Ende von Kitanos Yakuza-Epos?"Outrage Coda": Alles für den Clan!

Kriminelle Clans in Deutschland, die nach eigenen Regeln in einer Parallelgesellschaft leben? In Japan heißt das: Yakuza. Kultregisseur Takeshi Kitano liefert mit seiner "Outrage"-Saga einen Einblick. Sie endet, wie sie begann: cool und brutal.
Der erbarmungslose Krieg zwischen dem Sanno-Clan und dem Hanabishi-Clan, zwei mächtigen Yakuza-Gruppen in Japan, liegt fünf Jahre zurück. Die Wogen scheinen geglättet. Oberboss Nomura (Ken Osugi), Aktienhändler und Mafia-Quereinsteiger, zieht die Fäden. Doch innerhalb seiner ihm zuarbeitenden Clans rumort es dennoch. Ein kleiner Funken genügt, um den nächsten Flächenbrand auszulösen.
Der sexgeile Hanada ist dieser Funken. Er ist Teil der Hanabishis, verdient dank ihnen Millionen und haut in Südkorea mächtig auf den Putz. Er schlägt ein paar Prostituierte und beschwert sich dann noch über deren "prüdes" Verhalten. Als Teil des Hanabishi-Clans kann man sich das erlauben, wie Hanada glaubt.
Doch die Prostituierten gehören Mr. Chang, einem der reichsten Männer Südkoreas und selbst Boss einer einflussreichen Gangsterbande auf der koreanischen Halbinsel. Einer von Changs Leuten ist der Yakuza Otomo (Takeshi Kitano; "Outrage"-Saga, "Zaitoichi", "Battle Royale"). Er war einst bei Chang untergekommen, als die Auseinandersetzung zwischen dem Hanabishi-Clan und dem Sanno-Clan auf ihren Höhepunkt zugesteuert war. Otomo war daran nicht ganz unschuldig - und so kümmert es ihn wenig, dass Hanada auf seine Hanabishi-Yakuza-Kumpels hinweist. Otomo stellt klar: Hanada muss bezahlen, sonst liegt er schneller unter der Erde, als er Prostituierte sagen kann.
Hanada merkt zu spät, mit wem er sich da angelegt hat. Er lässt einen von Otomos Männern ermorden und versucht sich mit Geld bei Mr. Chang freizukaufen. Doch der hat Geld wie Heu - und Otomo ist noch ein Yakuza der alten Sorte: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Es dauert nicht lange und die Lage eskaliert - auch weil Nomura, um seine Position als Oberboss zu festigen, einige seiner möglichen Nachfolger gegeneinander ausspielen will, diese davon allerdings Wind bekommen und nun selbst Intrigen gegen Nomura schmieden. Und mittendrin: Otomo.
Von kleinen Gangstern und großen Clans
Es klingt kompliziert und der Zuschauer braucht eine Weile, bis er endlich wieder Fuß fasst in der Mafia-Welt von Takeshi Kitano, dem japanischen Martin Scorsese. Wie dessen "Der Pate"-Reihe kommt nun auch Kitanos "Outrage"-Saga auf drei epische Filme. Sie sind nicht ganz so lang wie die vergleichbaren Mafia-Erzählungen Scorseses, stehen denen in puncto Kultcharakter aber in nichts nach.
Im Mittelpunkt der "Outrage"-Reihe, die mit "Outrage Coda" ihren vorerst wohl letzten Höhepunkt erreicht hat, steht wieder einmal die Figur des Otomo, die Kitano selbst verkörpert. Er ist mittlerweile ergraut, aber an seinem Umgangston hat sich nichts geändert. Das Lieblingswort Otomos ist nach wie vor "Arschloch", gerne wird noch ein "Ey" davorgeschoben.
Otomo fackelt nicht lange. Er lebt nach Prinzipien, lässt sich nicht verbiegen. Als Nomura einst den Clan-Krieg anzettelte, weil er Millionen und Milliarden im Drogengeschäft und durch Börsenbetrug verdienen wollte, war Otomo einer seiner Gegner. Drogenhandel ziemt sich nicht für einen Yakuza. Basta. Aber die Welt dreht sich eben doch weiter - und so verließ Otomo Japan in Richtung einer südkoreanischen Insel.
In "Outrage Coda" kehrt er dann aber zum Showdown nach Japan zurück, als sein Boss Chang in Bedrängnis und Lebensgefahr gerät. Und wer Chang ans Bein pisst, pisst auch Otomo ans Bein - und das ist keine gute Idee. Hanada und der gesamte Hanabishi-Clan machen diese Erfahrung auf die härteste aller Art und Weisen.
Sympathy for the Mafia
Alles wie gehabt also bei Kult-Regisseur Kitano: Männer in schwarzen Anzügen fahren in schwarzen Luxuslimousinen vor, werden von Spalier stehenden niederen Clan-Mitgliedern lautstark empfangen mit "Alles für den Clan!" und schmieden dann im großen Kreis Pläne. Einer tanzt aus der Reihe und schon schießen sich die Anzugträger in schöner Regelmäßigkeit die Birne weg. Im Restaurant, im Büro, in der Konferenz, im Auto, egal.
Wurden in den ersten beiden Filmen noch der kleine Finger abgeschnitten, wenn es um Entschuldigung und Ehrerweisung ging, heißt das Zauberwort jetzt "Daumenfeuerwerk", eine Mischung aus Wunderkerze und Chinaböller. Es hinterlässt nicht nur bei den Opfern bleibenden Eindruck, sondern auch beim Zuschauer. Der freut sich sofort, als er Otomo endlich wieder sieht. Er weiß: Otomo ist der letzte richtige Yakuza. Sympathy for the Mafia sozusagen.
Und das verbindet eben auch Scorsese und Kitano: Für sie ist die Mafia nicht vollkommen schlecht. Es kommt immer auf die Menschen an, die sie verkörpern. Klar ist Otomo ein eiskalter Killer, wenn er es sein muss. Sonst versucht er sein Leben zu leben, so gut wie es eben geht. Er hat nur wenige Freunde, aber für die geht er dann eben auch über Leichen.
Fans der "Outrage"-Saga könnte das Ende des "Coda"-Teils mehr als nur sauer aufstoßen. Aber wenn man mit etwas zeitlichem Abstand die ganze Reihe noch einmal Revue passieren lässt und sich "Outrage", "Outrage Beyond" und "Outrage Coda" hintereinander weg ansieht, wird einem schnell klar: Dieses Ende ist einfach perfekt! Traurig zwar, aber passend. Und als Kitano-Fan weiß man eh: Er hat immer noch irgendwo ein Ass im Ärmel seines maßgeschneiderten schwarzen Yakuza-Anzugs.
k

