"The Brave" mit Depp und BrandoWürdest du für 50.000 Dollar sterben?

Der Indianer Raphael lebt mit Frau und Kindern auf eine Müllhalde - und findet keine Arbeit. Da macht ihm ein mysteriöser alter Mann ein Angebot: Für 50.000 Dollar soll sich Raphael vor laufender Kamera foltern und hinrichten lassen.
Raphael ist Indianer. In der Gesellschaft konnte er deshalb nie Fuß fassen, er hatte nie eine Chance dazu. Deshalb lebt er mit seiner hübschen Ehefrau und seinen beiden Kindern auf einer Müllhalde irgendwo in der Wüste. Die nächste Stadt ist ebenso meilenweit entfernt, wie ein möglicher Job. Über die Runden kommt die Familie nur, weil Raphael ab und an ein krummes Ding dreht. Oder besser gedreht hat.
Sein letzter Gefängnisaufenthalt dauerte drei Jahre. Drei Jahre, in der er seinen Sohn nicht gesehen hat, seine Tochter und seine Frau auch nicht. Drei Jahre, die längsten seines Lebens. Kriminellen Machenschaften hat er deshalb den Rücken gekehrt. Die Ausweglosigkeit seines Daseins wird ihm dadurch nur bewusster. Wie soll es bloß weitergehen? Was soll aus seinen Kindern werden? Was aus seiner Frau? Sie alle haben doch ein besseres Leben verdient als das, was sie gerade führen.
Ein unmoralisches Angebot
Und so macht er sich auf zu einer alten Industrieanlage. Dort soll es einen Job für ihn geben, hat es zumindest in einer Bar in der Stadt geheißen. Raphael muss sich dutzende Fragen anhören, sein ganzes Leben wird durchleuchtet. Danach geht es in die Katakomben des heruntergekommenen Gebäudes. Raphael wird in einen Verschlag geführt und trifft dort auf den alten, kranken Mr. McCarthy. Und der macht ihm ein unmoralisches Angebot.
Raphael bekommt 50.000 Dollar, wenn er sich vor laufender Kamera foltern und hinrichten lässt. Der Indianer ist gefasst, er verhandelt nicht nach, fragt nur, wenn er wieder in den in den Katakomben auftauchen soll. McCarthy gibt ihm eine Woche - und einen Vorschuss.
Lange zwei Stunden
Und Raphael gibt das Geld aus. Für seine Familie. Ein neuer Fernseher kommt in den Verschlag, den er und seine Familie ihr Zuhause nennen. Zudem bringt er endlich den kleinen Jahrmarkt vor seiner Haustür in Schuss. Ein altes Hobby, das er nun zu den Akten legen kann.
Überhaupt - mit jedem Tag, den sein Tod näher rückt, wird Raphael immer deutlicher bewusst, wie sehr er gebraucht wird: von seiner Frau, seinem Sohn, seiner kleinen Tochter, von den Menschen um ihn herum, der kleinen zusammengewürfelten Gemeinde Aussätziger. Er führt Mann-zu-Mann-Gespräche mit seinem Sohn, bringt seine Tochter zum Lachen, liebt seine Frau - und macht sich am siebten Tag auf, seinem Schicksal zu begegnen.
Ein Schicksal, das am Ende auch anders hätte aussehen können. Vielleicht sogar aussehen müssen. Das ist der Vorwurf, den man Johnny Depp machen muss. Er ist Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person. Er hat sich der Erzählung von Gregory McDonald angenommen und sie in knapp zwei Stunden Film inszeniert. Lange zwei Stunden.
Das erste Wort fällt erst nach rund elf Minuten. Der Zuschauer ahnt da schon, dass er einen ruhig erzählten Film vor sich hat. Das ändert sich auch bis zum Ende nicht. Bis auf eine Schlägerei, die dann allerdings ausartet, kommt der Film auch völlig gewaltfrei daher. "The Brave" zielt vielmehr auf die Gedankengänge der Zuschauer ab, wenn sie sich vorstellen, wie es denn nun eigentlich weitergeht: Haut Raphael mit dem Vorschuss und seiner Familie einfach ab? Nein, macht er nicht. Lässt er McCarthys Laden auffliegen? Nein. Bäumt er sich gegen sein Schicksal und den sicheren Tod auf? Nein, auch das tut der durch und durch gutmütige Indianer nicht.
Tapfer sein!
Klar, es macht Spaß zu sehen, wie sich Raphael liebevoll um seine Familie kümmert. Wie er versucht, alles so zu regeln, dass es ihr nach seinem Tod gut geht. Dafür offenbart der sonst Ungläubige sich in der Beichte dem Pfarrer und bittet ihn darum, McCarthys Geld seiner Frau zu übergeben. Er sei der Einzige, dem er dahingehend vertraue. Der Pfarrer lehnt ab, ein Teil bei einem Selbstmord zu sein, das sei eine Todsünde.
Kann man vielleicht verstehen, aber ein kleines Happy End hätte "The Brave" doch schon verdient gehabt. Denn auch schauspielerisch liefern die Darsteller nichts Besonderes ab. Depp? Hohes Niveau, ja, aber nichts Außergewöhnliches. Auch Brando kann nicht brillieren, dafür hätte McCarthy mehr Filmzeit bekommen müssen. Und so bleiben am Ende von "The Brave", der 1997 in die Kinos kam und jetzt erstmals von Capelight auf Blu-ray veröffentlicht wird, viele Fragen offen - und der Zuschauer irgendwie unbefriedigt zurück.