BayernSöders Sorge um die Gipfel - Bayerns Plan B für die Alpen

In den Alpen ist der Klimawandel extrem spürbar: Auf der Zugspitze taut der Permafrost, der Fels verliert Stabilität. Ein Frühwarnsystem soll helfen und führt auch den Regierungschef in höchste Höhen.
Grainau (dpa/lby) - Als Markus Söder (CSU) auf Deutschlands höchstem Berg aus der Panorama-Seilbahn steigt, ist es nass, kalt, windig und nebelig. Hier oben auf 2.962 Metern präsentiert sich der Herbst nach einem Rekord-Sommer mit Hitze und Dürre von seiner ungemütlichsten Seite. Doch im Fels unter Söders Füßen sind die Folgen der Klimaveränderungen weder vergessen, geschweige denn absehbar. Hier ist eine Veränderung im Gange, die nicht nur die Wissenschaft besorgt: Die Alpen drohen auseinanderzubrechen.
"Der Klimawandel ist spürbar. Der Permafrost geht weg, das Eis im Berg schmilzt und der Fels bröckelt. Genau das ist die Herausforderung, vor der wir stehen", fasst der bayerische Ministerpräsident die Situation zusammen. An seiner Seite stehen Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) und der Geowissenschaftler Michael Krautblatter von der Technischen Universität München.
Alpen besonders stark vom Klimawandel betroffen
Wer Söder genau zuhört, kann einen Unterschied zu früheren Besuchen auf der Zugspitze vernehmen: Früher sprach er dann über die Notwendigkeit, den Klimaschutz zu verbessern, betonte, wie viel Bayern bereits leiste, um die Schöpfung zu bewahren und warnte davor, die Gefahren des Klimawandels zu unterschätzen. Heute ist mit dem Wort "Klimaanpassung" ein weiterer Begriff in Söders Reden zu finden. Er meint damit die Notwendigkeit, mittels Technik, die Folgen des Klimawandels genauer zu überwachen, damit gefährliche Felsabbrüche besser vorhergesagt werden können.
"Wir sehen in den Alpen einen der schnellsten Klimawandelveränderungen. Nirgendwo auf der Welt schmelzen Gletscher so schnell wie in den Alpen", sagt Krautblatter. Seit 1820 hätten die Gletscher auf der Zugspitze 200 bis 300 Meter Mächtigkeit verloren. Der Permafrost in einer Höhe von 2.800 Metern werde in den kommenden zehn Jahren verschwinden, "auf dem Gipfel wird er noch 20, 30 Jahre sein". Daher sei es jetzt das Wichtige diesen gefährlichen Übergangsbereich genau zu überwachen.
Bayern Regierung will Klimagesetz abschwächen
Während die Wissenschaft auf dem Berg also versucht, die Folgen des Klimawandels in den Griff zu bekommen, ist Söders Regierung im fernen München eifrig damit beschäftigt, Bayerns Klimagesetz abzuschwächen. Der Gesetzentwurf sieht vor, die bisher bis 2040 angestrebte Klimaneutralität auf 2045 zu verschieben. Für Söder ist das aber kein Widerspruch - immerhin investiere Bayern hier mehr Geld als jedes andere Bundesland.
Der Hitzesommer 2026 hat seine Spuren auf der Zugspitze wie in den übrigen Alpen hinterlassen, so Krautblatter. Normalerweise taue der Permafrost an der Nordwand der Zugspitze im Sommer fünf bis sieben Meter rein, im Oktober komme die Wärme dann erst an der tiefsten Stelle an. Derzeit sei man bei 13 Metern - "wahrscheinlich eine Auftautiefe, die es über die letzten Hunderte, vielleicht auch über die letzten 5000 Jahre nicht gegeben hat", erklärt er.
Das Gestein auf Deutschlands höchstem Berg wird vom Permafrost wie ein Kleber zusammengehalten. Taut dieser auf, fehlt dieser Kleber und Schutt und Felsen beginnen zu bröseln. Ein neues Frühwarnsystem an der Zugspitze soll nun die Gefahr von Felsstürzen vorhersagen. Mittels eines Laserscanners wird dafür die Nordwand gemessen überwacht.
Erst jüngst sorgte ein Felssturz an der Zugspitze für Aufsehen
Durch das Auftauen des Permafrosts verlieren die Berge zunehmend ihre Stabilität. Vor gut drei Wochen hatte sich an der Tiroler Seite der 2.962 Meter hohen Zugspitze in unzugänglichem Gelände ein Felssturz ereignet. Dieser hatte ein Gesamtvolumen von rund 13.800 Kubikmetern und wirbelte eine markante Staubwolke auf. Die Abbruchstelle lag in einer Höhe von rund 2.800 Metern, wo die Böden eigentlich meist dauerhaft gefroren sind. Dabei handelt es sich um sogenannten Permafrost, der das Gestein wie Kleber zusammenhält.
Am Hochvogel droht ein riesiger Felssturz
Auch anderorts in den Alpen machen Felsstürze Probleme. Im Mai 2025 kam es in der Schweiz zum Bergsturz von Blatten. Dabei wurde das gesamte Dorf im Lötschental im Kanton Wallis durch eine Schutt- und Eislawine weitgehend zerstört. Das Dorf war nur wenige Tage zuvor evakuiert worden.
Unter besonderer Beobachtung in Bayern steht auch der Hochvogel, einer der bekanntesten Gipfel der Allgäuer Alpen. Dort könnte schon bald riesiger Felssturz drohen. Seit zwölf Jahren dokumentieren und kontrollieren Wissenschaftler mit Sensoren und modernster Messtechnik.
Im Bereich des 2592 Meter hohen Gipfels klafft schon seit vielen Jahren eine gewaltige Felsspalte, die immer größer wird. Der Riss am Gipfel ist gut 60 bis 70 Meter tief und 3 bis 4 Meter geöffnet, erklärte Krautblatter. Aufgrund gemessener Bewegungen gehe man davon aus, dass die Aktivität bereits begonnen habe, die dann final zum Felssturz führe. Eine Felssturzmasse von rund 400.000 Kubikmeter sei derzeit in Bewegung.
DAV für mehr Klimaschutz - Wissenschaftler kritisieren Bayerns Plan
Aus Sicht des Deutschen Alpenvereins (DAV) zeigen tauender Permafrost, schmelzende Gletscher, häufigere Starkregenereignisse und Wassermangel auf Alpenvereinshütten die Veränderungen durch den Klimawandel im Gebirge überdeutlich. Der DAV fordert daher, Klimaschutz, Klimaanpassung und Naturschutz konsequent zusammenzudenken.
Doch aus der Sicht von Wissenschaftlern erfüllt Bayerns neues Klimaschutzgesetz genau diesen Zweck nicht mehr, wie der bekannte Physiker Harald Lesch erst jüngst in einer Anhörung im Landtag erklärte: "Es ist tatsächlich so, dass wir mit dem Klimaschutzgesetz weder das Klima schützen noch die Menschen." Darauf angesprochen reagiert Söder - der in der Vergangenheit immer wieder auf die große Bedeutung der Wissenschaft verwiesen hat - maximal abweisend: "Das sehen wir anders."