Die schmutzigste Seite des Krieges"Kilo Two Bravo" - Jeder Schritt kann töten

Afghanistan 2006: Abseits der großen Kämpfe observieren britische Soldaten eine Straße. Als Taliban Zivilisten bedrohen, entschließen sich zwei Soldaten einzugreifen. Eine verhängnisvolle Entscheidung - sie müssen durch ein Minenfeld.
Als britischer Soldat nach Afghanistan? Warum nicht? Am richtigen Standort lässt es sich ganz gut aushalten. Wie am Kajaki-Staudamm in der Provinz Helmand. Dort beziehen 2006 Einheiten des 3. Regiments Stellung. Ihre Aufgabe: Die Taliban beobachten, auskundschaften und gegebenenfalls Straßensperren auflösen. Die Feinde sieht der Trupp nur aus der Ferne.
Und so genießen Colonel Mark Wright (David Elliot; "Sleeping Beauty") und seine Kameraden um die jungen Soldaten Tug (Mark Stanley), Stu Pearson (Scott Style), Stu Hale (Benjamin O'Mahony), Jonessy (Bryan Parry), Ken (Liam Ainsworth) und Smudge (Andy Gibbins) ein ruhiges Soldatenleben. Fast schon langweilig. Sie sitzen auf ihrem Hügel, observieren die Umgebung und beobachten das Treiben auf einer entfernten Straße. Die Tage vergehen, während die Sonne und der Staub an den Nerven und Gemütern der Soldaten nagen.
Tödliche Langeweile
Doch da beobachten zwei Mann des Trupps, wie an der Straße Taliban Zivilisten in ihren Autos anhalten, bestehlen und drangsalieren. Sie sind zu weit weg, als dass die beiden Briten hätten eingreifen können. Und so schnappen sie sich ihre Ausrüstung, holen sich das Okay vom Chef und machen sich auf zu einem niedriger gelegenen Plateau. Ein verhängnisvoller Fehler, wie sich schon bald herausstellen wird.
Der Trupp weiß, dass es in diesem Gebiet Landminen gibt. Sie stammen noch von den Sowjets und deren Kämpfen mit den Mudschaheddin. Sie wissen auch, dass die Minen meist in Dreiergruppen positioniert wurden: Tritt ein Soldat auf eine Mine, wird sein Bein zerfetzt. Zu Hilfe eilende Kameraden, von den Schmerzensschreien des Gepeinigten unvorsichtig geworden, lösen dann meist eine weitere Mine aus. So richtet man maximalen Schaden mit minimalem Einsatz an.
Das bekommen auch die beiden Briten schnell zu spüren. Ein falscher Schritt - und das Chaos bricht los. Die Schreie des Verletzten sind unüberhörbar. Sein Kamerad hat alle für so einen Fall erlernte Routine vergessen und weiß zunächst nicht, was er tun soll. Dann fordert er Hilfe an, atmet mehrmals durch und beginnt, das zerfetzte Bein des Verletzten zu versorgen. Sein größtes Hilfsmittel: Morphium.
Wenn aus Rettern Opfer werden
In der Zwischenzeit rotieren die Kameraden am Stütztpunkt: Eine schnelle Rettungsmission wird auf die Beine gestellt. Weitere Soldaten machen sich auf den Weg. Ein Hubschrauber wird angefordert. Wegen des unwirtlichen Gebiets kann eine Rettung nur per Winde erfolgen. Doch so schnell ist kein Hubschrauber mit dieser Spezialausrüstung verfügbar. Ein Plan B muss her.
Und so rennen immer mehr Soldaten in ihr Verderben. Denn was sie nicht wissen, ist, dass sie nicht an einem normalen Hügel stationiert sind, sondern dass sie sich in einem ausgetrockneten Flussbett bewegen - unter ihren Füßen liegen wahrscheinlich tausende Landminen. Jeder Schritt kann der letzte sein. Erst verlierst du ein Bein, dann das Leben.
Eindrucksvoll inszenierter Anti-Kriegs-Appell
Und genau mit diesem Spannungsbogen wartet Paul Katis Kriegsdrama "Kilo Two Bravo" auf, das auf einer wahren Begebenheit beruht. Zu Beginn liefert der Film einen Einblick in das schnöde britische Soldatenleben abseits der großen Kampfhandlungen in Afghanistan 2006: Da liegt man mit Unterhemd schon einmal auf Beobachtungsposten. Da wird unterhalb der Gürtellinie gefrotzelt. Es werden Antibiotika gegen Tripper verteilt - und Pläne für die Zeit nach dem Einsatz geschmiedet. Nett anzusehen, einige Lacher sind garantiert.
Dann wendet sich die Story von "Kilo Two Bravo" mit einem lauten Knall aus heiterem Himmel abrupt: Schmerzensschreie zerreißen die Stille. Sie sind so intensiv, dass man als Zuschauer den Ton leiser stellt. Das erweist sich im weiteren Verlauf des Films als sehr gute Entscheidung, denn die Landminen fordern immer mehr Opfer. Und man fragt sich spontan: Muss ein Film diese Intensität haben?
Ja! Der Film, der die Geschichte eben jener Einheit erzählt, ist eine Hommage an sie - und ein eindrucksvoller Anti-Kriegs-Appell. Wenn man sieht, wie einfache Soldaten für nichts ihr Leben lassen; oder so verstümmelt werden, dass sie am liebsten sterben wollen, und mit dem heutigen Wissen, dass die ganzen Afghanistan-Einsätze nichts gebracht haben, wird man als Zuschauer schlichtweg wütend auf die große Politik, die mit einer einfach anmutenden Entscheidung Hunderte Soldaten in den Tod schickt und ebenso viele Familien zerstört.
Das Großartige an "Kilo Two Bravo" ist zudem, dass es ein britischer Film ist. Das große Pathos von Hollywood-Produktionen fehlt. Das große Happy End indes auch: Wenn der Zuschauer die sengende Sonne, den Staub und den Lärm des Films hinter sich gelassen hat und die Ruhe des Abspanns einkehrt, erfährt er bis ins kleinste Detail, was aus den beiden Stus, Tug, Ken, Smudge, Jonessy und eben Mark geworden ist. Nicht alle haben überlebt - das ist die schmutzigste Seite des Krieges.