"Columbia"-KatastropheRückschlag für Raumfahrt
Die Experten sind sich einig: Die Tragödie der "Columbia" wird die Raumfahrt womöglich um Jahre zurückwerfen. Der Verdacht, dass ein technischer Defekt Auslöser des Unglücks war, erhärtete sich weiter.
Die Experten sind sich einig: Der Absturz des US-amerikanischen Shuttles "Columbia" ist ein schwerer Schlag für die bemannte Raumfahrt und wird die Erkundung des Weltraums auf unbestimmte Zeit zurückwerfen. Sogar eine vorläufige Räumung der internationalen Raumstation ISS wollten russische Wissenschaftler nicht ausschließen. "Die Stilllegung ist praktisch unumgänglich", sagte ein Experte der Agentur Interfax.
Nachdem die US-amerikanische Raumfahrtbehörde NASA alle Flüge ihrer Fähren bis auf weiteres ausgesetzt hat, werden Astronauten nun erst einmal nur mit den dreisitzigen russischen "Sojus"-Kapseln fliegen können. Die Pläne, allein in diesem Jahr 33 Raumfahrer auf die ISS zu bringen, müssen drastisch reduziert werden.
Trauer auf der ISS
Die Versorgung der jetzigen ISS-Besatzung sei allerdings nicht gefährdet, versicherte die NASA. Bereits einen Tag nach der Katastrophe startete ein russischer "Progress"-Raumfrachter mit Nachschub für die Station planmäßig vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan.
Die US-Raumfahrtbehörde NASA informierte die ISS-Mannschaft unter dem Kommando des Russen Nikolai Budarin wenige Stunden nach dem Unglück. Die US-Astronauten Ken Bowersox und Don Pettit hätten durch die Tragödie enge Freunde verloren, sagten Mitarbeiter der russischen Flugleitzentrale bei Moskau. "Sie konnten ihre Gefühle kaum zurückhalten." Amerikanische wie russische Experten gehen davon aus, dass die für März geplante Heimkehr der Crew bis Mai oder Juni verzögern werde.
Verdacht auf technischen Defekt
Der Verdacht, dass technische Fehler oder Schäden auf der linken Seite der Fähre zu der Tragödie mit der "Columbia" geführt haben, verstärkte sich am Sonntag. Der Manager des NASA-Shuttleprogramms, Ron Dittemore, erklärte, ein Augenzeuge in Kalifornien habe beobachtet, wie sich von der Raumfähre Teile lösten. Die NASA habe dazu eine schriftliche Erklärung vorliegen. Gleichwohl warnte Dittemore erneut vor verfrühten Schlussfolgerungen.
Bei den von Experten der NASA und unabhängigen Forschungseinrichtungen eingeleiteten Untersuchungen hatte sich bereits zuvor das Interesse auf einen Schaumteil der Isolierung, der beim Start der Fähre am 16. Juni gegen den linken Tragflügel geprallt war, konzentriert. Sieben Minuten vor dem Absturz hatten Sensoren in dem Flügel entweder versagt oder bedenkliche technische Signale ausgesandt.
"Druck des Experiments"
Der Untersuchungskommission gehören Fachleute der Streitkräfte, des Verkehrsministeriums und verschiedener Behörden an, wie NASA-Direktor Sean O'Keefe in Cape Canaveral mitteilte. Parallel dazu leitete die NASA sowie ein Untersuchungsausschuss des Kongresses eigene Ermittlungen ein. Die US-Raumfahrtbehörde richtete dazu eine Kommandozentrale auf dem Luftwaffenstützpunkt Barksdale im US-Staat Lousiana ein.
Der deutsche Astronaut Ulrich Walter sagte gegenüber n-tv, die Astronauten hätten nach den Problemen beim Start im All die "Columbia" nach möglichen Schäden überprüfen müssen. Der "Druck des wissenschaftlichen Experiments" habe die NASA jedoch wohl dazu veranlasst, die beiden Astronauten lieber wissenschaftlich einzusetzen als sie zwei Tage mit Kontrollgängen im Weltraum zu beschäftigen.
Leichenteile entdeckt
Insgesamt wurdem in vier US-Bundesstaaten, verteilt auf ein tausende Quadratkilometer großes Gelände, Trümmer der "Columbia" gefunden. In der texanischen Ortschaft Hemphil nahe der Grenze zu Louisiana fand ein Angestellter eines Krankenhauses in der Nähe von Wrackteilen auch Leichenteile. Wie durch ein Wunder wurde auf der Erde offenbar niemand durch die herabstürzenden Trümmer verletzt.
In aller Welt wurde mit Trauer und Bestürzung auf die Tragödie der "Columbia" reagiert. Bei dem Unglück in 63 Kilometern Höhe über dem Bundesstaat Texas waren am Samstagnachmittag (MEZ) die sieben Astronauten an Bord des Shuttle, unter ihnen mit Ilan Ramon der erste israelische Mensch im All, ums Leben gekommen. Es war die größte NASA-Katastrophe seit der Explosion des Raumtransporters Challenger vor fast genau 17 Jahren mit ebenfalls sieben Toten.