Historiker über Himmlers "Elite""Am Ende ähnelte ein Großteil der Waffen-SS einer Kolonialarmee"
Interview: Janis Peitsch
Ausgerechnet die extrem rassistische SS schuf eine der multiethnischsten Armeen des 20. Jahrhunderts: Rund eine Million Männer aus mehr als einem Dutzend Ländern dienten während des Zweiten Weltkriegs in der Waffen-SS. Sie war eine Elitetruppe - und an den schlimmsten Verbrechen des Nazi-Regimes beteiligt. Der dänische Militärhistoriker Niels Bo Poulsen hat zusammen mit den Wissenschaftlern Claus Bundgård Christensen und Peter Scharff Smith eine transnationale Gesamtdarstellung geschrieben, die nun auf Deutsch erschienen ist: "Die Waffen-SS 1933 bis heute". Im Interview mit ntv.de erklärt Poulsen, warum sich Heinrich Himmler für das Sexualleben seiner Männer interessierte, wie gerade Verbrechen die Kampfmoral stärkten und weshalb der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer die Veteranen der Waffen-SS "Soldaten wie andere auch" nannte.
ntv.de: Herr Poulsen, was war die Waffen-SS überhaupt?
Niels Bo Poulsen: Die Waffen-SS war ein militärisch organisierter Teil der SS und stand damit außerhalb von Staat und Wehrmacht. Anfangs war sie eher ein machtpolitisches Instrument der Nationalsozialisten als eine Armee. Ab 1933 wurden an verschiedenen Orten in Deutschland kasernierte SS-Einheiten aufgestellt, die eingreifen sollten, wenn Hitlers Herrschaft durch innere Feinde und Aufstände bedroht war - eine Art Prätorianergarde des "Dritten Reiches". Den Namen Waffen-SS trug die Truppe erst ab etwa 1940. Im Krieg wuchs sie dann von einer Handvoll Verbänden zu einer Armee mit Dutzenden Divisionen. Dabei wurde die Waffen-SS immer mehr zu einem Sammelsurium von Männern aus vielen Ländern, die sich in Herkunft, Motivation, Bewaffnung und Ausbildung stark unterschieden.
SS-Chef Heinrich Himmler wollte aus seinen Männern "politische Soldaten" machen. Was bedeutete das?
Man muss zwei grundsätzlich verschiedene Gruppen innerhalb der Waffen-SS unterscheiden. Zur Kerngruppe zählten Deutsche, "Volksdeutsche" und sogenannte germanische Freiwillige wie Norweger oder Niederländer. Für sie bedeutete es eine Totalisierung des Lebens. Diese Männer sollten nicht einfach Berufssoldaten sein, sondern einmal zur Führungsschicht Deutschlands und der besetzten Länder gehören. Alles in ihrem Leben sollte von der NS-Ideologie geprägt sein, bis hin zu den Möbeln im Haus. Die Männer sollten ihre Ehefrauen nach rassischen Kriterien auswählen und möglichst viele Kinder zeugen - Söhne, die einmal in ihre Fußstapfen treten würden. Die SS warb sogar dafür, den Heimaturlaub mit dem Zyklus der Ehefrau abzustimmen.
Und die andere Gruppe?
Das war die Peripherie, etwa Ukrainer, Russen oder Bosniaken. Für ihre Aufnahme wurde die Rassenideologie aufgeweicht. Auch sie wurden politisch geschult, aber anders: Die SS propagierte vor allem Antibolschewismus und Antisemitismus und versprach ihnen einen Platz in einem Europa unter deutscher Führung. Die Aussicht, Teil eines "neuen Adels" in Europa zu werden, war dagegen die Botschaft an die Kerngruppe.
Wer waren die Männer, die zur Waffen-SS gingen?
Bis Kriegsbeginn war die absolute Mehrheit deutsche Staatsbürger, die sich freiwillig meldeten. Mit dem Krieg kamen Rekruten aus den besetzten Ländern hinzu. Die "germanischen" Soldaten meldeten sich meist aus freien Stücken. Viele waren überzeugte Nationalsozialisten, andere trieben Antibolschewismus, Abenteuerlust oder materielle Not. Untersuchungen über dänische Freiwillige zeigen: Es waren in vieler Hinsicht ganz gewöhnliche Männer. Gemeinsam war ihnen vor allem eines: Sie kamen aus dänischen NS-Gruppen.
Und wer kam nicht freiwillig?
Zum Beispiel "Volksdeutsche" aus Rumänien oder Serbien und sowjetische Kriegsgefangene. Sie wurden mit Zwang und Drohungen rekrutiert, oder die Umstände ließen ihnen kaum eine Wahl. Viele Kriegsgefangene meldeten sich nur, um einem langsamen Tod im Lager zu entgehen. Sie waren häufig wenig motiviert und desertierten, sobald sich eine Gelegenheit bot. Allerdings darf man die Zwangsrekrutierten nicht über einen Kamm scheren. Lettische Soldaten etwa wurden ebenfalls zwangsrekrutiert, kämpften aber zumindest in Lettland mit hoher Motivation. Rekrutierungsbedingungen und innere Motivation waren also zwei verschiedene Dinge.
Warum wurde aus einer kleinen, streng ausgewählten Truppe schließlich eine riesige Armee?
Im Laufe des Krieges schwand Hitlers Vertrauen in das Heer, besonders nach der Niederlage von Stalingrad. In seinen Augen war es nicht genug vom Nationalsozialismus und vom verbissenen Siegeswillen durchdrungen. Die Waffen-SS bot ihm eine Alternative. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 übernahm Himmler zudem den Befehl über das Ersatzheer. Dadurch konnte er noch mehr Männer in die Waffen-SS lenken - darunter Zehntausende deutsche Wehrpflichtige, die ungefragt zugeteilt wurden.
In Ihrem Buch beschreiben Sie die Waffen-SS als eine Art "Kolonialarmee". Was ist damit gemeint?
Wer zur Kerngruppe gehörte, konnte Karriere machen. Männer der Peripherie dagegen sollten nie deutsche Soldaten befehligen. In den letzten Kriegsjahren ähnelte ein großer Teil der Waffen-SS einer Kolonialarmee, ähnlich wie die der Briten in Indien: ein Kern aus dem Mutterland, umgeben von einheimischen Verbänden, meist unter deutschen Offizieren. Weil der Krieg immer mehr Soldaten verschlang, war die SS auf die Männer der Peripherie angewiesen - und musste ihnen wie eine Kolonialmacht Zugeständnisse machen: Symbole und Riten ihrer Heimat, vage Versprechen von Autonomie. Als gleichwertig galten sie nie.
Die Waffen-SS hatte den Ruf einer Elitetruppe. Wie kampfstark war sie wirklich?
Zu Kriegsbeginn kämpfte sie taktisch nicht besonders gut. Das Offizierskorps war oft schlecht ausgebildet, die Verluste hoch. Mit der Zeit wuchs die Erfahrung, und einige der zuerst aufgestellten Divisionen waren durchaus leistungsfähig: Sie konnten den Alliierten bis in die Spätphase des Krieges Probleme bereiten. Insgesamt schwankte der militärische Wert der Einheiten aber stark. Die Beteiligung an Massenmorden stärkte die Kampfmoral. Sie schweißte die Männer zu einer Verbrechergemeinschaft zusammen - und ließ sie verbissener kämpfen. Die Logik der Soldaten: Wenn ich solche Grausamkeiten begehe, was tut der Feind dann mit mir und meiner Familie?
Wie eng gehörten militärischer Einsatz und Verbrechen zusammen?
Sehr eng. Für SS-Offiziere war vorgesehen, verschiedene Zweige der Organisation kennenzulernen: Wer zunächst eine Kampfeinheit führte, konnte danach eine KZ-Wachmannschaft übernehmen und anschließend in einen anderen Teil der SS wechseln. Auch Wachmannschaften der Konzentrationslager gehörten zur Waffen-SS. Militärische Organisation und Verbrechen waren damit zwei Seiten derselben Medaille. Wenn die SS Einheiten für Gräueltaten brauchte, waren Waffen-SS-Verbände deshalb die naheliegende Wahl - etwa für die Massenerschießungen von Juden an der Ostfront oder für die brutale Partisanenbekämpfung. Schließlich galten solche Taten als Teil des militärischen Einsatzes.
War die Waffen-SS brutaler als die Wehrmacht?
Für die Ostfront ist das schwer zu sagen. Dort begingen Einheiten beider Truppen schwere Verbrechen. Aufschlussreich ist der Westen: Als Wehrmachtseinheiten 1944 von der Ostfront nach Frankreich verlegt wurden, legten sie im Allgemeinen einige der brutalsten Praktiken ab. Waffen-SS-Einheiten dagegen setzten offenbar vieles von dem fort, was sie im Osten gelernt hatten, in Italien wie in Frankreich. Eines der deutlichsten Beispiele ist Oradour-sur-Glane, wo die Waffen-SS 642 Zivilisten ermordete.
In Ihrem Buch schildern Sie den Fall eines Waffen-SS-Offiziers, der etwa 1000 Juden erschoss und zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde - nicht wegen der Tötungen selbst, sondern wegen der Art, wie er tötete. Was sagt dieser Fall über das Selbstverständnis der SS?
Die SS hatte grundsätzlich keine Skrupel, Menschen zu töten, die sie als Feinde betrachtete - auch Zivilisten. Das Problem war in diesem Fall die Art und Weise des Tötens. Himmler sagte immer wieder, ein SS-Mann müsse "anständig" sein. Das hieß nicht, dass er nicht töten durfte. Er sollte vielmehr in der Lage sein, extreme Verbrechen kontrolliert und emotionslos zu begehen. Wer dabei betrunken war, sexuelle Motive hatte oder sadistische Befriedigung suchte, zeigte aus Himmlers Sicht, dass er sich nicht beherrschen konnte. Der Fall zeigt, wie es der SS-Ideologie gelang, eine Welt zu schaffen, in der man Millionen Menschen töten und sich trotzdem als anständiger Mensch verstehen konnte - weil man die Opfer nicht mehr als Menschen betrachtete.
Etwa 600.000 Männer der Waffen-SS haben den Krieg überlebt. Was wurde aus ihnen?
Das hing stark vom jeweiligen Land ab. In den baltischen Staaten etwa wurden ehemalige Waffen-SS-Männer nach der erneuten sowjetischen Besetzung verhaftet und verurteilt, danach standen sie häufig lebenslang unter Beobachtung. In Dänemark dagegen kamen die meisten nach anderthalb bis zwei Jahren Haft wieder frei. Einige ehemalige Offiziere flohen ins faschistische Spanien oder nach Südamerika. In der Bundesrepublik fanden die meisten nach der Gefangenschaft unauffällig ins Zivilleben zurück. Ab etwa 1949 entstanden Veteranenverbände, allen voran die HIAG. In ihnen sammelten sich wohl vor allem jene, die besonders hartnäckig an der nationalsozialistischen Ideologie festhielten.
Nie mehr als acht Prozent der Veteranen in der Bundesrepublik waren Mitglied der HIAG. Warum hielten gerade sie so lange zusammen?
Über die große Mehrheit wissen wir wenig - wir verlieren sie aus dem Blick, weil sie sich nie organisierte. Bei denen, die sich organisierten, stärkte schon die Gefangenschaft den Zusammenhalt. Die Alliierten behandelten Waffen-SS-Angehörige aus guten Gründen anders als gewöhnliche deutsche Soldaten, dadurch entwickelte sich eine neue Schicksalsgemeinschaft. Viele verband nach der Entlassung zudem ihr Wissen um Verbrechen anderer SS-Männer. Das schuf ein gemeinsames Interesse daran, zusammenzubleiben und zu schweigen.
Nach dem Krieg entstand der Mythos einer "sauberen" Waffen-SS. Wie erfolgreich war er?
In den frühen Jahren der Bundesrepublik durchaus. Selbst Bundeskanzler Konrad Adenauer erklärte, die Männer der Waffen-SS seien "Soldaten wie andere auch" gewesen. Die Veteranen waren mehrere Hunderttausend potenzielle Wähler, und verschiedene Parteien wollten sie für sich gewinnen. In den 60er und 70er Jahren begann der Mythos zu bröckeln: Proteste gegen SS-Veteranentreffen nahmen zu, später gingen auch die Parteien auf Distanz. Spätestens mit der Wehrmachtsausstellung in den 90er Jahren verlor der Mythos seine Kraft. Da auch die Wehrmacht Verbrechen begangen hatte, war die Formel von den "Soldaten wie andere auch" nichts mehr wert. Ihre Pointe war ja gewesen: Wir haben keine Verbrechen begangen, wir waren gewöhnliche Soldaten.
In Estland wurden dagegen 1999 die sterblichen Überreste des Waffen-SS-Offiziers Alfons Rebane mit militärischen Ehren umgebettet. Wie erklären Sie diese Form der Erinnerung?
Die Nachkriegserfahrungen in Ost und West waren völlig unterschiedlich. In Osteuropa wurde die Rückkehr der Roten Armee 1944/45 nicht als Befreiung erlebt, sondern als erneute Besetzung. Deshalb gelten ehemalige Waffen-SS-Angehörige dort teilweise als Nationalhelden. Das ist zumindest paradox: Estnische und lettische Waffen-SS-Soldaten waren am Holocaust beteiligt und dienten der NS-Diktatur. Zugleich waren viele zwangsweise eingezogen worden und wollten aus ihrer Sicht die Rote Armee von ihrer Heimat fernhalten.
Ich finde diese Art von Gedenken geschmacklos, will aber kein allzu hartes Urteil fällen, denn sie beruht auf einer anderen historischen Erfahrung als der meines Heimatlandes. Gott sei Dank wurde Dänemark im Mai 1945 von den Westalliierten befreit und konnte einen demokratischen Weg einschlagen.
Mit Niels Bo Poulsen sprach Janis Peitsch

