Politik

Angriffe mit neuen DrohnenRussland nimmt die ukrainische Bahn immer massiver unter Beschuss

05.09.2026, 10:58 Uhr imageVon Denis Trubetskoy, Kiew
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Insgesamt gab es bis Ende August nach offiziellen Angaben mehr als 1500 Angriffe auf die Bahninfrastruktur - schon jetzt mehr als im gesamten letzten Jahr. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Mit immer häufigeren Angriffen beabsichtigt Russland die ukrainische Bahn lahmzulegen. Stundenlange Verspätungen sind mittlerweile die Regel. Selbst fahrende Züge werden von Russland unter Beschuss genommen.

Seit viereinhalb Jahren ist der Luftraum über der Ukraine gesperrt. Seitdem hängt das Überleben des Landes in vielem von der Ukrsalisnyzja ab, der ukrainischen Eisenbahn, die neben dem Energiekonzern Naftohas und Rüstungsunternehmern wie Ukroboronprom zu den wichtigsten ukrainischen Staatsunternehmen zählt. Die Ukrsalisnyzja, die über das drittgrößte Eisenbahnnetz Europas verfügt, managt den Großteil der militärischen Logistik. Sie betreibt zudem humanitäre Züge, den Personenverkehr und fährt weit mehr als die Hälfte des ukrainischen Güterumschlags zu den Häfen sowie an die Grenze zur EU.

Daher gehört die Infrastruktur der Ukrsalisnyzja seit den ersten Kriegsmonaten zu den wichtigsten Zielen der russischen Armee. Immer wieder wurden Brücken und Gleise angegriffen. Die Schäden konnten allerdings stets schnell repariert werden. Trotz des Kriegs war die Ukrsalisnyzja geradezu ein Wunder der Pünktlichkeit. Doch Russland eskaliert seinen Angriffskrieg weiter - und entsprechend ändern sich die Zeiten.

Schon jetzt mehr Angriffe auf die Bahn als 2025

In der Nacht zum Dienstag wurde ein Lokomotivdepot im Kiewer Stadtteil Darnyzja zerstört. Sechs Bahnmitarbeiter und eine weitere Person kamen ums Leben. Am Mittwoch schlugen Drohnen in der Nähe des Hauptbahnhofs ein. Sie haben ihre Ziele wohl nicht ganz erreicht, doch ein Zufall gilt in der Branche als unwahrscheinlich.

Dies ist nur ein Bruchteil von dem, was die ukrainische Bahn 2026 erleben musste. Denn in diesem Jahr ist Russland längst zu systematischen Angriffen gegen Lokomotiven, Depots, Besatzungen und Fahrzeugbeständen der Ukrsalisnyzja übergegangen. Insgesamt gab es bis Ende August nach offiziellen Angaben mehr als 1500 Angriffe auf die Bahninfrastruktur - schon jetzt mehr als im gesamten letzten Jahr. Unter anderem wurden mehr als 250 Lokomotiven beschädigt. Vor allem die neuartigen Drohnen sorgen dabei für große Probleme.

Auch ohne direkten Beschuss führen die neuen "reaktiven" Jet-Drohen zu stundenlangen Verspätungen. Diese Drohnen, mit denen Russland Kiew verstärkt angreift, erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 500 oder gar 600 km/h. In der ukrainischen Hauptstadt herrscht mittlerweile nahezu ständig Luftalarm, was auch die Bahn behindert. Nicht nur in Kiew: Das ukrainische Eisenbahnnetz ist stark zentralisiert und daher auf die Hauptstadtregion zugeschnitten. Gerade bei Zügen aus dem Osten und dem Süden sind mehrstündige Verspätungen inzwischen die Regel.

Selbst fahrende Züge werden angegriffen

Das Ziel liegt auf der Hand: Der Kreml versucht, die Ukrsalisnyzja, deren direkter Schaden seit Kriegsbeginn vom Unternehmen selbst auf deutlich mehr als zwei Milliarden Euro geschätzt wird, lahmzulegen. Ein Engpass bei Lokomotiven erschwert den Verkehr von zivilen Passagieren, aber auch von Militär- und Gütertransporten.

Für die Jahre 2026 und 2027 hatte die Ukraine zwar angepeilt, 70 Prozent der inzwischen insgesamt rund 500 beschädigten Lokomotiven zu reparieren. Verträge für den Einkauf von 55 Güterzug-Elektrolokomotiven und 40 Dieselloks liegen vor. Die Fahrzeuge können wohl aber nicht vor dem kommenden Winter geliefert werden. Wegen des Haushaltsdefizits kann auch der Reparaturplan für 2026 nicht vollständig umgesetzt werden. Moldau könnte zwar in absehbarer Zeit 20 zusätzliche Lokomotiven liefern, doch allein dadurch wird die Knappheit nicht gelöst.

Aufgrund der deutlich gestiegenen Gefahr für Passagiere - selbst Drohnenangriffe auf fahrende Züge sind keine Seltenheit mehr - hat sich für diese vieles verändert. Die Ukrsalisnyzja wurde daher in das militärische Luftüberwachungssystem eingebunden. Dadurch können die Leitstellen der Bahn die Bewegungen der Drohnen in Echtzeit verfolgen und Züge nach Möglichkeit frühzeitig evakuieren. Gleiches gilt für Wartungsteams, die ebenfalls immer häufiger gezielt angegriffen werden. Einige Züge werden mit Mitteln der elektronischen Kampfführung ausgestattet: Drohnen können damit erkannt und gestört werden.

Evakuierung muss in zehn Minuten möglich sein

Während Züge früher grundsätzlich fast immer weitergefahren sind, gilt mittlerweile ein neues Sicherheitsprotokoll, das den Alltag der Bahn deutlich verändert hat. Bei den ursprünglichen Shahed-Drohnen wurden Züge erst gestoppt und evakuiert, wenn sich die Drohne in einer Entfernung von etwa 50 Kilometern befand. Fahrgäste mussten auf eine Entfernung von mindestens 100 Meter zum Zug gehen und bestenfalls einen Luftschutzkeller aufsuchen. Letzteres hat in der Praxis selten funktioniert. Gerade im Winter könnte das zur großen Herausforderung werden.

Bei düsengetriebenen Jetdrohnen, die fast um das Dreifache schneller sind als die üblichen Drohnen, wurden die Maßnahmen noch einmal verschärft. Die Vorgaben sind jedoch wenig konkret, weil die Lage meist zu dynamisch ist. Grundsätzlich muss die Crew in der Lage sein, einen Zug in weniger als zehn Minuten zu evakuieren.

Trotz aller Herausforderungen: Bislang schafft es die Ukrsalisnyzja, den für die Ukraine so wichtigen Betrieb aufrechtzuerhalten. Zugleich müssen sie und ihre Passagiere sich auf die kalte Jahreszeit vorbereiten. Es dürfte ein harter Winter werden. Die oft videogesteuerten, reaktiven Drohnen eignen sich besser für winterliche Angriffe als die älteren Modelle. Und der massive Beschuss der ukrainischen Energieinfrastruktur hat auch Auswirkungen auf die Bahn, die häufiger auf Diesellokomotiven umsteigen muss. Dass Russland die Angriffe auch auf die Energieinfrastruktur noch ausweiten wird, ist sicher. Sowohl das russische Verteidigungsministerium als auch Machthaber Wladimir Putin haben das gerade noch einmal bekräftigt.

Quelle: ntv.de

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