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Bischof: "Mir fehlen die Worte"Zank um Sohn von Hatun Sürücü

19.04.2006, 12:59 Uhr

Die Experten sind sich einig: Die Familie der ermordeten Hatun Sürücü wird wohl nicht das Sorgerecht für deren Sohn erhalten. Bischof Huber nannte den Mord ein "kollektives Verbrechen".

Die Übertragung des Sorgerechts für den sechsjährigen Sohn der ermordeten Hatun Sürücü an deren Familie ist nach Ansicht der Berliner Rechtsanwaltskammer unwahrscheinlich. Ihr Vertrauen in das Familiengericht sei groß, sagte Margarete von Galen, Präsidentin der Rechtsanwaltskammer, im Deutschlandradio. Unterdessen äußerte sich auch der Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, zu dem Fall. Es handele sich um "ein kollektives Verbrechen einer ganzen Familie", erklärte er gegenüber der "Bild"-Zeitung.

Von Galen betonte: "Bei der Entscheidung darüber, wer das Sorgerecht erhält, geht es um das Kindeswohl." Nach dem Urteil im "Ehrenmord"-Prozess hatte die Familie der Getöteten mit ihrer Forderung nach dem Sorgerecht für den Sohn parteiübergreifend Empörung ausgelöst. Der Sechsjährige lebt zur Zeit bei Pflegeeltern.

Das Berliner Landgericht hatte am vergangenen Donnerstag den jüngsten Bruder des Opfers wegen Mordes an seiner Schwester zu neun Jahren und drei Monaten Jugendhaft verurteilt. Er hatte die 23-Jährige wegen ihres westlichen Lebensstils erschossen und wollte mit der Tat aus Sicht des Gerichtes die "Ehre" der ostanatolischen Familie wiederherstellen. Zwei mitangeklagte Brüder wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Das Urteil wurde von der Familie mit Jubel aufgenommen.

"Das hat mit Ehre nichts zu tun"

Huber sagte, er nehme in diesem Zusammenhang das Wort Ehrenmord "nicht einmal in Anführungszeichen in den Mund, das hat mit Ehre nichts zu tun". "Und der Gedanke, dass erst die Mutter ums Leben gebracht wird und dass dann die Angehörigen das Sorgerecht beanspruchen, ist ein derartiger Zynismus, dass mir die Worte fehlen."

Auch nach Ansicht des Lehrbeauftragten für Familienrecht an der Humboldt-Universität, Max Braeuer, hat die Familie keine Chance. Regelungen für die elterliche Sorge gebe es nur für den Vater eines Kindes, für andere Verwandte nicht, sagte Braeuer der "Berliner Zeitung". Die Schwester könnte höchstens einen Antrag auf Vormundschaft stellen. Aber auch diese Chancen seien gering.

Sohn geht es gut

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wandte sich entschieden gegen die Bestrebungen der Familie. "Der Skandal dieses 'Ehrenmordes' wird ja gewissermaßen noch einmal potenziert, indem jetzt noch diejenigen, die das betrieben haben, das Sorgerecht für das Kind haben wollen", sagte Schäuble. Er hoffe, dass es dazu nicht komme. "Und es darf auch nicht dazu kommen", fügte er hinzu.

Inzwischen hat sich die Jugendstadträtin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD), erstmals zum Zustand des Sechsjährigen geäußert. In der Berliner Zeitung "B.Z." sagte sie: "Hatuns Sohn geht es den Umständen entsprechend gut." Das Wichtigste sei jetzt, die Anonymität seiner Pflegefamilie zu wahren, damit er zur Ruhe komme. Sollten die Anträge der Familie abgewiesen werden, werde das Kind voraussichtlich bei seiner jetzigen Pflegefamilie bleiben, heißt es in dem Bericht.

Hatun Sürücü