Die Neuerfindung des Mafia-Epos"Outrage Beyond": Erst schießen, dann fragen

Wenn Konflikte archaisch eskalieren, wenn Gewalt regiert und sich alles um Yakuza dreht - dann ist Kultregisseur Takeshi Kitano am Werk. Sein Bild der Welt des organisierten Verbrechens in Japan ist gekonnt und erschreckend zugleich.
Aus einem Fluss wird eine schwarze Luxuslimousine geborgen. Der Wagen hängt am Haken, Wasser läuft und tröpfelt aus Ritzen und Spalten. Zwei Personen befinden sich darin. Ein Mann und eine Frau. Beide tot. Der Frau wurde der Kopf brutal eingeschlagen. Einen Unfall schließt die Polizei aus. Als Kommissar Kataoka (Fumiyo Kohinata; "Dark Water") am Tatort eintrifft, weiß er schnell, wer dahintersteckt, denn bei dem Toten handelt es sich um einen Ermittler aus den eigenen Reihen, bei der Frau um eine Edelnutte mit Verbindungen zu den Yakuza.
Kataoka vermutet den Sanno-kai-Clan hinter dem Doppelmord. Der Clan ist in den vergangenen Jahren immer mächtiger geworden, drängt zudem in die Politik und ins Ausland. Schutzgelderpressungen? Der Clan macht mit Hedgefonds am Kapitalmarkt das ganz große Geld. Der intrigante Clan-Boss Kato (Tomokazu Miura) und seine skrupellose rechte Hand Ishihara (Ryo Kase; "Letters from Iwo Jima") führen ein strenges Regime. Yakuza-Ehre bedeutet ihnen nichts mehr, denn sie wirft ganz einfach zu wenig Profit ab.
Austeilen oder ...
Kato ist seit fünf Jahren an der Macht, seinen Zögling Ishihara immer im Schlepptau. Kato spielte einst mehrere Unterbosse gegeneinander aus und brachte den Clan-Chef eigenhändig um. Ein Verrat im klassischen Yakuza-Sinn. Aber wo keine Kläger, da keine Richter. Derjenige, der Kato ans Bein pinkeln könnte, gilt als tot: Otomo (Takeshi Kitano). Doch er ist es nicht.
Otomo sitzt im Gefängnis - und Kommissar Kataoka weiß das im Gegensatz zu Kato und seinen Handlangern. Kataoka hat eine Idee. An deren Ende steht die Zerschlagung des Sanno-kai-Syndikats. Aber noch wichtiger: auch Ruhm, Ehre und Beförderung für ihn selbst. Kataoka will den Sanno-kai-Clan gegen den konkurrierenden Hanabishi-kai-Clan ausspielen und einen Syndikats-Krieg auslösen.
Kataokas Vorhaben kommt nicht bei allen Polizisten gut an, denn seine Auffassung von Recht und Gesetz biegt sich Kataoka zurecht, wie er sie gerade braucht. Wenn dabei kleine Yakuza, die mit dem Großen und Ganzen nichts zu tun haben, über die Klinge springen, dann ist das eben so. Na und?
... Prügel bekommen: ...
Kataokas erster Versuch scheitert kläglich: Zwei Unterbosse aus dem Sanno-kai-Clan gehen auf Anraten des Kommissars beim Hanabishi-Clan Klinken putzen und werben für einen Sturz Katos. Allerdings bekommt der vom Hanabishi-Chef höchstpersönlich den Tipp, dass einige seiner Unterbosse einen Revolte gegen ihn anzetteln wollen. Die ersten Köpfe rollen.
Der Kommissar sorgt nun für Otomos Freilassung - und bringt ihn mit seinem ehemaligen Widersacher Kimura (Hideo Nakano) zusammen. Die beiden sind zwei vom alten Schlag. Nach einer gegenseitigen Entschuldigung vergeben sie sich und alles, was bisher gewesen ist, ist vergessen. Aber: Zusammenarbeit mit der Polizei? Auf keinen Fall. Rache an Kato und seinen Handlangern? Aber hallo! Und so nimmt das blutige Spektakel seinen Lauf, an dessen Ende jede Menge Tote stehen, hingemetzelt mit klassischen Folterwerkzeugen wie Bohrmaschinen oder mit umfunktionierten Tötungshilfen wie einer Baseball-Wurf-Maschine.
... So sind die Yakuza
Spätestens bei diesen Szenen merkt der Zuschauer, dass er einen echten Takeshi-Kitano-Film vor sich hat. Der Rest des Mordens geht kühl, mit ruhiger Hand und klassisch vonstatten - mit Pistole und Messer. Auch Finger gehen wieder verlustig. Aber das kennt man bereits aus dem vorherigen Yakuza-Epos "Outrage", dem Vorgänger des jetzigen "Outrage Beyond". Ebenso die schwarzen oder grauen Luxuslimousinen von Lexus, Mercedes oder Cadillac, die Maßanzug tragenden Yakuza, die derbe Sprache und rohe Gewalt.
Die Faszination Yakuza ist der rote Faden, der beide Filme verbindet. Und der trägt auch noch einen weiteren Teil, denn das Ende von "Outrage Beyond" birgt den Anfang einer noch größeren Auseinandersetzung in sich.
Nur so viel sei gesagt: Der wirkliche Unsympath in diesem Film stirbt durch Otomos Hand, aber nicht durch dessen Waffe und eine schwarze Luxuslimousine muss auch nicht geborgen werden.