Amerika wacht aufDas Ende der Ära Trump beginnt
Ein Kommentar von Volker Petersen
Die Niederlage der Republikaner bei den Kongresswahlen ist allumfassend. In Repräsentantenhaus und Senat verlieren sie die Mehrheit, Gouverneursposten gehen an die Demokraten. Das geht zu 100 Prozent auf das Konto eines Mannes.
Im Märchen "Des Kaisers neue Kleider" geht es nicht um Donald Trump. Aber erinnert fühlen kann man sich an den US-Präsidenten schon. Der Kaiser im Märchen glaubt die schönsten Kleider zu tragen, doch tatsächlich ist er nackt. Es dauert eine Weile, bis es jemand wagt, die Wahrheit auszusprechen. Dann ist der Bann gebrochen. Der Kaiser ist nackt!
Dieses Märchen wird gelegentlich in den USA zitiert, wenn es um Trump geht - bislang mit der Frage verbunden, wann merken es die Leute? Und jetzt ist er da, der Moment. Mit der heftigen, allumfassenden, in dieser Form überraschenden, erschütternden Super-Niederlage bei den Kongresswahlen zeigt ein ganzes Land, dass es nun verstanden hat: Der Kaiser ist nackt. Trump steht entzaubert da.
Seine Superkraft, den Menschen Märchen zu erzählen, darüber wie toll er ist, wie sie alle reich werden, wenn sie seinen Versprechungen glauben, wie an allem immer die anderen schuld sind, diese Superkraft erlahmt. Nichts hat er zustande gebracht. Mit seinen Zöllen und dem Iran-Krieg hat er das wichtigste Wahlversprechen gebrochen: die Wirtschaft in Schwung zu bringen und die auch schon vor zwei Jahren hohen Lebenshaltungskosten herunterzubringen.
Vernichtende Wirkung
Stattdessen redete er über den ansprechenden "Arsch" eines Senators, stattdessen faselte er noch am Montag über neue Rohre, die er rund um das große Wasserbecken am Lincoln-Monument in Washington verlegen ließ. Ließ sich von Ex-Präsident Barack Obama provozieren, der sich über seine Umgestaltung des Weißen Hauses lustig machte. Und prahlte mit dem Ballsaal, den er nebendran errichten lässt.
Damit sandte er vor allem eine Botschaft in das Land: Mir sind eure Probleme egal. Dass er sich einen Triumphbogen am Ehrenfriedhof für gefallene Soldaten in Arlington bauen will, untermauert das nur.
So wie Trump diesen Wahlkampf geführt hat, zeigte das einmal mehr seine Inkompetenz und seine niederen Instinkte. Es geschieht ihm und den Republikanern recht, dass ihr Versuch, die Wahlbezirke neu zuzuschneiden, nach hinten losging. Auch weil sie glaubten, die Latino-Wähler sicher zu haben. Nun, das hatten sie nicht.
Trump machte falsch, was man falsch machen konnte. Er ließ zu, dass die Kongresswahl ein Referendum über ihn selbst wurde. Eines der ungeschriebenen Gesetze der US-Politik geht davon aus, dass Präsidenten so gut wie immer bei den Midterms abgestraft werden. Einfach, weil jeder Präsident nach zwei Jahren im Amt mit einer gewissen Enttäuschung bei den Wählern rechnen muss.
Den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt
Daher versuchen Präsidenten meist zu verhindern, dass die Kongresswahlen zu einer Abstimmung über ihre bisherige Amtsführung werden. Stattdessen versuchen sie die Wahl zu einer Richtungsentscheidung für die kommenden Jahre zu machen, Themen in den Vordergrund zu rücken.
"Stellt euch vor, dass ich auf dem Wahlzettel stehe", säuselte Trump dagegen in den Wahlarenen. Von sich selbst dauerberauscht, glaubte er, seine Siegchancen zu steigern. Der Gipfel der Dummheit war es, beliebte Senatoren wie John Cornyn in Texas und Thom Tillis in North Carolina wegzuekeln, weil sie sich nicht oft genug, nicht tief genug, nicht ehrerbietig genug vor ihm in den Staub warfen. Gegen Cornyn und Tillis hätten die Demokraten kaum solche Chancen gehabt. Trump persönlich hat ihnen den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt.
Die Niederlage Trumps und seiner schosshündigen Republikaner ist so umfassend, sie gleicht einem großen Aufwachen. Die Wirtschaft läuft super? Nein, nicht mit diesen Benzinpreisen. Der Krieg gegen den Iran ist notwendig? Nein, nicht wenn er das Leben teurer macht. Es ist keine Korruption, wenn ein anderer Staat ihm ein Flugzeug schenkt, seine Kryptowährung aufkauft oder er seinen Wählern 5000 Euro Dollar im Gegenzug für ihre Stimme verspricht? Doch, das ist es.
Läuterung ausgeschlossen
Doch dieses Wahlergebnis ist nicht nur ein Denkzettel für Trumps Politik, nicht bloß eine Abrechnung an der Urne. Für die meisten Amerikaner hat Trump sich nun entzaubert, der Lack ist ab. Was einst auf viele erfrischend authentisch, ja witzig, auf gemeine Art, und auf paradoxe Art ehrlich wirkte, weicht Katerstimmung.
Damit kündigt sich auch das Ende seiner Ära an. Er wird nun kaum wagen, noch einmal als Präsident zu kandidieren. Im Kongress werden die Demokraten jetzt die Kontrolle ausüben, zu der die Republikaner nie den Mut fanden. Trump ist eine lahme Ente. Vom Superman ist er zum Super-Loser geworden.
Der Kaiser ist nackt. Dass die Amerikaner das endlich gemerkt haben, ist ein Grund zum Feiern. Allerdings ab morgen auch einer zur Sorge. Zu glauben, dass dieser Mann fortan vernünftiger wird, geläutert werden könnte, wäre Quatsch. Nein, im Zweifelsfall wird er noch gefährlicher. Zu verlieren hat er jetzt nichts mehr.

