Politik

TÜV-Chef fordert KI-souveräne EUBundesregierung warnt, aber der Weltuntergang fällt derzeit aus

07.10.2026, 19:59 Uhr
imageVon Roland Peters
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Der Vizepräsident des Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) Thomas Caspers und Dirk Stenkamp, Präsident des TÜV-Verbands. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Deutschland steht unter wirtschaftlichem Druck aus China und den USA. Die Bundesregierung verbreitet gemeinsam mit dem TÜV konstruktiven Optimismus. Die KI-Apokalypse fällt demnach derzeit aus. Die Bundesrepublik sollte sich auf ihre Stärken besinnen.

Auf dem Weg vom Berliner Hauptbahnhof an der Spree entlang zum Ort der Bundespressekonferenz grüßt vom "Futurium"-Museum ein riesiges Plakat. Darauf zu sehen ist ein Kind, das lächelnd seinen Arm um die Schultern eines humanoiden Roboters samt Smartphone legt: "Wie wir in Zukunft mit Technik zusammenleben", heißt es darauf. Ein paar Meter weiter wirbt das Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt überlebensgroß für die "Hightech Agenda Deutschland". Und noch ein wenig weiter wird es im großen Saal der Bundespressekonferenz schnell grundsätzlich.

"Wir stehen sicherlich nicht am Rande des Weltuntergangs", sagt BSI-Vizechef Thomas Caspers vom Podium zu den zwei Handvoll Journalisten. "Sämtliche Doomsday-Szenarien haben sicherlich andere Gründe, warum sie in die Diskussion eingeführt werden." Die Welt gehe nicht von dem unter, was derzeit möglich sei, sagt der deutsche Vizebehördenchef des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik. Er spielt damit auf den Streit in den USA darüber an, ob eine künftige Superintelligenz im Handumdrehen die ganze Menschheit auslöschen könnte, sowie die Frage, warum er öffentlich geführt wird.  

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Das Futurium-Museum im Berliner Regierungsviertel (Foto: Roland Peters / ntv.de)

Stand jetzt ist demnach die Lage jedoch äußerst brisant. "KI verändert die ohnehin extrem angespannte Cybersicherheitslage." Die Hauptbereiche seien Cyber-Kriminalität wie Phishing und Cyberangriffe anderer Staaten, beschreibt er vor dem spärlich gefüllten Saal, in dem er gemeinsam mit dem TÜV-Verbandschef Dirk Stenkamp die Ergebnisse zu den Gefahren von KI in der deutschen Wirtschaft vorstellte. Die möglichen Schäden durch die Technologie seien enorm, etwa wenn große Anbieter "verantwortungslos Tests durchführen, die schlecht abgesichert sind".

Nicht alle Züge abgefahren

Caspers kritisiert damit deutlich die US-Tech-Konzerne. Die Produkte von OpenAI oder Anthropic werden als "Frontier"-Modelle im Bereich Sprachmodelle angesehen, die in der Entwicklung den anderen voraus sind. Deutsche Unternehmen und die Industrie sollten die Technologie hingegen für die Automatisierung einsetzen. "Da liegt das eigentliche Potenzial." Der Ansicht von Caspers und Stenkamp zufolge sind längst nicht alle Züge bezüglich KI abgefahren.

"Wir werden sicherlich nicht das Leistungsniveau von großen amerikanischen Modellen erreichen", so der Vize-BSI-Chef. Demnach würden die Anwendungsbereiche von KI in der Wirtschaft definiert, "die für uns wirklich relevant sind", um dort erfolgreich zu sein und "unseren Werten folgend handeln können". Dafür, dass Deutschland nicht den Anschluss verliert, muss offenbar noch manches passieren. Um etwas sicher einsetzen zu können, müssen erst einmal Kriterien festgelegt werden. Immer wieder kommt Caspers auf das Ende August gegründete und im Aufbau befindliche KI-Sicherheitsinstitut "AISI" zurück, wo Experten des Digitalministeriums, der Bundesnetzagentur und des Innenministeriums die Gefahren von KI untersuchen und abwehren sollen. Stenkamp verweist indes mehrmals auf das "TÜV AI Lab", in Berlin, wo Sicherheitsstandards für KI-Anwendungen entwickelt werden.  

Stenkamp fordert "im Gesamtkontext KI europäische Souveränität". Es müsse für Unternehmen mehr europäische Alternativen geben und eine klare Regulierung. Er weist etwa darauf hin, das derzeit der öffentliche Fokus sehr auf textorientierten LLMs (Large Language Models) liege, "dressiert" auf plausible, glaubhafte Antworten. Die Chance für Deutschland sieht der TÜV-Chef hingegen im industriellen Bereich, also dem "Computational Engineering" - da nutzt eine KI mit neuronaler Netzstruktur nur wissenschaftlich belastbare Wahrheiten. "Da sehe ich eine neue Chance für Deutschland, einen anderen Ruf im weltpolitischen Industriekomplex aufzubauen", wirbt Stenkamp.  

"KI-Zeitalter beginnt erst"

Die Bundesregierung ist sich offenbar bewusst, was die industrielle Stunde geschlagen hat. Der Mittelstand steht unter enormem Druck von chinesischer Konkurrenz. "China zerstört die letzte Bastion der deutschen Industrie", titelte im Juli das "Wall Street Journal": "Über Jahrzehnte haben Tausende Weltklasse-Nischenhersteller, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, sich hinter einem uneinnehmbaren Burggraben verschanzt: unübertroffene Qualität", schrieb die Zeitung. "Jetzt trocknet der Graben aus." Erstmals importiere Deutschland mehr Investitionsgüter - also Maschinen, Werkzeuge und weiteres - aus China, als es dorthin exportiere. China kontrolliert bereits mindestens ein Drittel des globalen Maschinenbausektors. Anders gesagt: Die deutschen Alleinstellungsmerkmale sind in akuter Gefahr, Deutschland muss sich in der sich rapide verändernden Wirtschaftswelt irgendwie behaupten. 

Ob aus Brüssel oder Berlin, fast überall werden die Rufe nach mehr europäischer technologischer Souveränität angesichts der geopolitischen Lage lauter. Die EU muss zwischen China und den USA ihren eigenen Weg finden. "Das KI-Zeitalter beginnt eigentlich erst", meint der TÜV-Chef, und schlägt einen kämpferischen inhaltlichen Ton an. "Wir sind eine Ingenieursnation." Deutschland sei "sehr, sehr stark im Maschinenbau, in der Robotik, in der Industrieautomatisierung". Deutschland könne "seine Erfolgsgeschichte im KI-Zeitalter fortsetzen". Dafür muss sich seiner Ansicht nach Europa technologisch emanzipieren.

Caspers beschreibt ein geopolitisches Wettrennen zwischen den USA und China dabei, wie KI überhaupt eingesetzt wird - entweder als Service, oder auf der eigenen IT-Infrastruktur mit Open-Source-Modellen. Leistungsfähige KI-Modelle in bestimmten Bereichen seien geostrategisch wichtig. Er erwähnt die französische KI Mistral und das vom kanadischen Cohere geschluckte deutsche Unternehmen Aleph Alpha. Dann wägt der Vize-BSI-Chef laut ab, ob er sich politisch äußern darf - macht es aber dann doch. "Kanada kann man inzwischen zur europäischen Sphäre zählen", meint er, und bedeutet, dass Deutschland sich technologisch von den USA unabhängig machen muss. "Wir haben glaube ich insbesondere im industriellen Bereich Lösungen, mit denen wir geostrategischen Herausforderungen insbesondere aus den USA und China begegnen können", so Caspers. 

Quelle: ntv.de

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