Panorama

Ex-Schulleiter im Gespräch"Dass bildungsferne Familien kein Interesse am Erfolg ihrer Kinder haben, ist völliger Quatsch"

26.09.2026, 15:59 Uhr imageVon Torsten Landsberg
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Engin Çatık arbeitet inzwischen nicht mehr an Schulen. (Foto: IMAGO/Berlinfoto)

Als Schulleiter erwirbt sich Engin Çatık den Ruf, sogenannte Problemschulen zu befrieden - mit Empathie und konsequentem Handeln. Über sein Grundprinzip des radikalen Vertrauens hat er nun ein Buch geschrieben.

Nelson Mandela bezeichnete Bildung einmal als "mächtigste Waffe, die du verwenden kannst, um die Welt zu verändern". Besonders groß ist ihre Bedeutung in einer Wissensgesellschaft wie Deutschland, deren Wohlstand auf Kenntnissen und Innovationskraft beruht. Der Zustand des Bildungssystems spiegelt diese Bedeutung nicht wider: Lehrkräftemangel, Reformstau, marode Infrastruktur, mangelnde Chancengleichheit, unzureichende Digitalisierung. Auf das verheerende Ergebnis der aktuellen Pisa-Studie folgen im Bundeshaushalt für 2027 Kürzungen von rund einer Milliarde Euro im Bildungsbereich. Im Alltag bleibt es an den Lehrkräften hängen, diese Schwachstellen auszugleichen.

"Wir müssen weitermachen, jeden Tag aufs Neue", sagt der ehemalige Berliner Schulleiter Engin Çatık im Gespräch mit ntv.de. Über sein Grundprinzip hat er das Buch "Ich gebe niemanden auf - Wie radikales Vertrauen unsere Gesellschaft stärkt" geschrieben. Von der Weisheit, dass man sich Vertrauen verdienen müsse, hält er nicht viel. "Es gibt einen Unterschied zwischen radikalem und naivem Vertrauen." Man müsse einkalkulieren, dass der Vorschuss nicht zurückgezahlt werde. "Aber ich rede von Kindern und Jugendlichen, die nicht die besten Startbedingungen haben. Wenn ich denen nicht von vornherein vertraue und zutraue, dass sie Merkmale mitbringen, die ich nur zur Entfaltung bringen muss, dann fehlt die Grundlage für Lernerfolge."

Als "Schulretter" im Einsatz

Zweimal übernahm Çatık die Leitung von Einrichtungen, die gemeinhin als "Problemschule" bekannt waren. Die Sekundarschule, die er seit 2019 in Berlin-Tempelhof leitete, erhält inzwischen mehr Anmeldungen, als Plätze zur Verfügung stehen. Grund genug für die Bildungsverwaltung, ihn Anfang 2025 an eine Schule ins benachbarte Schöneberg zu versetzen, deren Kollegium zuvor in einem Brandbrief über Bedrohungen und Polizeieinsätze berichtet hatte. Die Medien nannten ihn bald "Schulretter".

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"Das wirkt so, als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen und könnte allen erklären, wie man Schule macht", sagt Çatık. Dabei konnten manche Kolleginnen und Kollegen fast auf mehr Berufsjahre zurückblicken, als er Lebensjahre hatte. "Es wäre echt fatal, wenn ich deren Erfahrungen nicht wertschätzen und ihren Dienst an der Gesellschaft nicht sehen würde." Zu seiner Akzeptanz hätten schnelle Erfolge beigetragen: Polizeieinsätze, Krankmeldungen, Umsetzungsanträge, die Zahl der Klassenkonferenzen - alle Kennzahlen seien binnen kurzer Zeit gesunken. "Da hat das Kollegium gesehen: 'Unser Schulalltag wird leichter. Okay, wir folgen dem mal.'"

Viele Probleme der Jugendlichen kennt Çatık aus seiner eigenen Biografie: Die Großeltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland, holten ihre Kinder aus der Türkei nach. Die lernten sich in Berlin kennen, heirateten jung. Der Vater verzockte Geld und landete im Gefängnis. Seine Mutter musste sich alleine um die vier Kinder kümmern, das Geld reichte selten. In einem Schulumfeld, in dem viele eine Zuwanderungsgeschichte mitbringen und von Armut betroffen sind, hat ihm das als Schulleiter einen kleinen Vertrauensvorschuss gebracht. "Für mich war das ein Anknüpfungspunkt, mit den Kids ins Gespräch zu kommen, eine Art Türöffner."

Nackenschellen sind nicht harmlos

Ein gutes Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülern sei entscheidend, um auch bei Fehlverhalten den Zugang zu behalten. Die Basis dafür habe er an der Schultür gelegt, wo er die Jugendlichen jeden Morgen begrüßte. Die Idee: "Sie nehmen mich in einer alltäglichen Situation wahr und gestehen mir viel eher zu, dass ich sie erziehen darf." Konsequentes Vorgehen müsse schon bei vermeintlich harmlosen Dingen beginnen, etwa Nackenschellen, die viele aus ihren Familien mitbrachten. "Das sind kleine Aggressionen, die sich normalisieren und in Gewalt enden können, wenn man das durchgehen lässt", sagt Çatık. Es sei wichtig, dass die Jugendlichen verstehen würden, warum Lehrkräfte einschreiten. "Es genügt nicht, denen zu sagen: 'Hör doch mal auf!' Wir müssen dafür sorgen, dass sie ein neues Verhalten erlernen und uns überraschen - und sich selber auch."

An beiden Schulen, die Çatık geleitet hat, lag der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit nichtdeutscher Herkunftssprache über 80 Prozent. Die Verengung auf Migration als Problem nerve ihn dennoch, sagt er: "Migration ist ein Aspekt der Problemlage vor Ort: Sprachdefizite, auch kulturelle Werte, die sich von dem unterscheiden, was wir in Mitteleuropa gewohnt sind." Es brauche dann Zeit und Geduld, auch im Umgang mit den Eltern. Er kann ihre Nöte nachvollziehen, ungeöffnete Briefe von Behörden kennt er aus seiner Kindheit. "Es heißt oft, dass sogenannte bildungsferne Familien kein Interesse am Erfolg ihrer Kinder hätten. Das ist völliger Quatsch." Häufig seien Armutsbelastung und Existenzsorgen die Ursachen, nicht zum Elternabend zu kommen oder beim Kuchenverkauf dabei zu sein - "nicht, weil ihnen die Zeit fehlt, sondern weil sie einfach mental und emotional belastet sind".

Çatık verschweigt nicht, dass es besonders schwierige Fälle gibt, in denen sich Schüler aus streng-muslimischen Haushalten einer offenen Gesellschaft verweigern, ein homophobes, antisemitisches oder frauenfeindliches Weltbild mitbringen. "Wir kommen an unsere Grenzen bei Eltern oder Familien, die kein Interesse daran haben, unsere Werte zu übernehmen." Seine Verantwortung als Schulleiter habe aber immer den Jugendlichen gegolten. Während seiner Zeit als Referendar in Cottbus habe er auch mit Familien aus dem rechten Milieu zu tun gehabt. "Es ist nicht Aufgabe der Lehrkräfte, diese Eltern zu bearbeiten. Ich muss den Schülern zeigen, dass es gesellschaftliche Werte gibt, die sich von den Familienwerten unterscheiden." Auch in diesen Situationen gelte sein Prinzip vom radikalen Vertrauen. "Sie müssen von mir hören, dass ich sie als Menschen nicht abstemple." Auch in ihm hätten Lehrer oder Fußballtrainer früher mehr gesehen als den Jungen aus einem armen Elternhaus.

Manchmal zahlen sich die Mühen aus. "Wenn Mädchen aus Familien mit einem extremen traditionellen Rollenbild kommen und sagen: 'Nö, ich will jetzt erst mal eine Ausbildung machen und ich heirate nicht', dann ist das sehr erfüllend, man spürt diese Selbstwirksamkeit." In anderen Momenten gelte es dagegen zu akzeptieren, dass der eigene Wirkungskreis begrenzt sei und der Einfluss des sozialen Umfelds aus Familie oder Freundeskreis überwiege. "Wenn ich gespürt habe, ein Schüler geht mir verloren, dann fiel mir das wirklich schwer", sagt Çatık.

Kürzlich hat er die Schule verlassen und eine Leitungsfunktion am Berliner Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung an Schulen übernommen. Er möchte, dass Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern neben Deutsch und Mathe auch dabei helfen, soziale Kompetenzen zu erwerben, die Artikel 1 des Grundgesetzes wahren und schützen. Der Bildungsauftrag beschränke sich nicht auf die Schulzeit, sondern wirke in die Gesellschaft hinein. "Wo wollen wir als Gesellschaft hin, wie wollen wir miteinander umgehen?", sagt Çatık. "Ich habe daran ein ganz egoistisches Interesse: Ich habe drei Söhne und ich möchte, dass sie Menschen begegnen, die sich an die Regeln und Gesetze unserer Gesellschaft halten."

Quelle: ntv.de

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