Politik

"Blue Wave" oder "Blue Mirage"?Neue Wahlprognosen: So stehen die Chancen für die Demokraten bei den Midterms

03.11.2026, 08:16 Uhr imageVon Laura Stresing
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Es geht bei den Midterms um die Mehrheitsverhältnisse im Kongress. (Foto: dpa/J. Scott Applewhite)

Der Wahlkampf in den USA biegt auf die Zielgerade ein. Aktuelle Wahlprognosen sehen die Demokraten weiter im Aufwind. Wo Trumps Mehrheit im Kongress kippen könnte, welche Rennen besonders spannend werden – und wann mit Ergebnissen zu rechnen ist.

Fragt man die US-Amerikanerinnen und -Amerikaner derzeit nach ihrer Wahlabsicht bei der Kongresswahl, fällt das Ergebnis ziemlich deutlich aus: Im landesweiten Durchschnitt würden rund 52 Prozent demokratisch wählen, nur 43 Prozent republikanisch.

Das sieht nach einem bequemen Vorsprung für die Demokraten aus. Doch ob sich die Durchschnittswerte aus den Umfragen auch in der Sitzverteilung im künftigen US-Kongress niederschlagen, bleibt abzuwarten. Schließlich werden die Kongressmandate in einzelnen Wahlkreis- und Bundesstaatsrennen vergeben, nicht proportional nach dem landesweiten Stimmenanteil.

Trump als Triebfeder und Belastungsfaktor

Die Zwischenwahlen gelten als wichtiger Stimmungstest für die amtierende Regierung. Die Geschichte zeigt, dass es der Partei des Präsidenten in den vergangenen Jahrzehnten fast nie gelungen ist, gestärkt aus den Midterms hervorzugehen. Eine seltene Ausnahme bildete George W. Bush im Jahr 2002 nach den Anschlägen vom 11. September. Bei den Midterms 2018 unter Donald Trump verloren die Republikaner hingegen 41 Sitze im Repräsentantenhaus. Im Senat gewannen sie dafür zwei Sitze dazu.

Auch diesmal hat Trump seine Anhänger aufgerufen, die Wahl wie eine Abstimmung über seine eigene Person zu behandeln. Für die Republikaner birgt diese Strategie ein hohes Risiko: Trumps Zustimmungswerte liegen seit Monaten im Keller.

Laut den von "RealClearPolling" (RCP) ermittelten Durchschnittswerten sind weniger als 40 Prozent der Bevölkerung mit Trumps Politik zufrieden. Die sogenannte Netto-Zustimmung, also die Differenz zwischen Zufriedenheit und Ablehnung, liegt vor allem bei Wirtschaftsthemen tief im negativen Bereich. Die Unzufriedenheit über steigende Lebenshaltungskosten, Trumps Zollpolitik sowie anhaltende Korruptionsvorwürfe spielen den Demokraten in die Hände.

"Cook Political Report" sieht Demokraten im Aufwind

Die Hinweise auf allmähliche Machtverschiebungen verdichten sich in den letzten Tagen vor dem Wahltag. Der neueste "Cook Political Report" (CPR) vom Tag vor der Wahl sieht eine spürbare Dynamik zugunsten der Demokraten. Vor allem in den 435 Wahlkreisen, aus denen das Repräsentantenhaus besetzt wird, zeichnet sich die von den Demokraten erhoffte "blaue Welle" ab. Bisher stehen sich in der unteren Kongresskammer 218 Republikaner und 214 Demokraten gegenüber. Zwei Sitze sind vakant, ein weiterer ist von einem parteilosen Abgeordneten besetzt.

Nach der Wahl dürfte die knappe Mehrheit der Republikaner Geschichte sein. Insgesamt prognostiziert der CPR mittlerweile einen Nettogewinn von 12 bis 25 Sitzen. Damit könnten die Demokraten auf bis zu 240 Mandate kommen und eine größere Mehrheit erreichen als nach den "Blue-Wave"-Wahlen 2006 und 2018. Dazu müssten sie aber nicht nur alle "wahrscheinlichen" Wahlsiege davontragen, sondern auch alle 18 bislang als "offen" eingestuften Rennen für sich entscheiden. Wahrscheinlicher ist, dass zumindest ein Teil dieser offenen Rennen an die Republikaner geht.

Da aber auch andere Umfrage-Aggregatoren wie "270toWin" (der Name steht für die 270 Wahlleute, die den Präsidenten wählen) und "RealClearPolling" von einer mehr oder weniger klaren Mehrheit für die Demokraten ausgehen, scheint den Demokraten zumindest das Unterhaus schon sicher.

In sechs Senats-Rennen ist der Ausgang offen

Spannend bleibt es im Senat. Dort halten die Republikaner derzeit 53 der 100 Sitze, die Demokraten stellen mit ihren Verbündeten 47 Stimmen. Um die Kontrolle zu übernehmen, benötigen die Demokraten netto vier zusätzliche Sitze.

Laut CPR gelten sechs Senatsrennen als völlig offen ("Toss-Up") – alle werden derzeit von Republikanern gehalten. Das unterstreicht, wie sehr die Partei des Präsidenten bei dieser Wahl in der Defensive steht. Ebenfalls bemerkenswert: Fünf dieser entscheidenden Rennen spielen sich in Bundesstaaten ab, die 2024 noch mehrheitlich für Trump gestimmt haben, nämlich Alaska, Texas, Iowa, Kansas und Ohio. In Maine droht Susan Collins, die seit 1997 für die Republikaner im Senat sitzt, der Verlust ihres Mandats.

Das einzige knappe Rennen, in dem ein demokratischer Senatssitz auf dem Spiel steht, findet in Michigan statt. Dort bewirbt sich der links-progessive Abdul El-Sayed um die Nachfolge von Gary Peters. Das Rennen gilt als Schicksalsfrage für die Demokraten: Kann ein klar linkes Profil in einem Swing State Wechselwähler überzeugen? Laut dem neuesten "Cook Political Report" lautet die Antwort: womöglich Ja. Die Prognose hat sich von "unentschieden" zu "eher demokratisch" verändert.

Warum die Entscheidung Tage dauern könnte

Wer am Wahlabend auf schnelle Klarheit hofft, könnte enttäuscht werden. Wie schnell ein Rennen entschieden wird, hängt von der Auszählungsgeschwindigkeit der Bundesstaaten und der Knappheit des Ergebnisses ab.

Eine Analyse der "New York Times" anhand der Wahldaten von 2024 zeigt große Unterschiede: In South Carolina und Ohio waren bis Mitternacht US-Ostküstenzeit bereits mindestens 95 Prozent der Stimmen gemeldet. In Michigan war es zu diesem Zeitpunkt weniger als die Hälfte. Aus Alaska lagen noch keine Ergebnisse vor – allerdings schließen die Wahllokale dort wegen der Zeitverschiebung deutlich später.

Zum Teil lassen sich Verzögerungen aber auch durch unterschiedliche Auszählungsmethoden erklären. In Maine und Alaska etwa kommt ein Präferenzwahlsystem (Ranked-Choice Voting) zum Einsatz. Dabei können die Wählerinnen und Wähler die Kandidierenden auf dem Stimmzettel in eine Rangfolge bringen. Erreicht niemand auf Anhieb mehr als 50 Prozent der Stimmen, scheidet die letztplatzierte Person aus. Ihre Stimmen gehen jeweils an die nächste noch im Rennen befindliche Person auf dem Stimmzettel. Das Verfahren wird nötigenfalls über mehrere Runden wiederholt, bis ein Sieger feststeht. In Alaska ist diese zusätzliche Auszählung erst für den 18. November vorgesehen. Sollte die Mehrheit im Senat ausgerechnet von diesem Rennen abhängen, wird also Geduld gefragt sein.

"Blue Mirage": Vorsicht vor diesem Trugschluss

Die "New York Times" warnt zudem vor einem datentechnischen Trugbild, das "Blue Mirage" genannt wird: Frühwahldaten zeigen nämlich, dass in mehreren wichtigen Bundesstaaten registrierte Demokraten überproportional häufig vorab gewählt haben (early voting). Da diese frühzeitig abgegebenen Stimmen in etlichen Staaten als Erste erfasst und gemeldet werden, kann zu Beginn der Auszählung ein optischer Vorsprung der Demokraten entstehen, der im Laufe der Wahlnacht schrumpft, wenn die am Wahltag selbst abgegebenen Stimmen nach und nach einfließen.

Also: Geduld bewahren und abwarten. Es wäre nicht die erste Kongresswahl, bei der die Mehrheitsverhältnisse erst nach mehreren Tagen feststehen. In den Jahren 2022 und 2024 dauerte es jeweils acht Tage, bis feststand, welche Partei das Repräsentantenhaus kontrolliert.

Quelle: ntv.de

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