Droht Angriff auf Polen?"Ich habe einen Notfallrucksack gepackt"

Ein russischer Angriff auf Polen ist weiterhin wenig wahrscheinlich, lässt sich aber nicht mehr völlig ausschließen, sagt der Politikwissenschaftler Wojciech Michnik von der Jagiellonen-Universität im polnischen Krakau. Für realistischer hält er Provokationen, Sabotageakte und Versuche, die Gesellschaft zu destabilisieren. Michnik selbst hat zu Hause einen Rucksack für Krisensituationen vorbereitet. Im Gespräch mit ntv.de erklärt er, warum das kein Ausdruck von Kriegsangst ist.
ntv.de: Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine hat es in Polen mehrere Fälle von Sabotage und Spionage sowie Verletzungen des Luftraums gegeben. Fühlen sich die Polen heute von Russland bedrohter als noch vor einem Jahr?
Wojciech Michnik: Ja, die Gefahr lässt sich schwer übersehen. Polen ist damit allerdings nicht allein. Russische Provokationen sehen wir auch in Litauen, Lettland, Estland, Rumänien oder Finnland, also vor allem an der Nato-Ostflanke. In Polen gab es schwere Zwischenfälle bei der Bahn, Fälle von Spionage und Verletzungen des Luftraums. Einige Beispiele: In der Nacht vom 9. auf den 10. September 2025 drangen 19 russische Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Im November 2025 kam es zu einem Sabotageakt an der Bahnstrecke Warschau-Lublin: Ein Sprengsatz wurde aus der Ferne gezündet und zerstörte einen Teil der Gleise. Am 23. September 2026 wurde zudem eine Starlink-Station in der Woiwodschaft Masowien durch Brandstiftung sabotiert. Auch wenn die Drohnen bisher nicht bewaffnet waren und bei den genannten Vorfällen niemand ums Leben kam, kann man dies als enormen Stresstest interpretieren: Wie reagiert Polen, und wie reagiert die polnische Gesellschaft?
Beschäftigt das den durchschnittlichen Polen tatsächlich?
Das hängt auch von der geografischen Lage ab. In Krakau nimmt man die Bedrohung anders wahr als in Rzeszów oder Przemyśl im Osten des Landes und noch einmal anders in der Nähe der Grenze zu Belarus oder zum Kaliningrader Gebiet. Je näher man an der Grenze lebt, desto stärker sind das Gefühl der Bedrohung und die Unsicherheit. Wenn wir allerdings über Sabotage, Diversionsakte oder Cyberangriffe sprechen, spielt Entfernung keine Rolle. Ich glaube nicht, dass die Polen jeden Tag Angst vor russischen Raketen haben. Den Russen geht es vielmehr darum, die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht zu bringen. Meiner Ansicht nach ist das eines der Hauptziele russischer Aktivitäten: Die Polen sollen nicht in Ruhe und Frieden leben. Die Botschaft lautet: Das ist die Strafe dafür, dass ihr der Ukraine in einem Krieg helft, der - der russischen Erzählung zufolge - "nicht euer Krieg" ist.
Wir sprechen noch immer von einem "hybriden Krieg". Passt dieser Begriff überhaupt noch?
Ich habe zunehmend Schwierigkeiten damit. Der Begriff "hybrider Krieg" erlebte nach 2014 und der russischen Operation auf der Krim einen enormen Aufschwung. Er beschrieb die Kombination militärischer und nichtmilitärischer Maßnahmen unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges. Aber inzwischen begleitet uns dieser Begriff schon so lange, dass er etwas von seiner Aussagekraft verloren hat. Ich würde es heute so formulieren: Polen befindet sich nicht im Krieg mit Russland. Aber Frieden ist das auch nicht mehr.
Reagieren Polen und die Nato entschlossen genug?
Bislang halte ich die eingesetzten Strategien für richtig. Man muss Entschlossenheit zeigen und gleichzeitig vermeiden, dass einem ein Etikett angeheftet wird, das ich in Westeuropa gelegentlich wahrnehme: Die Polen seien Provokateure und wollten im Grunde einen Konflikt mit Russland. Warum sollten wir Krieg wollen? Polen geht es wirtschaftlich recht gut. Wir wollen wirklich keinen Krieg. Wenn wir der Russischen Föderation jedoch erlauben, regelmäßig unseren Luftraum zu verletzen, ohne entschieden darauf zu reagieren, schränken wir in gewisser Weise unsere eigene Souveränität ein.
Glauben Sie, dass Russland Polen tatsächlich militärisch, also konventionell, angreifen könnte?
Ja. Ich habe dieses Szenario auf dem Tisch, halte es aber für wenig wahrscheinlich. Wenn ich mein persönliches Gefühl sehr grob in Zahlen ausdrücken müsste, würde ich sagen: Vor einigen Jahren lag die Wahrscheinlichkeit vielleicht bei zwei Prozent, heute möglicherweise bei zehn Prozent. Vor einigen Jahren habe ich ein solches Szenario praktisch vollständig ausgeschlossen. Heute kann ich das nicht mehr.
Russische Panzer, die auf Warschau zurollen?
Nein. Eine russische Invasion Polens nach dem Muster der Ukraine kann ich mir nicht vorstellen. Russland verfügt derzeit nicht über die Fähigkeiten, eine solche Operation gegen Polen und die Nato durchzuführen. Ich gehe davon aus, dass die russischen Eliten erfahren genug sind, um zu verstehen, dass die Russische Föderation einen solchen Konflikt mit Polen und der Nato nicht gewinnen kann. Realistischer wären Raketen- oder Drohnenangriffe, Sabotage oder ein begrenzter konventioneller Angriff.
Und wenn Russland statt Panzern Hunderte oder Tausende Drohnen gegen polnische Städte schicken würde?
Damit kommen wir zu einem sehr wichtigen Punkt: Potenziell gefährlicher als das, was Russland tut, könnte sein, wie wir darauf reagieren. Stellen wir uns vor, eine große Zahl von Drohnen fliegt auf Przemyśl, Lublin oder Białystok zu und Menschen sterben. Was geschieht dann in der Gesellschaft? Brechen wir in Panik aus? Ein solcher Angriff würde eine Destabilisierung bedeuten und uns zwingen, über individuelle, gesellschaftliche und staatliche Sicherheit anders nachzudenken. Destabilisierung bedeutet aber noch keinen Sieg für Russland. Mit Destabilisierung kann man umgehen, wenn man darauf vorbereitet ist.
Ist Polen in der Lage, solche Drohnen abzuschießen?
Es gibt heute keine Streitkräfte auf der Welt, die jede einzelne Drohne ausschalten könnten. Selbst Staaten mit einer sehr fortschrittlichen Luftverteidigung - etwa Israel oder die Vereinigten Arabischen Emirate - können keine hundertprozentige Wirksamkeit garantieren. Wir müssen davon ausgehen, dass ein Teil der Drohnen auf polnisches Territorium gelangen könnte. Und darauf müssen wir auch psychologisch und gesellschaftlich vorbereitet sein.
Bereiten Sie sich auch persönlich darauf vor?
Ja. Ich habe zu Hause einen Evakuierungsrucksack. Wobei ich finde, dass "Evakuierungsrucksack" eigentlich keine besonders gute Bezeichnung ist. Man könnte ihn einfach Notfallrucksack nennen. Denn er kann auch nützlich sein, wenn ein Wohnhaus brennt oder es einen Blackout gibt und man schnell das Haus verlassen muss.
Was haben Sie hineingepackt?
Die grundlegenden Dinge: Wasser, Kopien von Dokumenten, Bargeld, Batterien. Außerdem habe ich einen Vorrat an haltbaren Lebensmitteln. Ein solcher Rucksack kann bei einer unmittelbaren Bedrohung oder einem Luftalarm nützlich sein, genauso aber bei einem Blackout. Eines der denkbaren Szenarien ist schließlich, dass infolge von Sabotage oder eines Cyberangriffs das Stromnetz einer Stadt oder eines Stadtteils ausfällt. Das hat unmittelbar Konsequenzen für die Bürger. Russland hat ein Interesse daran, dass die Polen in einer solchen Situation in Panik geraten und die Leistungsfähigkeit staatlicher Institutionen infrage stellen. Je ruhiger wir reagieren und je besser wir vorbereitet sind, desto weniger wirksam ist ein russisches Destabilisierungsszenario. Deshalb habe ich diesen Rucksack.
Und denken Sie darüber nach, was passiert, wenn Sie ein Gewehr in die Hand bekommen und Polen verteidigen müssen?
Auch die Bereitschaft, gegebenenfalls zu kämpfen, sollte irgendwo im Hinterkopf vorhanden sein. Gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit beginnt aber viel früher: damit, dass wir nicht in Panik geraten, wissen, wohin wir gehen müssen, und den Schwächsten helfen. Das Gewehr ist in dieser Hinsicht zweitrangig. Natürlich wird es Menschen geben, die im Kriegsfall mit der Waffe kämpfen. Aber einen Staat kann man auf unterschiedliche Weise verteidigen, nicht nur mit einem Gewehr. Ich hoffe allerdings, dass diese militärische Bereitschaft niemals auf die Probe gestellt wird.
In Deutschland fällt ein solches Denken schwer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Pazifismus zu einem wichtigen Teil der politischen Kultur. Sind die Polen mental besser vorbereitet?
Sicherlich noch nicht so gut, wie sie es sein sollten. Auch in Polen gibt es Menschen, die denken: Wenn es gefährlich wird, fahre ich nach Spanien oder Italien. Nach Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine haben die Menschen tatsächlich darüber gesprochen. Ich würde es allerdings etwas zugespitzt formulieren: Pazifismus ist großartig, wenn man ihn sich leisten kann. Jüngste Umfragen haben gezeigt, dass mehr als 30 Prozent der Polen bereit wären, im Falle eines bewaffneten Angriffs zu kämpfen. Gleichzeitig erklärten etwa 70 Prozent, dass sie Polen nicht verlassen würden. Ich glaube deshalb nicht, dass die Polen im Kriegsfall plötzlich massenhaft aus dem Land fliehen würden. Und wenn - klopfen wir auf Holz - polnische Bürger sterben sollten, könnte sich auch unser Verständnis davon verändern, was Heimat und Patriotismus bedeuten.
Welche Rolle spielt die Ukraine dabei?
Eine entscheidende. Ich glaube, wir haben einen großen Fehler gemacht, indem wir den Bürgern nicht deutlich genug in Erinnerung gerufen haben, warum eine unabhängige Ukraine für Polen so wichtig ist. Wenn die Ukraine verliert und wir hinter unserem Zaun einen nicht souveränen, vom Kreml kontrollierten Staat haben - ähnlich dem heutigen Belarus -, wäre das für Polen weder stabil noch sicher. Natürlich gibt es auch bei uns Milieus, die sagen: "Das ist nicht unser Krieg. Warum provozieren wir Russland?" Diese Erzählung wird von russischer Desinformation geschickt verstärkt. Es wäre aber unehrlich zu behaupten, dass alle derartigen Ansichten ausschließlich darauf zurückzuführen sind. Solche Auffassungen gibt es tatsächlich in der polnischen Gesellschaft.
Wenn ich in Polen bin, fällt mir noch ein anderer Unterschied auf. Wenn eine Fabrik brennt oder es einen Zwischenfall bei der Bahn gibt, kommt schnell der Verdacht russischer Sabotage auf. In Deutschland sind Politiker deutlich vorsichtiger. Können Sie diesen Unterschied nachvollziehen?
Ich kann ihn nachvollziehen, bin aber nicht völlig davon überzeugt, dass diese Strategie hilfreich ist. Natürlich muss jeder einzelne Fall untersucht werden. In Polen haben die Sicherheitsbehörden und die Staatsanwaltschaft jedoch mehrfach auf Personen hingewiesen, die im Auftrag der Russischen Föderation gehandelt haben, oder auf Spuren, die nach Moskau führten. Deshalb wundert mich die deutsche Zurückhaltung ein wenig. Deutschland ist schließlich eine Gesellschaft, die sehr stark auf dem Rechtsstaat basiert. Wenn Ermittlungen und Beweise auf russische Dienste oder von ihnen angeheuerte Personen hindeuten, sollte die Gesellschaft in der Lage sein, diese Information anzunehmen. Vielleicht ist das Problem politischer Natur. Russland war für Deutschland über viele Jahre ein sehr wichtiger Partner. Die "Zeitenwende" und das gegenwärtige Erwachen in Sicherheitsfragen vollziehen sich schrittweise. Einerseits hat ein Teil der Gesellschaft und der Eliten erkannt, dass Russland nicht einfach ein Staat wie jeder andere ist - und dass die Polen vielleicht doch nicht verrückt waren, als sie jahrelang vor Russland warnten. Andererseits hat Deutschland viele eigene Probleme, auch wirtschaftlicher Art.
Verdrängen die Deutschen also die Bedrohung?
Ich möchte das nicht verallgemeinern. Aber manchmal habe ich diesen Eindruck, wenn ich Deutschland von außen betrachte. Es ist ein bisschen so, als würde jemand in einem Zimmer eine Giftschlange entdecken und die Augen schließen - in der Hoffnung, dass die Schlange ihm nichts antut, solange er sie nicht sieht.
Mit Wojciech Michnik sprach Tomasz Kurianowicz
.webp)