Die Herausforderin zieht vorbeiLos Angeles steuert auf einen "Mamdani-Moment" zu
Von Tobias Hauser
In der größten Stadt der USA regiert mit Zohran Mamdani ein selbsterklärter demokratischer Sozialist. Nun könnte die zweitgrößte Stadt folgen. In Los Angeles dominiert mit Nithya Raman eine Kandidatin die Umfragen, die in vielen Punkten an Mamdani erinnert. Noch ist jedoch alles offen.
Die Parallelen zwischen Nithya Raman und New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani lassen sich schwer abstreiten: Beide sind für die Politik noch relativ jung. Raman ist 45, Mamdani 34. Raman wurde in Indien geboren und kam mit sechs Jahren in die USA, Mamdani ist in Uganda geboren und war sieben Jahre alt, als seine Familie mit ihm nach New York zog. Beide gehören den Demokraten an, aber auch den Democratic Socialists of America (DSA), die sich dafür einsetzen, die Partei und das Land auf links zu drehen. Beide setzen sich für bezahlbares Wohnen ein und stützen ihren politischen Aufstieg auf Haustürwahlkampf und engagierte junge Helferinnen und Helfer.
Doch damit hat es sich noch nicht. Die nächste Parallele könnte sich nämlich in wenigen Wochen ergeben: Mamdani hat sich bei der Bürgermeisterwahl in New York sowohl gegen die Republikaner als auch gegen das Establishment der Demokraten durchgesetzt. Raman hat passable Chancen, bald dasselbe in Los Angeles zu erreichen.
Niederlage in Vorwahl
Dabei startete die Wahl für Raman mit einer Niederlage. Im ersten Wahlgang im Juni, bei dem die Kandidaten aller Parteien in einem gemeinsamen Feld antraten und zwei Widersacher für die Hauptwahl bestimmt wurden, gewann Amtsinhaberin Karen Bass mit 34,4 Prozent. Raman lag ersten Ergebnissen zufolge nur auf dem dritten Platz, noch hinter Spencer Pratt, der von den Republikanern unterstützt wurde. Erst mit der Auszählung weiterer Stimmen schob sich Raman nach und nach vorbei an Pratt. Bei der Stichwahl, die am 3. November parallel zu den US-Midterms läuft, tritt sie nun gegen Bass an. Und in ersten Umfragen liegt die derzeitige Stadträtin überraschend vor der Amtsinhaberin.
Laut einer aktuellen Umfrage der UC Berkeley planen 39 Prozent der Wähler in Los Angeles, die Herausforderin Raman zu wählen. Bass kommt in der Umfrage auf 28 Prozent, liegt also trotz ihres Sieges bei der Vorwahl ein gutes Stück zurück. Spannend bleibt es trotzdem, da 33 Prozent der Wähler noch unentschlossen sind. In einer Umfrage von Anfang August lag die Bürgermeisterin noch mit 41 Prozent vorn. Raman kam darin auf 35 Prozent, 24 Prozent gaben an, unentschlossen zu sein.
Es scheint also, als würde sich das Blatt wenden. Es stellt sich die Frage: Kann Raman Los Angeles einen "Mamdani-Moment" bringen und mit frischem Wind die Amtsinhaberin aus dem Rathaus wehen? Obwohl die ehrlichere Frage vermutlich ist: Hat Raman dieselbe Strahlkraft wie Mamdani, oder profitiert sie nur von der Schwäche ihrer Kontrahentin?
Zum ganzen Bild gehört nämlich auch, dass Bass nur sehr schwache Beliebtheitswerte vorweisen kann. Besonders seit dem Palisades-Feuer sieht die Bevölkerung in L.A. die Bürgermeisterin kritischer. Über die Hälfte der Bewohner denkt der Umfrage zufolge, dass die Demokratin in Bezug auf die Feuer schlechte beziehungsweise sehr schlechte Arbeit geleistet hat. Damals verloren Tausende Menschen ihre Häuser. Zwölf Menschen starben und der Großteil des wohlhabenden Ortsteils Pacific Palisades brannte nieder.
Doch Raman zeigt im Wahlkampf durchaus viele der Mamdani-Qualitäten. Sie ist volksnah, hat Geschick für Social Media und verkauft die Idee eines radikalen Umschwungs in L.A. Dazu kommt, dass beide von derselben Agentur vertreten werden.
Multiethnische und teure Städte wie New York und Los Angeles, wo laut "Newsweek" zwei Drittel der Bevölkerung Miete zahlen, sind ein fruchtbarer Nährboden für Kampagnen wie Mamdani und Raman sie fahren. Gewinnt die 45-Jährige, würde das zeigen, dass Mamdanis Erfolg kein von reinem Charisma getragener Einzelfall war, sondern in großen Städten replizierbar ist.
Dafür hat sich Raman die Unterstützung großer Gewerkschaften und der oft relativ kritischen und ebenso einflussreichen Democratic Socialists of America (DSA) gesichert. Außerdem baut sie ihren Wahlkampf auf ihren Erfolgen als Stadträtin auf: Die Zahl der Obdachlosen auf den Straßen ging der "Los Angeles Times" zufolge in ihrem Wahlkreis zurück, während sie im Rest der Stadt anstieg. Sie führt das auf die intensive Aufklärungsarbeit ihres Büros zurück, während das Wahlkampfteam ihrer Kontrahentin den Rückgang der Arbeit der Bürgermeisterin zuschrieb.
Nicht nur in L.A. tobt der Kampf
Was sich bei den Umfragen in L.A. auch zeigt, ist eine Kluft zwischen den Generationen. Raman dominiert wie auch Mamdani bei den jüngeren Wählern: 66 Prozent der Wahlberechtigten im Alter von 18 bis 29 Jahren wollen laut Umfrage die Herausforderin wählen, während nur 4 Prozent Bass bevorzugen.
Es ist ein Kampf, der nicht nur in L.A., sondern auch in großen Teile der USA und der gesamten demokratischen Partei wütet. Junge, linke Rebellen gegen die moderate und zentristische Parteibasis. Oft heißt es in den USA dieser Tage nicht mehr nur Republikaner gegen Demokraten. Stattdessen wird für die Wählerschaft ein Dreikampf daraus: Demokraten gegen demokratische Sozialisten gegen Republikaner.
Dass die alternativen Kandidaten und Kandidatinnen der Demokraten ihren Widersachern oft erfolgreich die Stirn bieten können, liegt auch an der Enttäuschung vieler junger Wähler. Zu wenig Biss hat ihnen der Widerstand gegen Trump, zu nah an Israel sind ihnen viele der Establishment-Demokraten und zu wenig radikale Veränderungen für die Arbeiterklasse sehen sie in den Ideen der Parteibasis.
Doch auch der zentristische Flügel der Demokraten will sich nicht so einfach die Butter vom Brot nehmen lassen. Dem "Time-Magazin" zufolge plant etwa der Partei-Thinktank "Third Way" eine 15 Millionen Dollar teure Kampagne vor den Präsidentschaftswahlen 2028. Ziel der Kampagne werden nicht etwa Trumps Republikaner, sondern demokratische Sozialisten.
Die Angst der Parteibasis kommt nicht von irgendwo. Denn falls sich die Siegesserie des Flügels fortsetzt, könnte der Einfluss der demokratischen Sozialisten nach den Midterm-Wahlen deutlich anwachsen. Sollten die Demokraten eine knappe Mehrheit im Repräsentantenhaus gewinnen, dürften sie bei jeder Entscheidung auf den DSA-Block angewiesen sein, spekuliert auch das "Time-Magazin". Doch noch ist offen, ob die Kandidaten auch außerhalb der Vorwahlen einen breiten Rückhalt in der US-Bevölkerung finden können. Das wird sich Anfang November zeigen - landesweit, aber auch für Nithya Raman in Los Angeles.
