Skandal um einen StrandkorbNicht Amthor ist das Problem, sondern das Einknicken vor dem Mob
Ein Kommentar von Hubertus Volmer
Aus der Aufregung um den Strandkorb von Philipp Amthor gibt es nur eine Lehre: Wenn ein Strandkorb im Kanzleramt das Volksempfinden überfordert, ist nicht die CDU am Ende, sondern das ganze Land.
Philipp Amthor lässt sich einen Strandkorb ins Bundeskanzleramt liefern und der Shitstorm läuft Amok. "Der Strandkorb ist die soziale Hängematte der Arrivierten", urteilt eine Nutzerin auf X. Die Piratenpartei des Saarlands diagnostiziert "spätrömische Dekadenz". Im Bundestag schwadroniert ein AfD-Politiker über den Strandkorb und verbreitet den Redeausschnitt dann als Ausdruck seiner Volksnähe; der Strandkorb stehe sinnbildlich dafür, "wie weit sich Teile der politischen Elite inzwischen von der Lebensrealität vieler Bürger entfernt haben". Und der Linken-Fraktionschef postet ein Bild, auf dem er fordert, Amthor solle zusammen mit seinem Strandkorb zurück nach Mecklenburg-Vorpommern gehen: "Raus aus Berlin!"
Fehlt nur noch, dass jemand zum Sturm mit Fackeln und Mistgabeln auf das Kanzleramt aufruft, um das gesunde Volksempfinden zu befriedigen.
Worum geht es hier überhaupt? Im vierten Teil der aktuellen ZDF-Dokumentation "Inside CDU" sieht man, wie dem CDU-Politiker Philipp Amthor ein Strandkorb ins Bundeskanzleramt geliefert wird. Amthor ist seit Kurzem Staatsminister für die Zusammenarbeit von Bund und Ländern und sitzt als solcher neuerdings im Kanzleramt.
Wo genau liegt der Skandal?
Was in der Doku nicht erwähnt wird: Amthor hat den Strandkorb und dessen Lieferung ins neue Büro selbst bezahlt. Es ist sein Strandkorb. Dem Shitstorm-Pöbel war das egal. Aus dem Ledersessel seines eigenen Büros kommentierte ein Schweizer Journalist in einem Filmchen auf X, dass Amthor "schnöselhaft in diesem Polittempel herumgondelt" und darüber diskutiere, "wo er einen Strandkorb - jetzt müssen Sie sich das mal vorstellen -, einen Strandkorb" aufstellen könne. Ja, das muss man sich mal vorstellen. Wo genau liegt der Skandal?
Er liegt hier: Noch bevor die Nachricht von seinem Strandkorb die meisten Deutschen überhaupt erreicht hat, ist Amthor eingeknickt vor einem Sturm aus Unrat, der um Längen weltfremder ist als ein Politiker es je sein könnte. Am Ende hat er den Strandkorb, der ein Symbol seines Wahlkreises und seiner Heimat in der Hauptstadt sein sollte, zurückgeschickt. Ein Regierungssprecher sah sich allen Ernstes veranlasst, mitzuteilen, der Staatsminister nehme "die an ihn gerichtete Kritik (…) sehr ernst" und habe daher entschieden, dass der Strandkorb "zurück nach Mecklenburg-Vorpommern gebracht" wird.
Das ist schade, denn so ein Strandkorb ist keineswegs "die soziale Hängematte der Arrivierten", sondern ganz im Gegenteil: Er ist ein Symbol für den Urlaub der normalen Leute an der Ostsee (in etwas anderem Design auch für die Nordsee). Es ist eine typisch deutsche Erfindung, ein Klassiker, der vom Strand bis zur Büroterrasse in Berlin jede Umgebung verschönert.
Amthor hatte offenbar das Gefühl, der Strandkorb schade seiner Glaubwürdigkeit als Politiker. In der Doku sagt er, es gebe dieses "Sprachbild, dass Glaubwürdigkeit zu Fuß kommt, aber mit dem Pferde davonreitet". Das Bild sei treffend, weil "einmal verlorene Glaubwürdigkeit sich besonders schwer wieder erarbeiten lässt".
Das stimmt wohl. Aber glaubwürdig wird nicht, wer sich dem Shitstorm beugt. Wenn nicht einmal Philipp Amthor das politische Stehvermögen hat, an einem Strandkorb festzuhalten, dann ist nicht nur die CDU am Ende, sondern mit ihr das ganze Land. Dann kann die Bundesregierung die Macht auch gleich an den Mob übergeben.