Archiv

"Follow the Money": pure GierSchmutziges Geschäft mit sauberer Energie

01.05.2018, 17:56 Uhr
imageVon Thomas Badtke

"Gier ist gut!" weiß man spätestens seit Gordon Gekko und "Wall Street". Gier ist mehr als gut, Gier ist geil! Das beweist die dänische Polit- und Finanzthriller-Serie "Follow the Money". Es geht um Intrigen, Bluffs, Betrug und Mord. Muss man sehen.

Es beginnt ganz harmlos, wie ein guter "Tatort": Ein Toter wird gefunden, die Polizei ermittelt. Es stellt sich heraus, dass es sich um einen Ukrainer handelt, der während eines Sturms ein Windrad reparieren sollte. Das wurde ihm zum Verhängnis. Arbeitsschutz? Nein, was zählt, ist, dass der Windpark schnellstens fertig wird, denn das Unternehmen, das dahintersteht, hat Großes vor: Es will an die Börse und so viel Geld wie möglich einstreichen.

Mads (Thomas Bo Larsen) stößt bei seinen Ermittlungen auf eine Mauer des Schweigens. Er sieht pure Angst und Verzweiflung in den Gesichtern der Kollegen des toten Ukrainers. Selbst dessen Vater schweigt. Mads entdeckt, dass es nicht der erste tödliche Zwischenfall rund um den Windpark gewesen ist - und dass die Ermittlungen immer im Sande verlaufen sind, auf Druck von ganz oben.

Mads stinkt das. Für ihn ist Gerechtigkeit alles und die ukrainischen Billigarbeitskräfte sind für ihn arme Hunde, denen geholfen werden muss. Mads legt sich mit seinem Chef an und soll erst einmal "Urlaub nehmen", um runterzukommen. Runterkommen? Zu Hause? Da pflegt er seine an MS leidende Frau. Mit Liebe und Hingabe. Er kümmert sich auch um die Kinder, hält die Familie am Laufen. Aber was Mads wirklich will, ist, die Sache mit dem toten Ukrainer aufzuklären. Als es eines Abends an Mads Haustür klingelt, erhält er die Chance dafür: Alf (Thomas Hwan) vom Dezernat für Wirtschaftskriminalität wirbt um Mads' Hilfe, denn der Tote wurde auf dem Gelände von Energreen gefunden, einem schnell wachsenden und an die Börse strebenden Energiekonzern.

Das ganz große Rad

Bei Energreen hat der aalglatte, smarte Alexander "Sander" Södergren (Nikolaj Lie Kaas) das Sagen. Er führt die Firma, in der plötzlich intern illegale Transaktionen auftauchen und bei Bekanntwerden in der Öffentlichkeit das IPO torpedieren würden. Sander ernennt die junge, karrieregeile Claudia (Natalie Madueno) kurzerhand zur neuen Chefin der Justizabteilung: Sie soll der Sache auf den Grund gehen.

Claudia wird schnell fündig. Sie stößt auf zwei Mitarbeiter, die illegales Frontrunning betrieben und mit Insiderwissen Millionensummen verdient haben. Das Problem dabei: Sander wusste Bescheid, die Firma verdiente mit. Claudia muss sich entscheiden: zu Energreen und Sander halten oder das moralisch Richtige tun und mit ihren Informationen an die Öffentlichkeit gehen.

Sie wählt Energreen, wegen Sander. Und der macht ihr unmissverständlich klar, dass sie die beiden Mitarbeiter loswerden soll, koste es, was es wolle. Sie sollen Energreen verlassen und Dänemark gleich noch dazu. Claudia bietet am Ende jedem zwei Millionen Euro und erkauft sich so das Schweigen und spurlose Verschwinden der beiden. Nur eine Sache stört: Einem der Männer wird sein BMW gestohlen - und im Kofferraum lag eine schwarze Tasche mit einem iPad und den zwei Millionen Euro.

Eine einmalige Chance

Hier kommen Nicky (Esben Smed Jensen) und sein Kumpel ins Spiel. Nicky hat früher Autos geknackt und auch kurz dafür gesessen. Jetzt arbeitet er beim Vater seiner Freundin in der Autowerkstatt und ist selbst gerade Vater geworden. Kurzum: Das Geld reicht nicht wirklich, auch weil seine Freundin ganz gern in ein Haus und eine bessere Gegend von Kopenhagen ziehen würde. Da kommt so ein BMW der 7er Klasse gerade recht. Das Auto geht an ein paar Serben, das Geld behalten Nicky und sein Kumpel.

Aber natürlich können sie nicht lang genug die Füße still halten, damit Gras über die Sache wächst. Und so haben sie bald die Serben, Nickys Schwiegervater, dessen Rockerbanden-Freunde und zu allem Überdruss auch noch einen Auftragskiller an der Backe. Letzterer hat Verbindungen zu Energreen, aber das wissen die beiden Kleinkriminellen nicht.

Die Nadel im Heuhaufen

Und auch Mads tappt mit Alf lange im Dunkeln. Erst als er alle Register zieht und einen unerlaubten Lauschangriff startet, bekommt er ein paar Brotkrumen, die ihm weiterhelfen. Aber es zieht sich alles ewig hin. Alles muss wasserdicht sein, sonst zerpflücken es die Rechtsanwälte und die Justizabteilung von Energreen. Zudem scheint auch die Politik ihre schützende Hand über den in der Öffentlichkeit beliebten Konzern und dessen CEO zu halten.

Mads verzweifelt langsam. Zudem hat ihn seine MS-kranke Frau auch noch mit dem sie behandelnden Arzt betrogen und will die Scheidung. Die Brocken hinwerfen kommt aber nicht in Frage, da hat sein Gerechtigkeitssinn etwas dagegen. Und als eine im Fall Energreen recherchierende Investigativ-Journalistin mitten in der Nacht auf einer unbelebten Straße von einem Auto überfahren wird und ein mit ihr zusammenarbeitender Whistleblower nun mit Mads und Alf kooperieren will, scheint der Durchbruch nahe. Doch Energreen und Sander haben noch so manches Ass im Ärmel.

Fesselnd bis zur 580. Minute

Was als normaler "Tatort"-Krimi made in Denmark beginnt, entfaltet nach und nach eine spannungsgeladene Story und entpuppt sich so als waschechter Thriller rund um Politik, Wirtschaftskriminalität, Macht und die alles bestimmende Gier: Mads ist gierig auf Gerechtigkeit; Claudia ist gierig auf ihre Karriere; Sander ist gierig auf Anerkennung und Macht; Nicky und sein Kumpel sind einfach nur gierig auf Geld und eine Chance, etwas aus ihrem Leben machen zu können.

Das alles verwebt Regisseur Jeppe Gjervig Gram ("Borgen") in einer vielschichtigen, anspruchsvollen und hochspannenden Serie, deren zehn Folgen (knapp 580 Minuten insgesamt) man am liebsten in einem Stück hintereinander weg sehen will. Es gibt keine Längen! Die Charaktere haben eine Tiefe, die man bei vielen anderen Serien vergeblich sucht. Man fiebert als Zuschauer mit Mads mit, hat aber zeitweise auch Sympathien für Sander (Hey, wer träumt nicht vom großen Geld?) und kann das Handeln von Nicky komplett nachvollziehen. Man hasst Claudia für ihre Entscheidung pro Karriere und gegen ihren kleinen Sohn. Und man sieht ein Ende nahen, das dann doch ganz anders daherkommt als erwartet.

"Gier ist gut"? Gier ist geil? "Nichts ist spannender als Wirtschaft"!: Das beweist "Follow the Money" eindrucksvoll und stellt "House of Cards", "Bad Banks" oder auch "State of Play" locker in den Schatten. Man darf auf die 2. Staffel gespannt sein.

"Follow the Money" bei Amazon bestellen

KorruptionThrillerBörsengängeRezensionenDVDDänemarkWindenergie