Oscar-reifer Horror aus Österreich"Ich seh, Ich seh" etwas, was du nicht siehst

Eine Mutter, zwei Söhne, ein schreckliches Geheimnis - das verpackt ein Filmduo in einen unaufgeregt effektvollen Horrorfilm. Nahezu ohne Blutvergießen verstört er dennoch. Das Erfolgsgeheimnis: Der Filmplot könnte jeden treffen.
Mehr als 80 Filme buhlen im Februar 2016 um den Oscar als "Bester ausländischer Film". Wenn in der Jury Horrorfans säßen, stünde der Gewinner bereits fest: "Ich seh, Ich seh" aus Österreich. Mit wenig Masse und viel Klasse im Schauspielbereich sowie einer Story, die jedem von uns passieren kann, weiß der Film von Veronika Franz und Severin Fiala - produziert von Ulrich Seidl ("Hundstage", "Paradies"-Trilogie, "Im Keller") - voll zu überzeugen. Am Anfang ist das aber bei Weitem noch nicht absehbar.
Da sieht der Zuschauer zwei Jungen - Zwillinge -, die in einem Maisfeld mit mannshohen Pflanzen Verstecken spielen. Als sie nach Hause kommen, herrscht sie die Mutter (Susanne Wüst) an, ihre dreckigen Klamotten in die Waschmaschine und sich selbst doch schleunigst in die Badewanne zu packen. Die Mutter selbst erkennt der Zuschauer nicht. Sie trägt einen Verband um Kopf und Gesicht. Wieso? Keine Ahnung.
Am Abend sitzen die drei am Tisch und spielen. Einer der Jungen trägt ein Stück Papier an der Stirn mit einem Wort, die anderen müssen es erraten. Danach ist die Mutter dran. Doch obwohl sie immer mehr Hinweise auf ihre eigene Person als Lösung erhält, kommt sie nicht darauf. Verstörend. Irgendetwas muss vorgefallen sein.
Was ist passiert?
Im weiteren Filmverlauf erfährt der Zuschauer immer mehr kleine Details aus der Vergangenheit der Familie, etwa dass sich die Eltern haben scheiden lassen. Dass die Mutter eine schwere Kopf-OP hinter sich hat und das Bett hüten muss. Aufregung und Licht sind tunlichst zu vermeiden, weshalb die Kinder leise spielen sollen und die Jalousien an den Fenstern immer geschlossen bleiben müssen.
Wirkliche Antworten erhält der Zuschauer aber nicht. Kurz bevor genau das anfängt, zu nerven, gibt es den ersten großen Knall. Die Mutter rastet aus. Sperrt die Jungen im Zimmer ein. Die reagieren erst perplex, verbarrikadieren sich dann selbst. In ihnen wachsen Zweifel: "Ist das wirklich unsere Mutter?"
Was ist denn nun passiert?
Sie wollen der Sache auf den Grund gehen. Als ihre Mutter sie aus dem Zimmer lässt und sich entschuldigt, wacht sie am nächsten Morgen an Füßen und Händen ans eigene Bett gefesselt auf. Die Jungs tragen Masken und wollen wissen, wo ihre "Mama" ist. Nun ist die Mutter perplex. Sie wisse nicht, was das soll. "Bindet mich los!" Aber die kleinen Racker haben Fragen.
Da wäre etwa die andere Augenfarbe in natura und auf einem Foto. "Kontaktlinsen", lautet die scheinbar logische Antwort der Mutter. Das befriedigt die beiden Jungen ganz und gar nicht. Und da die Gefesselte nicht aufhört, zu reden, zu betteln und ihrerseits Fragen zu stellen, landet kurzerhand Klebeband auf ihren Lippen. Als sie dieses irgendwie abbekommt, macht Sekundenkleber das Ganze deutlich effektiver.
Ach, so war das …
Na endlich, denkt der geneigte Horrorfan: Jetzt passiert was! Aber wer auf Kunstblut und Splatter-Effekte setzt, ist bei "Ich seh, Ich seh" falsch. Allerdings geht der Film bereits seinem Ende zu - und das beinhaltet neben einem effektvollen Schluss auch die Antwort auf die Frage: Was soll das Ganze eigentlich?
Dabei liegt die Lösung bereits im Titel verborgen. "Ich seh, Ich seh" ist den meisten wohl eher bekannt als "Ich seh etwas, was du nicht siehst". Und genau wie bei dem alten Kinderspiel, heißt es auch beim Film der Seidl-Partnerin Franz hinter das Offensichtliche zu schauen; um die Ecke zu denken; seinen Augen erst einmal nicht zu vertrauen.
So bekommt auch der Twist am Filmende, der hier ungenannt bleiben soll, einen absolut nachvollziehbaren Sinn. Die kleinen Details am Rande fügen sich zu einem großen Ganzen zusammen. Dabei macht nun auch der überaus ruhige Erzählstil einen Sinn. Unaufgeregt und in unterkühlte Bilder gehüllt, setzt er dem Film wirkungsvoll die Krone auf, ist das i-Tüpfelchen auf diesem intelligent gemachten Horrorwerk aus unserem Nachbarland. Was wie Arthaus-Film mit österreichischem Akzent beginnt, löst sich in wohlwollendem und magenkribbelndem Suspense auf. "Ich seh, Ich seh" etwas, was du nicht siehst: Es könnte ein Oscar sein. Es sollte ein Oscar sein!