Panorama

Katholische KaderschmiedeStudie deckt düstere Vergangenheit im bayrischen Papst-Internat auf

08.10.2026, 18:52 Uhr
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Forscher sehen als Ursache für die Gewalt in St. Michael in der Überforderung des Personals. (Foto: imago stock&people)

Minderjährige wurden im Studienseminar St. Michael über Jahrzehnte misshandelt und erniedrigt. Das ergibt eine neue Studie. Die Untersuchung dokumentiert auch sexualisierte Übergriffe, sieht aber keine Hinweise auf systematischen Missbrauch.

Drohungen, Erniedrigungen, Ohrfeigen, Kopfnüsse - und der Zwang, das eigene Erbrochene zu essen: Eine Studie hat Gewaltvorfälle im katholischen Studienseminar St. Michael in Traunstein ans Tageslicht gebracht. Dort war einst auch Joseph Ratzinger, der später Papst Benedikt XVI., Schüler.

Die Studie bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 1960 und 1990. In diesen Jahren kam es nach Angaben der Projektleiterin und Autorin Judith Dubiski vom federführenden Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik zu verschiedenen Formen von Gewalt gegen minderjährige Schüler. Am häufigsten wurde den Angaben zufolge von psychischer und körperlicher Gewalt berichtet, die nicht in Einklang mit dem christlichen Anspruch der Einrichtung stand.

Die Wissenschaftler sehen eine "mangelnde Vorbereitung und Begleitung des Personals" und Überforderung, die oft Ursache der Gewalt gewesen sei. Außerdem gebe es Hinweise auf geistlichen Missbrauch und Machtmissbrauch - und auch auf einige Fälle von sexuellem Missbrauch von Erwachsenen an Minderjährigen sowie sexualisierte Gewalt zwischen gleichaltrigen Seminaristen. Es sei allerdings kein Fall bekanntgeworden, "wo ein Seminarist über einen längeren Zeitraum sexuellen Missbrauch erleben musste", sagte Dubiski.

Sexuelle Gewalt als "Zuwendung" getarnt

"Anders als bei psychischer und körperlicher Gewalt wurde sexualisierte Gewalt jedoch nicht als Sanktion eingesetzt, sondern war als "Zuwendung" getarnt", heißt es von den Autoren der Studie, die von betroffenen ehemaligen Schülern initiiert und vom Erzbistum München und Freising finanziert wurde. Auch die aktuelle Schulleitung unterstützt die Aufarbeitung ausdrücklich.

Das 1929 gegründete Internat in Oberbayern hat seinen Ruf als katholische Kaderschmiede vor allem deshalb, weil auch Joseph Ratzinger, der spätere deutsche Papst Benedikt XVI., dort einst Seminarist war. In den 1930er und 1940er Jahren - also vor dem in der Studie untersuchten Zeitraum - besuchte er dort das Gymnasium und blieb dem Haus auch später sehr verbunden.

2020 wurden erstmals Misshandlungsvorwürfe eines ehemaligen Bewohners öffentlich, danach meldeten sich weitere mutmaßliche Betroffene. 18 Monate lang forschten die Wissenschaftler, sichteten Akten und führten Interviews mit Betroffenen. Hinweise auf systematischen und strukturellen Missbrauch, wie er sich in ähnlichen Studien gezeigt habe, sehen die Wissenschaftler im Fall von St. Michael nicht.

Quelle: ntv.de, mba/dpa

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