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PressestimmenWas kommt nach Arafat?

12.11.2004, 10:28 Uhr

Die Trauer über den Tod Arafats hält sich in den Kommentaren vieler großer Tageszeitungen in Grenzen. Die meisten Autoren beschäftigen sich mit der Frage, was nach dem Palästinenserführer kommt und was aus dem Friedensprozess wird.

Die Trauer über den Tod Arafats hält sich in den Kommentaren vieler großer Tageszeitungen in Grenzen. Die meisten Autoren beschäftigen sich mit der Frage, was nach dem Palästinenserführer kommt und was aus dem Friedensprozess wird.

Die russische "Gaseta" weint dem PLO-Chef keine Träne nach. "Der gestorbene Jassir Arafat geht als Begründer des modernen Terrorismus in die Geschichte ein. Auf seine Genialität sind die heutigen Organisationsstrukturen aller Terrorgruppen auf der Welt zurückzuführen. Arafat beherrschte das politische Manövrieren virtuos. Er hatte als erster Partisanenführer begriffen, dass man seine Ziele nur durch legale und illegale Einsätze erreichen kann. Indem Arafat seine Untergrundkämpfer in einen politischen und einen militärischen Flügel aufteilte, konnte er ständig mit dem Widerspruch zwischen gemäßigten und extremistischen Kräften spielen. Diese Taktik trägt noch heute überall ihre Früchte."

Ganz anders sieht das die ungarische "Nepszabadsag": "Er wird nicht als Vater der Terroristen in die Geschichte eingehen; diese Bezeichnung wäre unwahr und falsch. Seinen Krieg musste er mindestens in gleicher Intensität gegen Israel führen wie gegen seine arabischen Brüder, die ihn am liebsten eingesperrt hätten. Seine Tragödie ist es, dass sich die Proklamation des eigenständigen Palästinenserstaates, sein wahrer Lebenstraum, nicht erfüllt hat. Es ist eine Tragödie, in der der Held selbst bei seinem Fall die Schlüsselrolle spielte."

Was nun aus dem Friedensprozess wird, fragt die "Berner Zeitung". "Arafat hat den Kampf der Palästinenser für einen eigenen Staat über Jahrzehnte geprägt. Ein Held war er für die Palästinenser und zugleich eine Angst- und Hassgestalt für die Israeli. Ob der blockierte Friedensprozess nach seinem Tod wieder in Gang kommen kann, ist die Frage der Stunde. Doch die Forderung, dass vor Verhandlungen der Terror aufhören müsse, ist unrealistischer denn je, denn die Kontrolle darüber ist der palästinensischen Führung längst entglitten. Israels Premier Ariel Scharon hat seinen Widerpart Arafat überlebt und hat nun die Chance, in die Geschichte einzugehen als der Mann, der die Weichen für ein friedliches Nebeneinander mit den Palästinensern gestellt hat."

"Scheinlösungen wie der von Scharon angekündigte Rückzug aus Gaza werden nicht weiterhelfen", schreibt der in Zürich erscheinende "Tages-Anzeiger". "Auch in einem neuen Friedensanlauf werden mit der israelischen und der palästinensischen Regierung ungleiche Parteien am Tisch sitzen; ungleich, was ihre Macht, und ungleich, was das Gewicht ihrer Interessen betrifft. An den USA und den Europäern wird es liegen, als Vermittler einen gerechten Ausgleich durchzusetzen."

"Le Figaro" setzt auf die Vernunft: "Arafats Tod könnte eine einzigartige Chance für den Frieden sein. Verhandlungen können nicht mehr abgelehnt werden, weil Arafat als Verhandlungspartner abgelehnt wird. Der israelische Premierminister Ariel Scharon hat sein Alibi verloren." Skeptischer ist "De Morgen" aus Brüssel: "Das Scharon-Israel hat ihn immer ein Teil des Problems genannt, ihn als Gesprächspartner abgelehnt und ihn eingesperrt in Ramallah, wo er nun begraben werden soll, aber Arafat ist mindestens ebenso sehr ein Teil der Lösung. Er war der einzige, der seinem Volk eine mögliche schmerzhafte Einigung mit Israel verkaufen konnte, und in einem so lange andauernden Konflikt können nur schmerzhafte Kompromisse geschlossen werden."

Den nächsten Zug müssen nach Auffassung des "Algemeen Dagblad" aus den Niederlanden auf jeden Fall die Israelis machen: "Sein Tod legt Israel eine große Verantwortung auf. Dort wurde Arafat ja immer als größtes Hindernis auf dem Weg zum Frieden bezeichnet. Jetzt ist das Hindernis Arafat verschwunden. Theoretisch steht Israel nichts mehr im Weg, die früher abgelehnten "großzügigen" Vorschläge neu zu beleben - in der Gewissheit, dass die Palästinenser nicht mit weniger zufrieden sein werden und dass Friede erst möglich ist, wenn ein für beide Seiten akzeptabler Vorschlag auf dem Verhandlungstisch liegt."

Jassir Arafat