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Chaos bei Arafats Begräbnis"Jassir, Jassir!"

12.11.2004, 18:46 Uhr

Das Begräbnis des Palästinenserführers in Ramallah artet im Chaos aus. Die Aufbahrung und das Totengebet werden wegen der aufgebrachten Menschenmassen abgesagt. Ein Bericht von Ulrich W. Sahm.

von Ulrich W. Sahm und Johannes Gerlof

"Mit Blut und unserem Leben werden wir dich erlösen", sang die aufgebrachte Menge. Drei ägyptische Hubschrauber, begleitet von einem israelischen Apache-Kampfhubschrauber, näherten sich der menschengefüllten Mukata in Ramallah. "Jassir, Jassir", riefen sie und pfiffen, als die Rotoren eine Staubwolke aufwirbelten.

Und dann waren die Emotionen nicht mehr zurückzuhalten. Sicherheitsleute stellten ihre Gewehre auf "automatisch" und ballerten halbschräg in die Luft. Die Hubschrauber standen versunken in einem Menschenmeer. In einem totalen Chaos begann das unkontrollierte Begräbnis des "Rais", des Palästinenserführers seit vierzig Jahren.

Aufbahrung und Totengebet in Panik abgesagt

"Wie sollen wir jetzt noch den Israelis sagen, dass wir alles unter Kontrolle haben", sagte der schockierte Vermittler Saeb Erekat. Ehe das Chaos zum befürchteten Blutbad wurde, versenkten sie Arafat in seinem Holzsarg in das mit Jerusalemstein und Marmor verkleidete Erdloch unter Bäumen in einer Ecke der Mukata, neben einem symbolischen Olivenbäumchen.

Arafats Aufbahrung, die Ehrerweisung der Honorationen, die feierlichen Totengebete und sogar seine Umbettung in einen steinernen Sarkophag, wurden in Panik abgesagt. Arafat wurde so schnell verscharrt, dass kaum jemand es bemerkte. Taib abdel Rahim, Arafats Kabinettschef, sagte: "Vom Jordan bis zum Meer gehört uns das ganze Land."

Teilnahme an Trauerfeier "auf eigene Gefahr"

Der Morgen in Ramallah begann ganz ruhig. "Israelische Rasenmäher ziehen ihre Runde" sagte ein Palästinenser nahe dem Checkpoint von Betunia für die VIP, Journalisten und Israelis auf dem Weg zum Begräbnis. Unbemannte Drohnen mit knatterndem Rasenmähergeräusch beobachteten das Geschehen aus der Luft. Die Fahrt zu Arafats Begräbnis geschah per Unterschrift "auf eigene Gefahr".

Die Menge stürmt die Mukata

Menschenmengen hatten sich rund um die Mauer der Mukata versammelt. Die Tore waren verschlossen. Die Bevölkerung sollte erst am Abend eingelassen werden. "Wir wollen nicht ausgesperrt bleiben, wenn der Rais begraben wird", sagte ein junger Mann im schwarzen T-Shirt. Er kletterte auf die Schulter eines Freundes und zog sich an der vier Meter hohen Mauer hoch. Oben standen uniformierte Sicherheitsleute, einige mit dem roten Barret der Leibwache Arafats. Mit ihren Stiefeln traten sie dem eben noch mutigen Mann auf die Finger. Seine Freunde fingen ihn auf. Schmerzverzerrt hielt er seine Hand. Der Druck wurde größer. Ein Offizier fürchtete Tote. Per Megaphon befahl er: "Um Gottes Willen, öffnet die Tore." Zehntausende strömten in das abgeriegelte Hauptquartier.

"Wer den Präsidenten wirklich liebt, sollte zurückweichen"

"Ja Jamet" (Entfernt Euch doch) schrieen zwei Besatzungsmitglieder jenes Hubschraubers, mit dem der Sarg Arafats von El Arisch über Israel und Jerusalem hinweg nach Ramallah geflogen worden war. Eine halbe Stunde lang versuchten sie, die Menge zurückzudrängen, um die Helikoptertür zu öffnen.

"Wer den Präsidenten wirklich liebt, sollte zurückweichen." Keiner wich zurück. Ein Geländewagen kam angebraust. Die dicht gepackten Menschen wichen in Panik zurück, um nicht überfahren zu werden. Der Fahrer machte waghalsige Manöver, vor und rückwärts mit quietschenden Reifen. Vor dem Hubschrauber lichtete sich die Menge. Jassir Abed Rabbo, Arafats Informationsminister und Mitunterzeichner der "Genfer Friedensinitiative" entstieg dem Helikopter als Erster. Aus einer Luke wurde der französische Holzsarg mit den Goldgriffen hervorgeholt, umhüllt mit einer PLO-Flagge. Augenblicklich drängten sich junge Männer vor.

Erekat: "Das hätte ich nicht erwartet"

Uniformierte hievten den Sarg auf das Dach des Geländewagens und setzen sich drauf. Sie schossen in die Luft, schlugen auf Hände ein, die sich dem Sarg entgegenstreckten. "Allah uakbar" schrie die Menge. Auf dem Dach des Geländewagens bahnte sich der Sarg eine Ehrenrunde durch zehntausende Menschen. Aus der Ferne sah man nur die Wolke Schwarzpulver der schießenden Leibwächter Arafats.

"Ich stehe unter Schock. Das hätte ich nicht erwartet. Ehrt ihn doch, respektiert ihn doch, hatte ich den Menschen zugerufen. Dann beschloss ich, Arafat so schnell wie möglich unter die Erde zu bringen, damit es kein Unglück gibt", sagte am Abend Minister Saeb Erekat. "Heute wollte ich nur eine Leiche und einen Sarg sehen, keine weiteren Toten."

Die palästinensische Führung und Diplomaten hatten sich derweil in dem Versammlungssaal aufgestellt. Vor dem Gemälde der goldenen Kuppel des Felsendoms sollte Arafat aufgebahrt werden. Rote Teppiche waren ausgelegt.

Hunderte Verletzte

Aber nichts lief mehr nach Plan. Das Chaos war perfekt. Schüsse ratterten. Schräg nach oben schossen Sicherheitsleute, um ihrem Präsidenten den Weg zu bahnen. Neugierige waren auf Container, die Dächer der Mukata und in die Baumwipfel beim Grab Arafats geklettert. Ein Containerdach kollabierte.

Bereitstehende Ambulanzen transportierten mit Sirenengeheul die ersten Verletzten ab. Neun Palästinenser erlitten Schusswunden. Hunderte brachen sich Beine und Arme, als sie von den Mauern herabstürzten. Andere wurde ohnmächtig. Wegen des Ramadan durften sie trotz der 28 Grad Hitze weder trinken noch essen.

500 vermummte Mitglieder der El-Aksa-Brigaden und Tanzim, mit Kalaschnikow-Schnellfeuergewehren bewaffnet, wurden gerufen. In schwarze Gewänder gehüllt und mit gezückten Schwertern marschierten sie in die Mukata. Patronenmagazine waren in ihre Gewehre geladen. Eine große irakische Flagge und Fahnen der Hisbollah, der Hamas und anderer Extremistenorganisationen wurden geschwenkt. Das Schießkonzert wurde immer lauter. "Mir brummen schon die Ohren", klagte ein Deutscher. Ein 28-Jähriger aus Jerusalem sagte: "Dies ist der traurigste Tag meines Lebens, nicht weil Arafat tot ist, sondern weil er nicht auf dem Haram (Tempelberg in Jerusalem) begraben wurde."

Jassir Arafat