Trumps Mann in LateinamerikaMordversuch wird Königsmacher des MAGA-Imperiums zum Verhängnis
Von Roland Peters, New York
Ein Mordversuch und die Festnahme des Wahlkampfberaters Fernando Cerimedo hat ein kleines politisches Erdbeben ausgelöst. Der Fall um "MAGAs Mann in Lateinamerika" wirft ein Schlaglicht auf die Vernetzung der neuen Rechten in der Region.
Seit Dienstag vergangener Woche muss sich Lateinamerikas politische Rechte neu sortieren - und es werden viele Fragen gestellt. Einer ihrer, wenn nicht der Königsmacher sitzt in Untersuchungshaft: Fernando Cerimedo, von manchen Medien der "Steve Bannon Lateinamerikas" genannt. Der Grund: Um 20:40 Uhr des Vorabends nähern sich zwei Personen in Kleidung eines Lieferdienstes dem "Schweizer Hotel" im bolivianischen Santa Cruz de la Sierra. Im Eingangsbereich geben sie aus nächster Nähe drei Schüsse auf die bolivianische Anwältin und politische Aktivistin Nadia Beller ab, rauben einem Motorradfahrer seine Maschine und brausen davon.
Die schwangere Beller wird operiert und überlebt. Spezialeinsatzkräfte nehmen am nächsten Tag ihren Ex-Freund Cerimedo als mutmaßlichen Strippenzieher des Mordversuchs fest, als er ein Flugzeug nach Buenos Aires besteigen will. Er soll der Vater des ungeborenen Kindes sein. Seither überschlagen sich Medien und Politiker: Was genau hatte Cerimedo mit den Erfolgen rechter Politiker in den vergangenen Jahren zu tun? Welche Macht über die öffentliche Agenda und Meinungen haben Berater wie er mit digitalen Wahlkampfwerkzeugen und Medien? Welche Rolle spielen dabei die USA?
Der Argentinier Cerimedo ist eine Schlüsselfigur in rechten politischen Kreisen, untrennbar verbunden mit dem Aufstieg einer neuen Generation lateinamerikanischer Staatschefs, die ihrerseits mit US-Präsident Donald Trump verbündet sind. In der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA, einer aktualisierten Monroe-Doktrin, welche den Vormachtanspruch in der Region formuliert, hielt seine Regierung schriftlich fest, wonach sie handelt. Die Vereinigten Staaten mischen sich aktiv in innenpolitische Angelegenheiten lateinamerikanischer Staaten ein und unterstützen dort rechte Kräfte. Ziel ist, China und dessen Einfluss in der Region Paroli zu bieten.
Büro neben dem Präsidenten
Cerimedo hatte kein offizielles Amt in der bolivianischen Regierung inne, aber laut Beller ein Büro im bolivianischen Regierungsgebäude - direkt neben dem des Präsidenten Rodrigo Paz im 23. Stock des glasverkleideten Hochhauses in La Paz. Ihr Ex-Freund hatte demnach enorme Macht über den Staatschef: "Er traf Entscheidungen, stimmte sich mit Ministern ab und besetzte Posten mit Personen", so Beller: "Er regierte gemeinsam mit Rodrigo Paz." Sind ihre Aussagen korrekt, wäre Bolivien das bisher extremste Beispiel für die Macht von politischen Beratern, die sich im Netzwerk der rechtsgerichteten Regierungen in Lateinamerika bewegen und sich mit Trumps Washington koordinieren.
Im vergangenen Jahr wurde Cerimedo von "The Economist" als "MAGAs Mann in Lateinamerika" bezeichnet. Demnach hatte er sich in Honduras erfolgreich in den Präsidentschaftswahlkampf für Trumps Favoriten Nasry Afura eingemischt, indem er das Weiße Haus inoffiziell beriet. Argentiniens Präsident Javier Milei hatte seine Präsidentschaftswahl 2023 mit Cerimedos Unterstützung gewonnen. 2022 hatte er versucht, Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro trotz verlorener Wahl an der Macht zu halten. In Bolivien hob er zuletzt den aktuellen Staatschef Rodrigo Paz mit ins Amt. Trump ist in diesem internationalen rechten Universum der Leitstern.
Cerimedo gründete im Jahr 2020 das rechtsradikale "La Derecha Diario", die "rechte Tageszeitung". Das Digitalmedium veröffentlicht inzwischen in Regionalversionen für Argentinien, Uruguay, Ecuador, Mexiko, Israel und die USA, zählt eigenen Angaben zufolge Dutzende Millionen Besucher monatlich und ist in den sozialen Medien eine bekannte Größe. In der Woche vor dem Mordversuch verkaufte Cerimedo seine Anteile an seinen bisherigen Geschäftspartner, den Spanier Javier Negre, und zog sich damit von "La Derecha Diario" zurück.
Digitales Wahlkampfsystem der Rechten
Nach Cerimedos Verhaftung schrieb der argentinische Journalist Hugo Alconada Mon, in einem Gespräch habe dieser ihm bereits Anfang 2023 erklärt, "wie man politische Diskussionen inszeniert, Algorithmen manipuliert, digitale Armeen aufbaut und einen Wahlkampf in eine permanente Social-Media-Kampagne mit Troll- und Bot-Farmen verwandelt". Seit vergangenem Jahr agierte Cerimedo offiziell als lateinamerikanischer Vertreter von Brad Parscales Firmen für Wahlkampfsoftware, die das rechte politische Spektrum nutzt.
Parscale war durch seine Firma "Cambridge Analytica" und deren Rolle bei Trumps erstem Wahlsieg 2016 bekannt geworden und nimmt wegen seiner personalisierten Analyse- und Werbewerkzeuge mit KI eine Schlüsselrolle zielgerichteter Online-Werbung ein. Zudem werden Medieninhalte auf bestimmte Weise präsentiert, damit Algorithmen sie aufgreifen und Wählern anzeigen. Cerimedo bot offenbar zusätzlich ein Netz von Influencern in sozialen Medien sowie Bots an, die Unterstützung simulierten - und so einen umfassenden digitalen Kommunikationskosmos, der Berichterstattung, Meinungen und damit Wahlen beeinflussen sollte.
Der Argentinier war damit einer der politischen Strippenzieher, die seit ein paar Jahren aus zweiter Reihe mit Medien, Netzwerken und Methoden ihre Macht ausüben. Manchmal dienen sie auch als Verbindungsleute zwischen Staatschefs, Politikern und Geschäftsleuten. Nun ist der politische Siegeszug Cerimedos vorerst unterbrochen, während er sich mit den juristischen Folgen von Bellers Vorwürfen und denen der Staatsanwaltschaft gegen ihn auseinandersetzt.
Milei sieht linke Verschwörung
Die Ex-Partnerin des rechten Strippenziehers ist nach mehreren Tagen im Krankenhaus unter Polizeischutz zu Hause in La Paz und gab eine ganze Reihe von Interviews in lateinamerikanischen Medien. Darin gab sie an, Cerimedo habe durch seine Mordabsichten unter anderem verhindern wollen, dass sie einen Korruptionsskandal bei Boliviens staatlichem Energiekonzern YPFB aufdeckt. Die Angreifer raubten während des Attentats ihr Handy, auf dem ihr zufolge die kompromittierenden Informationen gespeichert waren. "Wir müssen einen Weg finden, Nadia aus dem Weg zu räumen. Kennst du jemanden?", soll Cerimedo zuvor auf seinem Handy geschrieben haben, wie die bolivianischen Behörden angaben.
Beller sagte, sie sei vor dem Treffen von angeblichen Informanten kontaktiert worden, die ihr Informationen über sexuellen Missbrauch durch Boliviens linken Ex-Präsidenten Evo Morales versprachen. Cerimedo habe sie dazu gedrängt, zum Ort des späteren Mordversuchs zu gehen und ihr Polizeischutz versprochen, der aber nicht existierte. In Gesprächen soll er zudem von Beller verlangt haben, keine politischen Informationen zu verbreiten, wobei er sich auf ihre Schwangerschaft bezog: "Du wirst allen das Leben versauen - deiner Tochter, unserem Sohn." Sie gab zudem an, dass ihr Ex-Partner für den US-Geheimdienst CIA gearbeitet habe sowie bei Einsätzen der bolivianischen Polizei mitbestimme. Nach dessen Verhaftung fanden Ermittler in seinen Immobilien in La Paz unter anderem große Mengen Bargeld, eine mutmaßliche "Mini-Botfarm" für soziale Medien sowie ein Auto mit Blaulicht, wie es die bolivianische Polizei benutzt.
Cerimedos Anwältin Margarita Arce behauptete zur Verteidigung ihres Mandanten, das Attentat auf Beller sei ein "Selbstanschlag" gewesen, der die Regierung des derzeitigen bolivianischen Präsidenten Paz destabilisieren solle. Schließlich sei Beller früher Mitglied in der linken Bewegung zum Sozialismus (MAS) von Ex-Präsident Morales gewesen, bevor sie sich politisch nach rechts orientierte. Argentiniens Präsident Javier Milei äußerte sich ähnlich - und redete von einer internationalen linken Verschwörung gegen seinen früheren Berater, an dem auch Brasiliens Präsident Lula da Silva beteiligt sei. Belege dafür sind nicht bekannt. Zugleich sagte Milei sich von Cerimedo los: "Er ist nicht Teil unseres politischen Lagers."