Ein Mythos erwacht zum Leben"The Forest" wird dich holen

Eineiige Zwillinge, ein dunkler Wald und der heilige Berg der Japaner: Das klingt nach viel Mystik - und macht Lust, wenn das alles gekonnt mit einer guten Story zu einem bildgewaltigen Horrorfilm verwoben wird. Wäre da nicht ein kleines "aber".
Der Wald ist der perfekte Schauplatz für Horrorfilme. Das ist schon bei den Gebrüder Grimm angelegt, die Hänsel und Gretel sich darin verlaufen und ums nackte Überleben gegen eine böse Hexe kämpfen ließen. Die Märchensammler verliehen dem Wald etwas Düsteres und Unheilvolles, das sich in den Köpfen von Generationen von Kindern eingebrannt hat: Gehst du in den dunklen Wald, warten Gefahr und vielleicht der Tod auf dich. Ein Traum für jeden Horrorregisseur!
Die Größe und Lage des Waldstücks ist dabei unerheblich, so omnipräsent ist diese Angst. Wenn man als Regiedebütant es aber so richtig krachen lassen will, lässt man den Filmplot am Besten im Aokigahara spielen, gelegen am Fuß des mystischsten Berg Japans, dem Fuji. Dazu noch ein blendend aussehendes weibliches, eineiiges Zwillingspaar, eine ambitionierte Jungschauspielerin bekannt aus der TV-Kultserie "Game of Thrones" und schon kann der Grusel seinen Lauf nehmen.
Es ist nur so ein Gefühl ...
Klingt zu einfach, oder? Aber genau das ist das Rezept von Regisseur Jason Zada. Sara (Natalie Dormer; "Game of Thrones") und Jess sind eineiige Zwillinge, dazu US-Bürger. Aber wie das immer so ist: Ein einschneidendes Erlebnis in ihrer gemeinsamen Kindheit hat ihre Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Während Jess den tödlichen Autounfall ihrer Eltern mit ansehen muss, bleibt Sara das erspart. Erwachsen geworden, dreht Jess etwas am Rad, bricht aus, lebt das gefährlichere Leben der beiden Zwillingsschwestern.
So wundert es Sara erst einmal nicht, dass Jess eines Tages verschollen ist. Das kam schon häufiger vor in der Vergangenheit. Sara weiß zumindest, dass Jess in Japan weilt. Dann beschleicht sie aber plötzlich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Sie macht sich sofort auf die Suche nach Jess und fliegt nach Japan.
Dort findet sie schnell heraus, dass Jess den Aokigahara aufsuchen wollte. Der Wald ist in Japan und auch über die Landesgrenzen hinaus als Selbstmordwald bekannt. Wer seinem Leben ein Ende setzen will, reist an den Fuß des Fuji, betritt den Aokigahara und wandelt abseits der offiziellen Wege. Sara folgt ihrer Schwester.
Ein Wald mit düsterer Geschichte
Im Aokigahara angekommen, wird sie schnell mit jeder Menge Warnungen der Einheimischen konfrontiert: Wie bei Hänsel und Gretel schafften Familien in harten Zeiten, in denen es nicht genug zu essen für alle gab, die Kranken und Schwachen in diesen Wald und ließen sie dort zum Sterben zurück. Manche gingen auch freiwillig. Man sagt, ihre Geister wandeln noch heute dort herum, finden aber keine Ruhe. Sie kommen zurück. Sie kommen wütend zurück. Abseits der Waldwege und des Nachts konfrontieren sie die Menschen dann mit ihren Ängsten und treiben sie so in den Selbstmord.
Sara hält das Ganze für Humbug. Sie weiß, dass ihre Schwester noch lebt. Das sagt ihr ihr Zwillingsgespür. Aber sie steckt in Schwierigkeiten. Sie will Jess suchen, allein und ohne jede Hilfe, wenn es sein muss. Aber in einer Bar lernt sie einen jungen australischen Journalisten kennen, der über den Aokigahara als Selbstmordwald eine Story schreibt. Sie machen einen Deal: Rob (Eoin Macken; "Centurion", "Savage"), so sein Name, überredet seinen einheimischen Führer, dass Sara mitkommen darf. Sie liefert ihm dafür die menschliche Seite seiner Story.
Und tatsächlich: Nachdem sie auf ihrer Tour den ersten Erhängten abseits des Weges gefunden haben, stoßen sie im späteren Tagesverlauf auf Jess' Zelt. Sara ist glücklich: Wer nimmt schon ein Zelt mit, wenn er vorhat, sich umzubringen? Aber es wird zu schnell dunkel. Der Scout will umkehren, Sara nicht. Sie schlägt alle Warnungen in den Wind - und ist froh, dass Rob am Ende bei ihr bleibt. Aber den Geistern des Aokigahara ist das egal, sie haben Sara und ihre Ängste langst gewittert, und ihr Blutdurst muss gestillt werden.
Jammern auf hohem Niveau
Klingt doch alles sehr brauchbar? "The Forest" zieht einen absolut in den Bann, keine Frage: Der tragische Kindheitsschlag der Schwestern; die Tatsache, dass sie eineiige Zwillinge sind; die atmosphärische Dichte; die grandiosen Bilder, die die unheilvolle Düsternis des Aokigahara perfekt einfangen und in Szene setzen; der eine oder andere überraschende Twist: alles da. Selbst die Schauspielleistung der Hauptprotagonistin überzeugt und weckt Lust auf mehr.
Aber am Ende von "The Forest" beschleicht den Zuschauer das ungute Gefühl, dass mit dieser Story mehr zu holen gewesen wäre. Ein bisschen mehr Blut hier, ein wenig mehr Suspense dort und dazu vielleicht auch ein kleiner Ausflug in die japanische Geschichte oder die Mystik des Fuji - und "The Forest" wäre ein rundum perfektes Horrorfilmpaket geworden.
Vielleicht hätten sich die Japaner aber auch einfach des Themas annehmen sollen. Bereits in den zurückliegenden Jahren schafften es Hollywoodproduktionen nicht, an die japanischen Originale heranzureichen, geschweige denn, sie zu übertreffen. Egal ob bei den "Ring"-Filmen, der "Grudge"-Reihe oder "Dark Water". Nur: Bei "The Forest" gibt es eben nicht das klassische japanische Original.
So gesehen, sollte man als Zuschauer "The Forest" eine Chance geben, denn die hat er zweifelsohne verdient. Und mal ehrlich: Ein bisschen Angst in einem dunklen Wald - die hat doch jeder, oder? Und Ängsten sollte man sich bekanntlich stellen.