Politik

Auch AfD kennt den Antichristen"Das ist der Kern des ganzen America-, Germany-, Russia-first-Geredes"

02.11.2026, 19:43 Uhr rpeters_foto1x1Interview: Roland Peters, New York
00:00 / 12:27
image
Manche sehen US-Präsident Donald Trump als Gegenspieler des Antichristen. Doch die Definition des "Aufhalters" ist schwammig. (Foto: REUTERS)

Teile der internationalen Rechten sehen in der Klimaschutzbewegung und linken Strömungen Diener des Antichristen und als dessen Gegenspieler US-Präsident Trump. Der "hilft bei einer sehr konkreten Feindbestimmung", sagt der Historiker Volker Weiß im Interview. Die Religion sei nie weg gewesen aus der Politik. Mit deren Motiven wolle sich die Rechte die Welt nach ihrer Vorstellung gestalten. Die Tech-Milliardäre Peter Thiel und Elon Musk arbeiteten zudem "an einem für ihre Bedürfnisse maßgeschneiderten Staat".

ntv.de: Volker Weiß, weshalb bemühen manche Akteure der internationalen Rechten für ihre politischen Argumente den Antichristen, also eine religiöse Figur als Bedrohung? Reichen die anderen Feindbilder nicht aus?

Volker Weiß: Religion beansprucht eine endgültige Deutungshoheit für sich. Der Feind Gottes ist der Feind schlechthin, da ist keine Steigerung mehr möglich. Die Verwendung religiöser Motive verleiht einer Position daher etwas Unangreifbares und rechtfertigt besondere Maßnahmen. Schließlich muss Satan mit allen Mitteln zurückgeschlagen werden. Außerdem ist unsere Kultur tief von religiösen Bildern und Vorstellungen geprägt, sie wurden trotz Säkularisierung und "Entzauberung" der Welt auch noch in der Moderne unter der Oberfläche weitergetragen. Ihre Anrufung wird daher stets verstanden. Und schließlich gehören Religion und Nationalismus schon historisch zueinander. Kehrt das eine wieder, ist gewöhnlich auch das andere nicht weit.

Inwiefern gehören sie zusammen?

Auf mehreren Ebenen. Zunächst musste sich politische Herrschaft über viele Jahrhunderte religiös legitimieren, über dem Fürsten wiederum stand keine weltliche Instanz, sondern Gottes Gesetz. Das führte Thron und Altar zusammen. Der moderne Nationalismus wiederum beginnt Ende des 18. Jahrhunderts, die Nation zu sakralisieren. "Gott mit uns" stand in zwei Weltkriegen auf den Koppelschlössern deutscher Soldaten. Aber das ist keineswegs ein christliches Phänomen. Nationalreligiösität ist global über alle Religionen und Kulturen verbreitet, schauen Sie etwa in die Türkei, nach Russland oder selbst Indien.

Anzeige
Katechon: Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart
11
18,00 €

Sie schreiben in Ihrem Buch, die Diskussionen um den Katechon alias "Aufhalter" des Antichristen scheine "ein Spiel um Sieg und Niederlage zu sein, das dem Hauptzweck dient, Gut und Böse zu identifizieren". Ist der Antichrist innerhalb der internationalen Rechten eindeutig definiert oder je nach politischer Notwendigkeit unterschiedlich?

Tatsächlich hilft die Figur des Katechon bei einer sehr konkreten Feindbestimmung. Er ist ein unmittelbarer Gegenspieler des Antichristen und seiner Diener. Das Besondere an dieser Figur ist, dass sie eng mit Elementen der Moderne verknüpft ist. Sie bietet trügerische Sicherheit, um die Menschen zu verführen. Da liegt ihre Identifikation mit sozialer Absicherung, Friedenspolitik oder Umweltschutz nahe, von der Rechte stets behaupten, dies seien unrealistische Konzepte, die einer auf Konflikt und Dominanz ausgerichteten Natur des Menschen nicht entsprächen.

Und der sogenannte Katechon?

Bei diesem Motiv kommt hinzu, dass seine Gestalt völlig unklar ist und der Katechon daher einen immensen Interpretationsspielraum eröffnet. Laut Bibel offenbart sich der Aufhalter erst, wenn der Messias wiederkehrt. Wegen dieser Ungenauigkeit führt das in der Politik mitunter dazu, dass der Retter des einen der Satan des anderen ist.

Und warum bezeichnete AfD-Politiker Maximilian Krah den US-Präsidenten Donald Trump als Katechon? Wer ist dabei der Antichrist, und wen oder was genau soll Trump aufhalten?

Akteure wie Krah blenden die Katechon-Figur auf Trump, weil dieser mit der "regelbasierten Weltordnung" nach Belieben und noch viel mehr als seine sämtlichen Amtsvorgänger Schlitten fährt. In ihren Augen sind das genau die falschen Verlockungen, mit denen Satan die Menschen verführen will und die daher beseitigt werden müssen. Rein praktisch bedeutet das rücksichtslos freie Bahn für die nationalen Interessen. Das entspricht der Art, wie Krah und Konsorten die Welt einrichten wollen, und das ist der Kern des ganzen America-, Germany-, Russia-first-Geredes. Konkret freute sich Krah über Trumps militärische Schläge gegen Venezuela und Iran.

Volker-Weiss
Der Historiker Volker Weiß ist Experte für rechte Bewegungen. (Foto: Maximilian Gödecke / Klett-Cotta)

Führt das nicht zwangsläufig zu Weltbildkonflikten?

Ironischerweise wird der Iran seitens des russischen Ultranationalisten Alexander Dugin wiederum zum Katechon erklärt, der dem Satan USA trotzt. Gewissermaßen mit den gleichen Argumenten. Da ist die amerikanische Moderne die falsche Verlockung und der islamische Fundamentalismus die "realistische" Ordnung. Daran kann man sehen, wie wenig tragfähig diese Konstruktionen sind.

Der Tech-Milliardär Peter Thiel gibt seit Jahren Vorträge über die verschiedenen Gestalten des Antichristen und den Katechon, der dessen Sieg auf der Erde verhindere. Der Investor verknüpft das religiöse Konzept mit seinem Glauben an Fortschritt, der von demokratischen Kräften nicht aufgehalten werden darf. Er und die Tech-Rechte geben sich gesellschaftspolitisch konservativ, möchten aber keinen staatlichen Einfluss, also keine Regulierung. Wie passt das zusammen?

Thiels Interpretation ist sehr eigen. Er setzt auf die Technologie zur Lösung aller Probleme, solange sie nicht in der Hand des Antichristen - etwa China - ist. In seiner Technologiegläubigkeit ist er nicht konservativ in einem klassischen Sinne. Vielmehr identifiziert er Technologieskepsis, die lange ein Merkmal konservativer Bewegungen war, nun als satanisch. Wie bei den meisten Tech-Oligarchen ist sein Verhältnis zum Staat widersprüchlich. Wie Elon Musk fürchtet einerseits jede Kontrolle seiner Technologie und seiner wirtschaftlichen Handlungsfreiheit.

Das wiederum dürfte geschäftlich gesehen zu Widersprüchen führen.

Aus dieser Haltung resultiert wohl auch deren Bekämpfung der EU, da diese zu den wenigen Strukturen gehört, die tatsächliche Barrieren für die Tech-Monopole errichten könnten. Andererseits ist er auf Staaten als Kunden angewiesen. Sie wünschen also einen kaufkräftigen Staat, der ihnen zudem gesellschaftliche Probleme vom Leib hält, sie selbst aber nach Belieben schalten und walten lässt. Das ist das Projekt, ab dem diese Leute gerade arbeiten: ein Staat, der maßgeschneidert ist für ihre Bedürfnisse.

Wie Sie erwähnt haben, bewegt sich auch Alexander Dugin, der wohl einflussreichste Ideologe im Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putins, in diesem Gedankenumfeld. Für Dugin sind theologische Überlegungen wichtig, um die Politik des Kremls zu erklären. Wie sind die geopolitischen, territorialen Themen mit dem Antichristen und dem Katechon verknüpft?

Dugins Stichworte stimmen seit einiger Zeit immer mehr mit der realen russischen Politik überein. Grob gesagt wurde der Glaube wiederbelebt, dass das russische Imperium zur Schutzmacht der Christenheit berufen sei. Diese heilige Ordnung werde durch den westlichen Liberalismus und dessen "Dekadenz" bedroht, die versuchten, die Menschen vom rechten Pfad abzubringen. Darin findet sich erneut das Motiv des Antichristen, der durch einen Gegenspieler aufgehalten werden müsse. Dieser Gedanke war bereits zur Zeit des frühen Christentums mit einem konkreten Imperium verknüpft - damals dem römischen Reich. Moskau müsse nun als "Drittes Rom" agieren, womit eine imperiale Figur ins Spiel kommt, wird argumentiert - und mit ihr die Geopolitik.

Welche Rolle haben die beiden Figuren in Russland und im Ukraine-Krieg?

Aus dieser Sicht ist die Ukraine ein Werkzeug Satans, da sie nach Westen strebt. Zusätzlich werden historische Motive bemüht, wonach die Ukraine praktisch in Nachfolge Adolf Hitlers agiere. Und wer wolle schon bezweifeln, dass die Nazis das absolut Böse waren? Dass es auch russische Kollaboration und eine hohe Anzahl ukrainischer Opfer gab, fällt dabei unter den Tisch.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über den deutschen Juristen Carl Schmitt, einer der Grundlagengeber für die Nationalsozialisten. Welche Funktion haben dessen Ideen?

Schmitt zählt bis heute weltweit zu den wichtigsten Stichwortgebern autoritärer Strömungen, da er ein komplettes staatsphilosophisches Rechtfertigungsgerüst für die Diktatur geschaffen hat. In seinem Denken wird das politische Feld mit dem Freund-Feind-Schema strukturiert. Da liegt die Verbindung mit dem Katechon nahe, weil der für genau diese Bestimmung gebraucht wird. Schmitt selbst verwendet das Motiv dann während des Zweiten Weltkrieges. Nach 1945 sind dann alle Kräfte, die sich gegen die westlichen Sieger USA stellen, irgendwie Katechonten.

Ab und an klingen unter Konservativen und Rechten religiös gefärbte Vorwürfe gegen gesellschaftlich progressive Kräfte durch - etwa, dass diese ihre Positionen "predigten", als absolute Wahrheiten präsentierten oder abweichende Ansichten zum Schweigen brächten oder "canceln". In den USA werfen Teile der MAGA-Rechten den demokratischen Kräften vor, sie seien Teil einer messianischen Religion, aus der sich die Gesellschaft befreien müsse, um nicht unterzugehen. Wie ist das aus Ihrer Sicht zu verstehen?

Natürlich gibt es auch in linken und liberalen Strömungen problematische Elemente politischer Theologie. Da werden Einzelfragen zur Erlösung aufgebauscht, Ernährungsstile, sexuelle Gewohnheiten oder einzelne politische Konflikte werden zu einer Frage der Erlösung stilisiert und die Dialogfähigkeit nimmt ab. Das ist problematisch, aber ausgerechnet seitens MAGA ist diese Kritik absurd, da es dort noch wilder zugeht. Das ist wie das Gejammer über fehlende Meinungsfreiheit hierzulande von Leuten, die einfach keine Gegenrede ertragen können und sich selbst in Diktaturfantasien ergehen.

Halten Sie diese Rückkehr zu religiösen Motiven in der Politik für eine Mode oder möglicherweise für dauerhaft?

Ich denke, dass die Religion nie weg war. Ihre Reste finden sich überall. Gerade ein scheinbar rationales Feld wie die Wirtschaft ist tief von der Metaphysik geprägt - magische Geldvermehrung, Warenfetische, Schöpfungen aus dem Nichts - all das gehört zum Kapitalismus wie zur Religion. Insofern wundert mich die Anfälligkeit der westlichen Oligarchen für diese Motivwelt auch nicht. Spätestens mit dem Aufschwung des politischen Islam nach Ende des Kalten Krieges war klar, dass das Thema keineswegs erledigt ist. Inzwischen wird die säkulare westliche Ordnung von allen Seiten unter Druck gesetzt, auch aus den westlichen Gesellschaften selbst heraus, in denen sich zunehmend fundamentalistische Strömungen ausbreiten. Das Phänomen wird wohl bleiben.

Das Interview mit Volker Weiß wurde schriftlich von Roland Peters geführt.

Quelle: ntv.de

AfDDonald TrumpReligionenRechtsextremismusWladimir Putin