Panorama

Eine für alleImpfstoff gegen Hass, Hetze oder Blödheit gesucht

04.10.2026, 07:36 Uhr imageEine Kolumne von Sabine Oelmann
00:00 / 08:03
image
Die Zentralstelle zur Bekämpfung von Hasskriminalität im Internet hat richtig viel zu tun.

Als Kolumnistin könnte man über die schönen Dinge des Lebens schreiben - Sektempfänge, Premieren, Strandpartys, Oktoberfest. Könnte man. Wird aber immer schwerer. Daher eine Bestandsaufnahme des Grauens.

Ich wollte zuerst darüber schreiben, wie mein 60. Geburtstag war und dass ich das jetzt überstanden habe. Es lässt sich jedoch schnell zusammenfassen: unfassbar schön. Lamentierte ich davor noch, jammerte ein wenig, laborierte und haderte, war ich ab 00.01 Uhr vor gut zwei Wochen einfach 60 und es war vollkommen prima. Weiter geht's.

Dann dachte ich darüber nach, wie es mal wieder mit etwas Belanglosem wäre, einem Text über Männer und Frauen und Schönheit, Wehwehchen, Beziehungsblabla und so. Aber auch das lässt sich für mich einfach beantworten: Innere Werte sind das Beste, redet miteinander, ernährt euch gesund, tanzt, und wenn ein Mann dann auch noch schön ist, und das ist ja bekanntlich Geschmackssache - was ist schon schön? - dann ist alles schöner. Angefangen beim Aufstehen morgens, endend beim Insbettgehen abends, und allem dazwischen. Mein Mann ist zum Glück schön. Kein Futter für einen ganzen Text. Was nun?

Darüber schreiben, was mich wirklich bewegt? Ja, das ist immer die beste Wahl, es muss pressieren, es muss raus! Es ist nicht witzig, es geht um Berlin. Es geht um Deutschland. Es geht um die Welt. Denn als mich neulich Sharon Brauner fragte, wohin sie gehen könnte, wenn sie Berlin verlassen würde, weil es für Jüdinnen und Juden in der Stadt zu ungemütlich (besser gesagt, zu unsicher, zu wenig lebenswert) wird, da hatte ich keine Antwort. Ich mag es überhaupt nicht, keine Antwort zu haben. Wir haben uns unterhalten, lange, und Sie konnten es gestern bereits lesen auf ntv.de (hier, wenn Sie es noch nicht gemacht haben). Und deswegen folgt jetzt ein dringender Appell an den Menschenverstand, soweit vorhanden. Denn was ich gar nicht aushalten konnte in meinem Gespräch mit ihr war die Tatsache, dass sie nicht mehr daran glaubte, dass sich zu ihren Lebzeiten noch irgendetwas zum Guten ändern würde.

Das ist auch schwer. Denn es ist schwer zu verstoffwechseln, was in der Welt gerade los ist. Als wäre ein Virus ausgebrochen. Ein Virus von Dummheit, Ignoranz, Borniertheit, Brutalität. Ich weiß nicht, wo ich zuerst anfangen soll. Sie verfolgen die Nachrichten, Sie wissen genauso gut wie ich, was los ist. Ich kann die "Vorfälle" nicht aufzählen, das hier soll ja kein Buch werden, sondern nur eine Kolumne. Wir dürfen das jedoch nicht zulassen. Wir müssen wieder anfangen, Menschen zu werden. Wir sind keine wilden Tiere - womit man übrigens jedem Tier gegenüber ungerecht wird, denn das Verhalten der Menschen momentan hat nichts mit Überleben, dem "Circle of Life" oder ähnlichen Gründen zu tun, weshalb ein Lebewesen normalerweise ein anderes Lebewesen jagt. Das Verhalten der Menschheit momentan ist mit nichts zu vergleichen, außer dem Verhalten von Menschen vor 100 Jahren, vor 500 Jahren, vor Tausenden Jahren. Menschen, die denken, dass sie besser sind als andere, die denken, sie hätten mehr Rechte als andere, die Dinge für sich beanspruchen und sie anderen absprechen. Ich dachte immer, dass die Menschen damals dümmer als wir heute gewesen sein müssen, wenn sie sich extrem fehlverhalten haben, dass sie es nicht besser wussten, nicht besser wissen konnten.

Gewisse Gruppen glauben, dass sie durch Einschüchterung und Gewalt und sofortige Umdrehung der Tatsachen, die sie dann in den sozialen Medien posten, ihre Taten rechtfertigen können. Sie glauben, sie könnten andere vertreiben oder mundtot machen, gar töten. Sie glauben, sie könnten durch Hetze und falsche Behauptungen ihre "Meinung", ihr krankes Weltbild rechtfertigen. Sie könnten beleidigen, verängstigen oder Räume einnehmen, die ihnen nicht zustehen. Dem ist nicht so.

Onkelchen Clan-Boss wird's schon richten

Glauben Sie wirklich, und jetzt mal Butter bei die Fische, dass die Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen ernsthaft Wohnraum schafft? Dass die Welt dadurch gerechter wird? Dass dadurch, dass man sich Wähler (mit unhaltbaren Versprechungen) aus dem Ausland ins eigene Land holt, eine sozialere Welt entsteht? Dass in einer Stadt eine lebendige Kultur herrschen kann, wenn man Minderheiten vertreibt? Dass eine Stadt sicherer wird, wenn der Verfassungsschutz abgeschafft und die Polizei dezimiert wird? Weil die Clans schon dafür sorgen werden, dass alles mit "rechten Dingen" zugehen wird? Dass jeder einfach so eingebürgert werden sollte, ohne die Sprache zu können oder die Regeln des Landes zu kennen? Das glaubt doch tatsächlich niemand! Oder? Dass es mehr Arbeitsplätze geben wird, wenn alles unter der Hand läuft? Dass das ehemalige Land der ehemaligen Dichter und Denker die Schulpflicht abschafft und an den Universitäten keine Diskussionen, sondern nur noch Protestaktionen laufen, bei denen niemand mehr niemandem zuhört, sondern nur noch "sein Ding" durchsetzen will, zur Not mit Gewalt? Das kann doch keiner glauben! Ich tue es nicht.

Man macht es sich zu einfach, die Wahl von extremen Rändern in der Politik mit "frischem Wind" oder "Progressivität" erklären zu wollen, weil es doch gleichzeitig bedeutet, dass die Sicherheit der meisten Bürger dadurch eingeschränkt wird. Ich kann nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte, wenn ich mir die Rechtfertigungen ansehe, die dazu führen, dass unsere Werte verloren gehen. Dass der Grund für vieles, was im Argen ist, nur bei "alten weißen Männern" gesucht wird. Bei denen liegt ganz viel Schuld, genauso wie bei alten weißen Frauen und bei denen, die nicht teilen können, die keine Visionen haben oder immer Recht behalten wollen, absolut einverstanden. Es bringt uns nicht voran, einfach nur immer "weiterzumachen". D'accord! Aber es bringt uns auch nicht weiter, andere Menschen mit anderen Ansichten, Religionen, Lebensvorstellungen, zu hetzen, zu verjagen, einzuschüchtern oder umzubringen. Es ist zum Verrücktwerden! Ich jedenfalls werde verrückt, es ist verrückt, die Welt ist ver-rückt.

Lieber nicht

Es wird jüdischen Eltern davon abgeraten, natürlich unter der Hand, ihre Kinder auf dieser oder jener Schule anzumelden. Es werden Frauen angegriffen, weil sie Kopftuch tragen. Oder keines. Oder einen zu kurzen Rock. Und wenn Sie jetzt sagen, was geht mich das an, ich bin nicht jüdisch und meine Kinder schon gar nicht, dann denken Sie einen Schritt weiter: Wenn ihr Kind eines Tages nach Hause kommt und verprügelt wurde, weil es queer ist, einem schwachen Mitschüler zur Seite stand, den falschen Namen hat oder einfach nicht ins Bild anderer passt, aus welchen Gründen auch immer, was machen Sie dann?

Denken wir doch bitte mal über unseren kleinen Pipikaka-Horizont hinaus, der nur unser eigenes Wohlergehen und "mir das Meiste" im Auge hat. Wer hat bitte eine Idee? Wer hat eine Medizin, einen Impfstoff für all' die Durchgedrehten, um uns wieder auf Kurs zu bringen? Wenn Sie bis hier gelesen haben - danke für Ihre Aufmerksamkeit und einen friedlichen Sonntag.

Quelle: ntv.de

KriminalitätGewaltDie LinkeAfDHasskommentare