Panorama

"Jeder muss tot"Drogenbanden in den Niederlanden agieren immer brutaler

14.10.2026, 18:25 Uhr
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Bei einer Schießerei in Overasselt wird ein Mann getötet, zwei Polizisten erleiden schwere Verletzungen. (Foto: picture alliance/dpa/Presseagentur Heitink/ANP)

Schwerbewaffnet ziehen Dutzende junge Männer durch ein Dorf. Sie haben den Auftrag, zu töten. Es folgt eine wilde Verfolgungsjagd. Die Bandenkriminalität in den Niederlanden eskaliert immer heftiger.

Es ist kurz vor vier Uhr morgens, als ein Geländewagen und ein Kleinbus im Dorf Overasselt halten. Dutzende vermummte Personen steigen aus. Sie sind bewaffnet, einige tragen Maschinengewehre. Wenig später hört man Schüsse. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, was in der Nacht zum 1. September in dem niederländischen Dorf gleich an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen geschah. Es sind gespenstische Szenen. Der 51 Jahre alte Berry L., ein privater Wachmann, wird erschossen. Zwei Polizisten werden schwer verletzt.

Es folgt eine beispiellose Jagd der Sondereinheiten der Polizei auf die Bande. Hubschrauber mit Scheinwerfern kreisen über dem Dorf. Die mutmaßlichen Täter verstecken sich in Maisfeldern, Gärten, unter Brücken. Das 3000-Seelen-Dorf ist im Ausnahmezustand. Etwa 40 Personen wurden inzwischen in mehreren Ländern festgenommen, viele stehen unter Mordverdacht.

Der Angriff galt dem Niederländer Jan G. Der 28-Jährige war wegen Drogendelikten zu vier Jahren Haft verurteilt worden, doch bis zum Berufungsverfahren war er auf freiem Fuß. Sein Haus war bereits zweimal zuvor beschossen worden. Jan G. wurde inzwischen in Deutschland nach einem niederländischen Haftbefehl festgenommen und soll ausgeliefert werden.

Neue Dimension des Verbrechens

Aus den Polizeiverhören, die nun dem Gericht vorgelegt wurden, zeigt sich eine neue Dimension des organisierten Verbrechens. Szenen, die nicht zum Land passten, sagte Justizminister David van Weel. Es gehe vermutlich um eine "kriminelle Abrechnung" von internationalen Banden. "Das sind Drogenkartelle, die Mafia. Die operieren über unsere Grenzen hinweg."

"Diese Gewalt ist heftig, aber keineswegs neu", betonte dagegen der Journalist Jan Meeus, Spezialist für das organisierte Verbrechen bei der renommierten Tageszeitung NRC Handelsblad. "Sie verdeutlicht das Ausmaß der niederländischen Drogenwirtschaft und die entscheidende Rolle, die niederländische kriminelle Netzwerke im weltweiten Drogenhandel spielen."

Das Land ist dank der guten Infrastruktur, der liberalen Drogenpolitik und dem größten Hafen Europas seit Jahrzehnten eine wichtige Drehscheibe im internationalen Drogenhandel. Und es ist führend bei der Produktion von synthetischen Drogen wie XTC.

Foltercontainer entdeckt

Abrechnungen und Konflikte führen immer wieder zu Morden und Schießereien. 2020 wird in einem Waldstück in der südöstlichen Provinz Brabant ein Foltercontainer entdeckt, ausgestattet mit Zahnarztstuhl, Hammer und Zangen. Ein Container nach diesem Vorbild tauchte inzwischen schon als gruselige Kulisse in einem deutschen "Tatort" auf.

Die Gewalt von Overasselt ist für den Journalisten Meeus auch ein Zeichen "für die Veränderung in der niederländischen Unterwelt." Wegen strengerer Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen verlagern Banden die Handelsrouten zum großen Teil nach Westafrika. Das Koks wird dann mit Speedbooten nach Spanien und Portugal gebracht. Niederländische Zwischenhändler müssen dort die Ware mit Lastwagen abholen.

1283 Kilo Koks verschwunden

Und offenbar ist auf diesem Weg eine Ladung Kokain verschwunden, der mögliche Anlass für den Angriff auf das Haus von Jan G. Zumindest suggeriert das ein Video, das kurz nach der Attacke im Internet kursierte.

Vier schwer bewaffnete und vermummte Männer richten sich an Jan G. Er habe 1283 Kilogramm Kokain gestohlen. "Du hast 12 Stunden, um das Zeug zurückzugeben", warnen sie in Englisch mit schwerem spanischem Akzent. Andernfalls würden sie "alle töten". Ermittler halten diese Drohung für plausibel und untersuchen das Video.

Ermittler vermuten auch, dass der Niederländer Jos L. hinter dem Auftrag steckt. Jos L., wegen seiner Körperfülle "Bolle Jos" (runder Jos) genannt, ist einer der international meistgesuchten Drogenhändler. Er wurde in den Niederlanden und Belgien bereits in Abwesenheit zu langen Gefängnisstrafen verurteilt und soll sich in Sierra Leone aufhalten. Sein Verteidiger bestreitet allerdings die Beteiligung seines Mandanten.

Die Gewalttat von Overasselt zeigt Experten zufolge auch die neue Arbeitsweise des organisierten Verbrechens. "Am beunruhigendsten ist, dass eine sehr große Gruppe von jungen Leuten bereit ist, solche Dinge für zweifellos sehr geringe Beträge zu tun", sagte Jasper van der Kemp, Kriminologe an der Freien Universität von Amsterdam. Es gehe um "Verbrechen als Dienstleistung".

Killer über soziale Medien angeheuert

Wie das funktioniert, ergibt sich aus den Verhören der Verdächtigen. Die meisten kennen einander nicht, sie kommen aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden. Sie seien über soziale Medien angeheuert worden, liest man in den Protokollen. Sie sollten 15.000 Euro verdienen, sagte ein Mann aus. "Es gibt 15K. Wir kriegen 7,5 heute, den Rest in max 2 Tagen."

Was sie dafür tun sollten, war den meisten angeblich unklar. Doch einige sagen, dass die Auftraggeber deutlich waren: Sie hätten gefragt: "Wer von euch hat schon mal jemanden getötet?" Und der Auftrag lautete, alle in dem Haus in Overasselt zu töten. "Ob Goldfisch oder Katze - jeder muss tot."

Quelle: ntv.de, Annette Birschel,dpa

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