die Mädchen dürfen ihre Handys behalten. Sie gehen zur Schule und können ihre Freizeit gestalten. Gleichzeitig gibt es Regeln, die den Schutz des Hauses sichern sollen: Auf Fotos in sozialen Medien darf beispielsweise nicht erkennbar sein, wo sie sich aufhalten. Besuch darf nicht mit nach Hause gebracht werden. Auch in der Schule dürfen die Mädchen nicht fotografiert werden. Die Nachbarn sind informiert.
Die Sicherheitsvorkehrungen sind für die Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen enorm wichtig – und das nicht erst nach den tödlichen Schüssen auf sechs Menschen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade in Niedersachsen vor knapp einem Monat. Auch die Mitarbeiterinnen von Solwodi berichten immer wieder von ernsthaften Bedrohungen.
"Ruhe und Frieden finden"
Nach der Ankunft eines Mädchens geht es zunächst um Stabilisierung, wie die Hausleiterin berichtet. Die Mitarbeiterinnen – nur Frauen – klären, ob eine ärztliche oder therapeutische Versorgung notwendig ist. "Die Mädchen dürfen bei uns erst einmal ankommen. Sie haben alle ihre eigene, oft traumatische Geschichte. In den ersten Wochen geht es deshalb vor allem darum, dass sie Ruhe und Frieden finden und sich erholen können", sagt die Hausleitung.
Die Birke steht für Leichtigkeit und Neubeginn. Doch leicht ist dieser Schritt für die Mädchen nicht. "Was mich am meisten fasziniert, ist der Mut der Mädchen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen", sagt die Hausleiterin.
"Mit 15, 16 oder 17 Jahren lassen sie das Vertraute und Familiäre hinter sich und begeben sich eigenständig in ein neues Leben, ohne zu wissen, was kommt", sagt die 55-Jährige. "Wenn dann noch körperliche Gewalt oder Prostitution hinzukommen, sind das sehr viele Belastungen, die eine 16-jährige Seele vielleicht gar nicht richtig verarbeiten kann."
Selbstständig leben lernen
Das Haus ist zugleich darauf ausgelegt, dass die Jugendlichen zunehmend selbstständig werden. Sie erhalten vom Jugendamt Taschengeld sowie Wirtschafts- und Bekleidungsgeld. Eine Hauswirtschafterin unterstützt sie dabei, den Umgang mit Geld, aber auch das Einkaufen, Kochen und Putzen zu lernen. Jede Bewohnerin hat im Keller einen eigenen Kühlschrank und kann ihr Essen selbst zubereiten.
Der Aufenthalt soll nicht nur eine kurzfristige Unterbringung sein. "Die Mädchen bleiben", sagt die Hausleiterin. "Wir verfolgen keine Drehtürpolitik, bei der wir ständig neue Mädchen aufnehmen und sie wieder weitervermitteln."
Anfragen nach Schutzplätzen
Es gehen viele Anfragen ein, berichten die Frauen. In den kommenden Wochen sollen zwei bis drei weitere Mädchen einziehen. Bis Januar 2027 soll das Haus voll belegt sein. "Wir können keine Warteliste erstellen, weil es immer um Notfälle geht", sagt die Gesamtleiterin. "Man kann einem akut mit dem Tod bedrohten Mädchen nicht sagen: Bleib noch ein halbes Jahr, bis ein Platz frei wird."
Das Angebot an Schutzplätzen in Rheinland-Pfalz soll in den kommenden Jahren ausgebaut werden. Nach Angaben des Frauenministeriums gibt es in Rheinland-Pfalz derzeit 19 Frauenhäuser mit 142 Familienplätzen für von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder. Ein weiteres Frauenhaus mit mindestens zehn Familienplätzen entsteht in Neuwied. Bis 2032 sind zwei weitere neue Frauenhäuser geplant.
2025 fanden 505 Frauen und 509 Kinder Zuflucht in rheinland-pfälzischen Frauenhäusern. Das Land sieht weiterhin Bedarf, unter anderem bei der regionalen Abdeckung und beim Übergang in sicheren und bezahlbaren Wohnraum.