US-Midterms im NovemberVerliert Trump seine Mehrheit im Kongress? - Das sagen die Prognosen
Von Laura Stresing
Die Zwischenwahlen in den USA bringen Trumps republikanische Mehrheit im Kongress ins Wanken. ntv.de zeigt in Karten und Grafiken, wie die Chancen auf einen Machtwechsel in beiden Kammern stehen - und auf welche Rennen es nun besonders ankommt.
Seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus kann sich US-Präsident Donald Trump auf die republikanische Mehrheit im US-Kongress stützen. Die meisten Wahlprognosen gehen davon aus, dass sich das nach den Midterms am 3. November ändern wird. Vor allem im Repräsentantenhaus stehen die Chancen der Demokraten gut, die Mehrheit zurückzuerobern. Auch im Senat geraten die Republikaner unter Druck.
Die Zwischenwahlen finden alle vier Jahre statt, zur Halbzeit der Legislaturperiode des amtierenden US-Präsidenten. Sie sind ein wichtiger Stimmungstest für die Regierung in Washington. Für Trumps Partei ist die Ausgangslage ziemlich ungünstig: Die Unzufriedenheit mit dem Präsidenten ist groß, seine Gegner gehen mit einem deutlichen Vorsprung in den landesweiten Umfragen in die Schlussphase des Wahlkampfs.
Demokraten hoffen auf die "blaue Welle"
Im Repräsentantenhaus mit insgesamt 435 Sitzen zeichnet sich ein Mehrheitswechsel ab. Viele Wahlanalysten erwarten Zugewinne für die Demokraten, manche sprechen bereits von einer "blauen Welle". Wie deutlich diese ausfallen könnte, ist allerdings noch offen. Die von ntv.de ausgewerteten Prognosen rechnen mit fünf bis zwölf mehr Sitzen als bei der letzten Wahl im Jahr 2024. Damals hatten die Republikaner mit 220 zu 215 Sitzen eine knappe Mehrheit errungen. Die Demokraten benötigen nur wenige zusätzliche Mandate, um die Kontrolle über die Kammer zurückzugewinnen.
Deutlich ungewisser ist der Ausgang der Senatswahl. Die zweite Kammer des Kongresses hat nur 100 Sitze - aus 50 Bundesstaaten kommen jeweils zwei Senatoren. 65 Sitze stehen nicht nur Wahl, davon entfallen 34 auf die Demokraten oder ihnen nahestehende parteilose Politiker. Die Republikaner halten 31 Sitze. Die übrigen 35 Sitze werden bei der Wahl im November neu vergeben.
Im Senat ist der Weg zur Mehrheit schwieriger
Für einen Machtwechsel müssen die Demokraten unter dem Strich vier Mandate hinzugewinnen. Erst mit 51 Sitzen hätten sie die Mehrheit sicher: Bei einem Patt könnte der republikanische Vizepräsident JD Vance mit seiner Stimme den Ausschlag geben. Bisher geben hier die Republikaner mit 53 zu 47 Stimmen den Ton an.
Die Prognosen lassen bislang keine klare Mehrheit erkennen. Der Cook Political Report etwa stuft sieben Rennen als "Toss-up" ein - also so knapp, dass beide Parteien realistische Siegeschancen haben. Dazu zählen neben Maine und Michigan auch Texas, Iowa, Ohio, Kansas und Alaska. Damit stehen selbst Staaten im Fokus, in denen traditionell die Republikaner dominieren.
Demnach muss sogar die am längsten amtierende republikanische Senatorin der US-Geschichte, Susan Collins, um ihren Sitz fürchten. Collins vertritt den Staat Maine seit mittlerweile fast 30 Jahren, liefert sich in den Umfragen nun aber ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem demokratischen Gegenkandidat Troy Jackson.
Demokraten zweifeln: War dieser Kandidat ein Fehler?
Mit großer Spannung wird außerdem das Rennen um den Senatssitz in Michigan verfolgt. Dort bewirbt sich Abdul El-Sayed um die Nachfolge des ausscheidenden demokratischen Amtsinhabers Gary Peters. El-Sayed gehört zum progressiven Flügel der Demokraten. Seine Kandidatur steht damit auch für eine strategische Frage: Kann die Partei mit einem deutlich linken Profil zusätzliche Wähler mobilisieren - oder schreckt sie damit Menschen in der politischen Mitte ab? Innerhalb der Partei gibt es Zweifel, ob sein Kurs in dem umkämpften Bundesstaat mehrheitsfähig ist.
Dabei stehen traditionell "linke" Themen in diesem Wahlkampf stark im Vordergrund. Die Demokraten setzen auf die Geld- und Zukunftssorgen vieler US-Amerikanerinnen und -Amerikaner und machen Trumps Zoll-Politik und den Iran-Krieg für steigende Lebenshaltungskosten verantwortlich. Auch Korruptionsvorwürfe und fragwürdige Geschäfte der Trump-Familie spielen den Demokraten in die Hände. Ihre Botschaft: Nicht nur der Präsident trägt Verantwortung für alle Fehlentwicklungen, sondern auch die republikanischen Abgeordneten, die ihn unterstützen oder decken.
Trump steht nicht auf dem Wahlschein - aber irgendwie ja doch
Der Anti-Trump-Wahlkampf scheint zu verfangen: In den landesweiten Umfragen zur Wahl des Repräsentantenhauses liegen die Demokraten deutlich vorn. Laut den von dem Portal Real Clear Politics zusammengetragenen Durchschnittswerten würden mehr als 51 Prozent der Befragten ihre Stimme einem demokratischen Kandidaten geben. Die Republikaner kommen nur auf gut 43 Prozent. Gemessen wird dabei die allgemeine Parteipräferenz - nicht der Ausgang der einzelnen Wahlkreisrennen.
Wie sich dieser Vorsprung in Mandate übersetzt, hängt von den Ergebnissen in den einzelnen Wahlkreisen ab. Jeder der 435 Bezirke vergibt einen Sitz. Zusätzliche Stimmen in einer ohnehin sicheren Hochburg bringen einer Partei deshalb nicht automatisch zusätzliche Mandate.
Auch Karten können den Blick auf die Kräfteverhältnisse verzerren. Flächenmäßig große, dünn besiedelte Wahlkreise lassen republikanische Hochburgen besonders dominant erscheinen. Werden alle Wahlkreise gleich groß dargestellt, fällt dieses Übergewicht weg: Jeder Bezirk steht dann für genau einen Sitz.
Die Grenzen dieser Wahlkreise sind selbst Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Die beiden konkurrierenden Parteien versuchen, durch günstige Zuschnitte zusätzliche Mandate zu gewinnen. Dieses als Gerrymandering bezeichnete Vorgehen kann den Wettbewerb erheblich verzerren. Für die Wahl 2026 wurden in mehreren Bundesstaaten neue Grenzen durchgesetzt oder angestrebt - teils unter erheblichem Zeitdruck. Vor allem republikanische Kandidaten werden laut einer Analyse des Cook Political Report im November von dieser höchst umstrittenen Taktik profitieren.
Den Wahlsieg beschert sie den Republikanern wohl trotzdem nicht. Der aktuelle Cook Political Report für das Repräsentantenhaus geht im Gegenteil sogar davon aus, dass die Mehrheiten in den Bundesstaaten eher zugunsten der Demokraten ausfallen könnten als umgekehrt. So könnten zum Beispiel in Arizona und Iowa sowie Michigan und Pennsylvania die Mehrheit der Wahlkreise von rot zu blau wechseln. Die acht Wahlkreise im bislang stimmgeteilten Colorado könnten ebenfalls in mehrheitlich demokratische Hände fallen. Entscheidend für die Kontrolle über das Repräsentantenhaus bleibt jedoch die Gesamtzahl der Mandate.
Was ein Wahlsieg der Demokraten für Trump bedeuten würde
Mit einer Mehrheit im Repräsentantenhaus könnten die Demokraten Gesetzesvorhaben blockieren und parlamentarische Untersuchungen vorantreiben - etwa zu den Geschäftsbeziehungen der Trump-Familie oder zum Umgang mit den Epstein-Akten. Eine zusätzliche Senatsmehrheit würde ihnen zudem mehr Mitbestimmung bei Trumps Personalauswahl für Richterämter und hohe Regierungsposten geben.
Eine Amtsenthebung wäre damit allerdings noch lange nicht in Reichweite. Zwar könnte eine einfache Mehrheit im Repräsentantenhaus eine neue Anklage gegen Trump beschließen. Um ihn tatsächlich aus dem Amt zu entfernen, müssten jedoch zwei Drittel der anwesenden Senatorinnen und Senatoren für eine Verurteilung stimmen. Dafür wäre auch die Unterstützung zahlreicher Republikaner nötig.
Die Midterms entscheiden also nicht über das Ende von Trumps Präsidentschaft, wohl aber über seinen politischen Handlungsspielraum in den kommenden zwei Jahren. Schon der Verlust einer Kammer würde ihn zwingen, bei wichtigen Gesetzesvorhaben und Ausgabenbeschlüssen mit den Demokraten zu verhandeln.
