Im WM-Achtelfinale gelerntKeeper als Helden, Freistöße als Waffen

Der Torschnitt sinkt in der ersten K.o.-Runde der Fußball-WM, doch der Spektakel-Faktor steigt. Neben den Stürmern brillieren nicht nur die Torhüter, sondern auch die Referees. Virtuos peinlich bleibt es bei den Freistößen.
1. Man braucht nicht nur Tore für große Spektakel
Wer sich gefragt hat, was an Fußball so toll sein soll, der hat bei diesem Turnier einen Hinweis darauf bekommen, warum so viele Menschen diesen Sport lieben. Fangen wir mit den Achtelfinals an: Fünf von acht Partien gingen in die Verlängerung, zweimal kam es gar zum Elfmeterschießen. Was lernen wir daraus? Grandios spannende, hochdramatische Partien brauchen noch nicht einmal viele Treffer. Das merken sogar die USA, von kruden Außenseiter-Meinungen mal abgesehen. Denn ein unschätzbarer Vorteil von K.-o.-Spielen ist nun einmal, dass auf jeden Fall eine Entscheidung fällt.
Für eine Torflut hatten die 32 Mannschaften bereits in der Vorrunde gesorgt, als sie in 48 Spielen 136 Treffer erzielten, also im Schnitt 2,83 Treffer. Im Achtelfinale dann waren es in 90 Minuten nur noch 1,38 Tore, zählt man die Verlängerungen mit, ergibt sich ein Wert von immerhin 2,25. Aber vergessen Sie die Statistik: Was bleiben sind die Bilder und die epischen Momente. Brasilien liegt Neymar zu Füßen, Chile trauert mit dem Pechvogel Gonzalo Jara. James Rodriguez schießt Kolumbien ins Glück. Mexikos Trainer Miguel Herrera tobt. Griechenlands Theofanis Gekas weint. Paul Pogba köpft Frankreich nach Rio. Angel di Maria rettet Argentinien, Ottmar Hitzfeld verabschiedet sich auf ganz großer Bühne. Rote Teufel stürmen, der achtarmige Tim Howard pariert und scheidet doch aus. Dieses Turnier ist auf gutem Weg, als eines der aufregendsten in die Geschichte einzugehen.
2. Die Helden stehen im Tor - und weit davor
Fünf Tore für James Rodriguez, vier für Neymar, Lionel Messi und Thomas Müller. Die Torjäger erledigen ihren Job in Brasilien bislang hervorragend. Die WM-Helden stehen bisher trotzdem nicht im Sturm, sondern den Angreifern gegenüber: im Tor - oder davor. Im Achtelfinale glänzten gleich mehrere Keeper mit geradezu sensationellen Leistungen. Manuel Neuer, der hinter einer vogelwilden DFB-Abwehr zum Libero mutierte und eine der außergewöhnlichsten Torwartleistungen der Fußballgeschichte zeigte. Cesar, der Brasilien im Elfmeterschießen gegen Chile vor einer nationalen Depression bewahrte. Keylor Navas, der zehn Costa Ricaner gegen Griechenland erst ins Elfmeterschießen rettete, dort eine fantastische Parade für den Viertelfinaleinzug nachlegte und sich eigenhändig einen Wunsch erfüllte. Der lautet, ganz unbescheiden: "Ich möchte, dass sich meine Kinder später an mich erinnern und sagen: Mein Vater hat Geschichte geschrieben."
WM-Geschichte schrieb auch US-Keeper Howard, der Belgien mit 16 teils unglaublichen Paraden zur Verzweiflung trieb und dann von US-Präsident Barack Obama persönlich am Telefon getröstet wurde. Der hatte auch einen Tipp für Howard parat: Der solle sich, riet Obama, den Bart abzurasieren. Warum? Damit die vielen Fans daheim den neuen Torwart-Helden der USA nicht sofort erkennen würden.
3. Die Schiedsrichter wachsen mit ihren Aufgaben
Das kann ja heiter werden, dachten viele, als Yuichi Nishimura im Eröffnungsspiel der WM beim Stand von 1:1 den Brasilianern einen Elfmeter zusprach - obwohl Dejan Lovren seinen Gegenspieler Fred nur hauchzart berührt hatte. Und die Verschwörungstheoretiker, die in der Mehrzahl aus Kroatien kamen, (t)witterten Übles: Haben die Schiedsrichter etwa den Auftrag, die Gastgeber bis ins Finale durchzupfeifen? Die Zeitung "Novi list" schrieb: "Der japanische Killer hat in den Rücken von Niko Kovac geschossen." Der Trainer fühlte sich tatsächlich betrogen: "So verkommt die ganze Sache zu einem Zirkus. Jeder im Stadion und zweieinhalb Milliarden vor den Fernsehern haben gesehen, dass das kein Elfmeter war." Zunächst zeigten sich Nishimuras Refereekollegen solidarisch und glänzten ebenfalls mit katastrophalen Fehlentscheidungen. Stichworte: Mexiko, Bosnien.
Doch im weiteren Laufe des Turniers fanden die Schiedsrichter zu ihrer WM-Form. Den Ruf der Branche (und seinen eigenen, Stichwort: WM-Finale 2010) rettete allen voran der Brite Howard Webb. Im Achtelfinale zwischen Brasilien zeigte er im Hexenkessel von Belo Horizonte nicht nur eine herausragend souveräne Leistung, sondern erkannte auch, ebenfalls beim Stand von 1:1, einen Treffer Hulks nicht an, weil der den Ball zuvor mit der Hand gespielt hatte. Überhaupt kann man den Unparteiischen in den teils kniffligen Achtelfinalpartien nahezu fehlerfreie Leistungen bescheinigen. Was die Spieler übrigens kaum für sich beanspruchen dürfen.
4. Standards werden zur Standard-Waffe
Für Gary Lineker war die Sache klar. Zum "schlechtesten Freistoß der WM-Geschichte" kürte Englands Fußballlegende die Slapstick-Einlage von Thomas Müller & Co. gegen Algerien. DFB-Keeper Manuel Neuer beteuerte zwar, der Stolperer sei Absicht gewesen, gezielte Täuschung des Feindes, quasi. Toni Kroos gab aber zu, dass es schon anders als im Training ausgesehen hatte und wählte das Wort "Scheiße" zur Beschreibung des erfolglosen Manövers.
Die DFB-Lachnummer beim Achtelfinal-Krampf täuscht aber darüber hinweg, dass Standards bei dieser WM enorm an Bedeutung gewonnen haben. Trotz Abstands-Spray fallen zwar erstaunlich wenig direkte Freistoßtore. Ecken und Freistöße leiten aber viele Treffer ein. Selbst Bundestrainer Joachim Löw lässt inzwischen fleißig Standards üben, was er vor der EM 2012 noch für verpönt und sehr verzichtbar gehalten hatte. In Brasilien darf er nach vier Spielen konstatieren: "Das hat sich ja schon ausgezahlt." Drei Tore erzielte die DFB-Elf im Turnierverlauf bereits im Anschluss an Standards, gegen Portugal, Ghana und die USA. Hinzu kam ein Elfmeter. Fast die Hälfte der deutschen neun WM-Tore fiel damit nach ruhenden Bällen.
Damit liegt die DFB-Elf noch über dem WM-Schnitt: Der liegt, rechnet man Einwürfe und Elfmeter ein, mit 50 Standardtoren in 56 Partien laut "Kicker"-Zählung bei 32,5 Prozent. Standardkönige sind die torhungrigen Niederländer und Deutschlands Viertelfinal-Gegner Frankreich, sie waren jeweils fünfmal erfolgreich.
Neben der peinlichsten Freistoßvariante war im Achtelfinale übrigens auch die schönste der WM zu bestaunen. In der Verlängerung gegen Belgien spielten die USA ihren Angreifer Clint Dempsey nach einem 25-Meter-Freistoß mit zwei Flachpässen virtuos im Strafraum frei. Pech für die Klinsmänner war nur: Belgiens Keeper Thibaut Courtois hielt. Siehe Punkt 2.
5. Die Joker stechen weiter
Kann es etwas Schlimmeres geben, als in der Hitze von Salvador da Bahia Fußball spielen zu müssen? Ja, kann es. Und zwar, wenn in dieser Hitze nach 90 harten Minuten voller Kampf und Aufopferung plötzlich Romelu Lukaku als Gegenspieler eingewechselt wird. Der belgische Sturmtank, ob seiner gleichzeitigen Jugendlichkeit bei hünenhafter Statur auch als "Riesenbaby" bekannt, war gegen die USA der vorletzte Joker von Trainer Marc Wilmots - und stach. Erst bereitete er das 1:0 durch Kevin de Bruyne vor, dann traf er selbst. Für Belgien war es bei insgesamt nur sechs WM-Treffern bereits das vierte Jokertor, die Hände von Wilmots glänzen golden.
Es passt zu dieser WM, dass kurz darauf US-Joker Julian Green mit dem 1:2 die Tor-Ausbeute der Einwechselspieler auf insgesamt 29 Treffer schraubte. Zum Vergleich: In Südafrika wurden bei Turnierschluss nur 15 Jokertore notiert.
Überraschend kommt die Torflut von der Bank nicht: Die WM-Partien in Brasilien sind nicht nur ungeheuer schnell. Aufgrund des oft schwülheißen Klimas ermüden die Spieler auch schneller. Ein frischer Mann von der Bank kann Konzentrationslücken leichter ausnutzen. Erkannt haben das auch die Regelhüter des Fußball-Weltverbandes. Die kündigten an, beim nächsten Turnier von einer ehernen Regel abrücken zu wollen, sagte Fifa-Experte Gérard Houllier: "Es stellt sich uns die Frage, ob wir einen weiteren Auswechselspieler brauchen. Wir werden das erörtern." Die Trainer mit dem goldenen Händchen dürfte das freuen - und die mit dem blechernen auch.
6. Am Ende gewinnt immer der Erste
Spannend war’s, eng zudem, das hatten wir geklärt. Und doch stehen mit Frankreich, Deutschland, Brasilien, Kolumbien, Argentinien, Belgien, den Niederlanden und Costa Rica die acht Mannschaften im Viertelfinale, die auch ihre Gruppen gewonnen hatten. Das gab es seit Einführung des Achtelfinals bei der WM 1986 in Mexiko noch nie. Und was bedeutet das jetzt? Schwer zu sagen. Vielleicht gar nichts. Fest steht nur: Diese Weltmeisterschaft hat ihren Favoriten noch nicht gefunden. Brasilien hatte gegen Chile viel Glück, Deutschland kam gegen Algerien nur mit Mühe weiter, Argentinien wäre beinahe an der Schweiz gescheitert und scheint zu sehr von Lionel Messi abhängig, die Niederländer zeigten gegen Mexiko eine teils konfuse Leistung in der Abwehr. Und die Franzosen haben gegen Nigeria auch nicht gerade geglänzt. Was wiederum sagt uns das? Es bleibt spannend!