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Buchmesseland TschechienEs muss nicht immer Kafka sein

04.10.2026, 11:58 Uhr
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Eine Droge, gewonnen aus dem Fleisch von Papageien. Das ist nur ein Thema in tschechischer Literatur von heute. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Drei tschechische Debüts führen in verstörende Welten: Ein rätselhaftes Wesen, eine schwebende Kugel und Menschen, die nach dem Genuss von Papageienfleisch voller Blutdurst sind, stellen Annahmen über Liebe, Umwelt und gesellschaftlichen Zusammenhalt radikal infrage.

Mysteriöses Wesen aus der Grusel-Steppe

Am Rande einer Stadt, inmitten einer verwahrlosten Einöde, finden Sára und Adam ein rätselhaftes Wesen. Ein Wesen, das weder Mensch noch Tier zu sein scheint - oder vielleicht eine Mischung aus beidem? "Der Körper ist klein, fragil. [...] Dünne Schläuche, verflochten mit den Ranken des Gestrüpps, verheddert wie Kopfhörerkabel. Ein Stück Fleisch, oder nur ein Lumpen. Ein tierischer Geruch", beschreibt Adam dieses Etwas.

Sára entwickelt sofort mütterliche Gefühle, tauft es Flora. Und obwohl Adam das Wesen so gar nicht geheuer ist, gibt er dem Wunsch seiner Freundin nach: Sie nehmen Flora bei sich auf. Sáras Bindung zu Flora wird immer tiefer, sie ist fast schon besessen. Doch dann geschehen auf einmal unerklärliche Dinge und Adam vermutet, dass Flora dahintersteckt. Als seine Freundin plötzlich in ernste Gefahr gerät, sieht er sich gezwungen, zu handeln.

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In seinem Romandebüt "Flora" wirft der tschechische Schriftsteller Jonas Zboril (übersetzt von Sophia Marzolff) große Fragen auf: Wie gehen wir mit unserer Umwelt um? Welchen Einfluss hat Künstliche Intelligenz auf uns, unseren Planeten und unsere Körper? Und wie können junge Eltern auch mit zwiespältigen Gefühlen einen Umgang finden? All dem geht er in einer mysteriösen, fast schon gruseligen Welt nach, in der Fantasie und Realität miteinander zu verschwimmen scheinen. (apr)

Sinnlosigkeit überall

Mysteriös und ein wenig gruselig - das trifft auch auf den Debütroman "Die Kugel" von Klára Vlasáková (ebenfalls übersetzt von Sophia Marzolff) zu. Bei ihr ist es die titelgebende Kugel ("ein seltsam phosphoreszierendes, rundes Gebilde von etwa drei Meter Durchmesser"), die plötzlich ein paar Fußbreit über der Pfarrwiese einer mittelgroßen Stadt schwebt. Und da bleibt sie einfach und die Menschen versuchen, ihr Sinn zu entlocken - Sinn, der ihrem Leben fehlt.

Das alltägliche Leben beschreibt Vlasáková als fürchterlich deprimierend, ziel- und freudlos. Anhand der fünfköpfigen Familie um Ema und Oto reißt die Autorin eine enorme Bandbreite von Themen an: Oto verliert seine Arbeit an Roboter und kommt mit erstarkenden populistischen Bewegungen in Kontakt, es herrscht eine unerträgliche Hitze, die Gesellschaft ist dauererschöpft und Tablettensucht allgegenwärtig.

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Seit die Kugel da ist, fallen viele in langanhaltenden Schlaf, entkoppeln sich von der Realität oder werden, wie Emas und Otos jüngste Tochter, von Albträumen geplagt. Und irgendwie hoffen alle darauf, dass sich etwas verändert. Aber werden es die Menschen schaffen, gemeinsam die Rätselhaftigkeit der Kugel zu ergründen? Vlasáková hat eine beklemmende Dystopie geschrieben, über die sich lange nachdenken lässt. (kse)

Schlägerenergie aus Papageienfleisch

In einer zunehmend gewalttätigen, absurden und dystopischen Welt wird auch die Ich-Erzählerin in Kristina Hamplovás "Lover/Fighter" (übersetzt von Kathrin Janka) erwachsen. 2014 jagen sich darin Teenagerinnen im Wald von Brdy. 2019 entsteht aus einem Konflikt zwischen Kinderbanden und Skaterinnen auf dem Prager Letná-Plateau ein gigantischer Straßenkampf. 2023 verwandelt sich die Liebesbeziehung zwischen zwei Mädchen in einen Kampf auf Leben und Tod. 2031 muss die Heldin schließlich in einer ausgetrockneten Stadt gegen durstige Tiere bestehen.

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Offenbar haben all diese Ereignisse eine Verbindung zu der unberechenbaren Substanz, die aus dem blauen Fleisch von Papageien gewonnen wird. "Der akute psychotische Zustand nach dem Verzehr des Papageienfleischs setzt gewöhnlich binnen einer Stunde ein. Es ist eine warme blutdürstige Lust, gegen die anzukämpfen sinnlos ist." Eine Lust, einander entschlossen und ohne Rücksicht auf Verluste an die Gurgel zu gehen, wohlgemerkt.

Hamplová baut in ihrem Debüt aus diesem Setting eine Geschichte, die an manchen Stellen nicht hundertprozentig aufgeht und trotzdem ein Tempo und eine Faszination entwickelt, die Lesende geradezu atemlos durch die knapp 140 Seiten treibt. Der Text ist voller Anspielungen auf popkulturelle Erfahrungen der in den 1990er Jahren geborenen Generation inklusive einer queeren Liebesgeschichte, dem Erleben einer sich wandelnden Arbeitswelt und dem Wachstum vom Konfliktlagen, die sich Jahrzehnte später entladen. Eine echte Entdeckung des Buchmesselands. (sba)

Quelle: ntv.de, sba/kse/apr

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